Anja Reschke

„Es herrscht bei vielen ein merkwürdiges Verständnis von Demokratie“

„Es war erschütternd, in wie vielen Gemeinden, in denen wir nachgefragt haben, das Problem bekannt ist“: Anja Reschke (47), „Panorama“-Moderatorin und Leiterin des NDR-Programmbereichs Kultur und Dokumentation, hat sich mit ihrer Redaktion mit dem Hass gegenüber Kommunalpolitikern beschäftigt. Die Ergebnisse der Recherchen nennt sie „schockierend“.
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„Es war erschütternd, in wie vielen Gemeinden, in denen wir nachgefragt haben, das Problem bekannt ist“: Anja Reschke (47), „Panorama“-Moderatorin und Leiterin des NDR-Programmbereichs Kultur und Dokumentation, hat sich mit ihrer Redaktion mit dem Hass gegenüber Kommunalpolitikern beschäftigt. Die Ergebnisse der Recherchen nennt sie „schockierend“.

„Die Demokratie ist kein Kaufhaus, sie funktioniert nur, wenn sich alle dafür verantwortlich fühlen“, sagt Anja Reschke. Mit ihrer NDR-Redaktion hat sich die „Panorama“-Moderatorin eingehend mit der Situation der Bürgermeister beschäftigt und Erschreckendes zutage gefördert.

„Wir vergasen dich wie die Antifa“, „Linke Schweine wie dich werden wir vorher entsorgen“ ... - Anja Reschkes NDR-Redaktion, die sich für einen Themenschwerpunkt eingehend mit der Situation der Lokalpolitiker beschäftigt hat, kann Derartiges reihenweise rezitieren. „Wir haben Politikerinnen und Politiker gesprochen, die wegen der Anfeindungen, denen sie ausgesetzt waren, einen Burn-Out erlitten haben und ihren Beruf aufgeben mussten“, erklärte die „Panorama“-Moderatorin und Leiterin des NDR-Programmbereichs Kultur und Dokumentation jetzt im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. Wie konnte es so weit kommen, und was ist jetzt zu tun? - Das NDR-Fernsehen sucht in der Reportage „45 Min - Bürgermeister unter Druck“ (Montag, 16. März, 22.00 Uhr) und im Zweiteiler „Unsere Bürgermeister“ (freitags, 20. und 27. März, 21.15 Uhr) nach Antworten. Anja Reschke (47) spricht vorab gegenüber der teleschau von „schockierenden“ Ergebnissen.

„Viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, mit denen wir gesprochen haben, haben uns von Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen berichtet“, so Anja Reschke. „Sie werden auf öffentlichen Veranstaltungen angefeindet, manche berichten, dass Eier auf ihre Privathäuser geworfen werden und nachts gegen ihre Fenster geklopft wird.“ Als Grund für die auch statistisch belegte extreme Zunahme solcher Auswüchse vermutet die NDR-Journalistin zum einen „die Enthemmung durch Social Media, das Bestätigtwerden von Laut-Sein“. Aber das Problem gehe ihrer Meinung nach noch tiefer, so Reschke: „Es herrscht bei vielen ein merkwürdiges Verständnis von Demokratie. Eher, als wäre sie so eine Art Dienstleistung, mit der Politiker den Bürger wie einen Kunden zu bedienen haben. Und wenn man mit dem Service nicht zufrieden ist, wehrt man sich eben. Das ist ein gefährliches Verständnis von Zusammenleben und Staat. Die Demokratie ist kein Kaufhaus, sie funktioniert nur, wenn sich alle dafür verantwortlich fühlen.“

„Worten folgen eben Taten“

Sie kenne das gleiche Phänomen als Journalistin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, führt Anja Reschke im Gespräch mit der teleschau aus: „Aus vielen Kommentaren oder Mails kann man eine völlig falsche Anspruchshaltung herauslesen. Nach dem Motto: Ich bezahle Sie von meinen Rundfunkbeiträgen, berichten Sie also gefälligst so, wie ich es will. Das ist aber nicht die Aufgabe von Journalismus. Und natürlich wird all das durch die Sozialen Medien verstärkt. Beschimpfungen in Social Media machen etwa die Hälfte aller Beleidigungen aus.“ Die traurige Konsequenz aus dieser Entwicklung: „Offenbar sinkt die Hemmschwelle, und Worten folgen eben Taten.“

Anja Reschke zeigt im Übrigen Verständnis für Menschen, die lieber einen Bogen um ein kommunalpolitisches Amt machen: „Persönlich kann ich jede und jeden verstehen, der oder die sagt, das tue ich mir nicht an.“ Aber, so die TV-Journalistin: „Eigentlich macht es doch Spaß, sich einzubringen und Dinge zu gestalten. Ich hoffe sehr, dass es weiterhin Menschen gibt, die sich in ihrer Heimatgemeinde engagieren.“

teleschau

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