„Ich war immer schon ein Tiefstapler“

Henry Hübchen im Interview

Henry Hübchen (72) zählt zu den bekanntesten Charakterdarsellern seiner Generation. Einst studierte er an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Ost-Berlin, bald gehörte er zu den gefragtesten Schauspielern der DDR. Seine bekanntesten Filme nach der Wende sind „Sonnenallee“ unter der Regie von Leander Haußmann, „Lichter“ unter der Regie von Hans-Christian Schmid und „Alles auf Zucker!“ unter der Regie von Dani Levy, für den er 2005 mit dem Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller geehrt wurde.
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Henry Hübchen (72) zählt zu den bekanntesten Charakterdarsellern seiner Generation. Einst studierte er an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Ost-Berlin, bald gehörte er zu den gefragtesten Schauspielern der DDR. Seine bekanntesten Filme nach der Wende sind „Sonnenallee“ unter der Regie von Leander Haußmann, „Lichter“ unter der Regie von Hans-Christian Schmid und „Alles auf Zucker!“ unter der Regie von Dani Levy, für den er 2005 mit dem Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller geehrt wurde.

Das Wort „Arbeit“ gefällt dem Schauspieler Henry Hübchen nicht so gut, wenn er über seinen Beruf spricht. Den Grund verrät er im Interview.

Henry Hübchen wundert sich, „wie viele Krimis gemacht werden, wie viele Kommissare und Kommissarinnen es gibt“. Und er ist damit vermutlich nicht alleine. Der 72-Jährige trägt allerdings selbst zur Inflation bei, etwa mit seiner Rolle als Kommissar Johannes Fischer im ZDF-Krimidrama „Die letzten Tage des Schnees“ (Montag, 3. Februar, 20.15 Uhr). Im Interview schmälert der Berliner seinen Anteil an der Produktion, setzt auf enormes Understatement. Außerdem berichtet der Ausnahmeschauspieler vom anstrengenden Dreh, seiner Arbeit im Allgemeinen - und davon, wie er danach abschalten kann.

nordbuzz: Herr Hübchen, einer der ersten Sätze in „Tage des letzten Schnees“ lautet: „Ich mag nicht mehr, ich will Frühling haben!“ Denken Sie das auch gerade?

Henry Hübchen: Nein. Im Moment denke ich das nicht - aber schon sehr oft, keine Frage. Für mich dürfen der November und der Dezember ruhig ausfallen, und stattdessen gibt es einen warmen Herbst mit einem knackig-kalten Ende samt Frost und Schnee. Und dann können die Krokusse kommen.

nordbuzz: Als Kommissar Fischer stehen Sie in regelmäßigen Abständen am Meer, in der Kälte, und denken nach. Haben Sie so etwas nach den Drehs, zum Feierabend, auch manchmal gemacht, um abzuschalten?

Hübchen: Überhaupt nicht. Wir haben alle Meer-Sequenzen an einem frühen Morgen gedreht. Ich musste um 4 Uhr aufstehen, um an den Strand zu fahren, und der war noch nördlich von Lübeck. Das war vollkommen unattraktiv, unromantisch, anstrengend, schrecklich. Dass ich da später alleine noch mal hinfahren würde, hat sich überhaupt nicht angeboten. Aber: Am Meer bin ich schon ganz gerne. Vor allem, wenn es warm ist und die Sonne gerade auf- oder untergeht.

nordbuzz: Was haben Sie denn gemacht, um nach der Arbeit abzuschalten? Und: Was lässt Sie generell von jetzt auf gleich runterfahren?

Hübchen: Na ja, runtergefahren bin ich eigentlich meistens während der Dreharbeiten. 90 Prozent davon bestehen aus Warten. Man wartet, dass umgebaut wird, dass neues Licht angerichtet wird, und so weiter. Am Ende des Tages wundert man sich, dass man so fertig ist. Es ist wohl dieses Ständige Warten und das zwischenzeitliche Konzentriertsein. Danach gehe ich ins Hotel, mache den Fernseher an und gucke irgendeine Sendung, bei der man nicht nachdenken muss. Irgendwelche Ratesendungen oder Spieleshows.

nordbuzz: Zum Abschalten brauchen Sie also nicht zwingend Gesellschaft, sondern eher Ihre Ruhe?

Hübchen: Genau.

nordbuzz: Sie haben mal gesagt, wenn Sie nicht arbeiten, leben Sie so in den Tag hinein. Fehlt Ihnen die Arbeit dennoch irgendwann?

Hübchen: Arbeit ist ein komischer Begriff.

nordbuzz: Inwiefern?

Hübchen: Arbeit ist in meinen Augen nicht nur positiv besetzt. Für meine Generation heißt Arbeiten, dass man das machen muss, um Geld zu Verdienen, also zu existieren. Da wird oft gesagt: „Musst du noch arbeiten, oder bist du schon Rentner?“ Ich persönlich bin nicht froh, ohne Arbeit zu sein. Und wenn ich nicht drehe, brauche ich immer eine Beschäftigung. Ohne Beschäftigung wäre mein Tag relativ langweilig, obwohl ich den Müßiggang schätze. Mit „in den Tag hineinleben“ meinte ich nur, selbstbestimmt zu sein. Also: Ich bestimme, was ich mache.

nordbuzz: Das Arbeiten als Filmschauspieler haben Sie auch mal beschrieben. Es sei wie Anhalterfahren: Man steige bei einem Film immer nur kurz zu ...

Hübchen: Das stimmt ja auch. Die Arbeit an einem Film beginnt mit dem ersten Strich des Autors auf einem weißen Blatt Papier. Irgendwann ist ein Drehbuch fertig, und man entschließt sich, es zu realisieren. Dann muss Geld gesammelt werden, und wenn das geklappt hat, wird über die Rollen nachgedacht - erst dann komme ich ins Spiel. Und von 30 Drehtagen steige ich nur ungefähr zehn oder zwanzig Tage dazu. Lassen wir es auch mal 30 Tage sein. Das ist dann aber schon eine Ausnahme. Da ist der Film durchschnittlich schon ein Jahr in Arbeit - und nach mir auch noch mal ein halbes Jahr oder noch länger, in der Post-Produktion, mit Schneiden, Ton, Musik, Lichtbestimmung und so weiter.

nordbuzz: Jetzt, wenn Sie einen Film promoten, arbeiten Sie aber wieder mit.

Hübchen: Ja, jetzt bin ich so eine Art Gallionsfigur, weil ich eben im Film zu sehen bin und viele andere nicht. Deshalb soll ich jetzt Verantwortung übernehmen für einen Film, den ich überhaupt nicht gemacht habe. Eigentlich habe ich gar nichts damit zu tun (lacht).

nordbuzz: So kann man das aber nicht sagen.

Hübchen: Na doch, so muss man das sagen. Ich habe den Film nicht geschrieben, habe ihn nicht geschnitten, habe die Musik nicht gemacht, und ich habe auch nicht entschieden, wer außer mir noch mitspielt. Und ich bin nicht der Regisseur, der eine Vision für den möglichen Film hat und dem wir Schauspieler folgen.

nordbuzz: Zum möglichen Erfolg haben Sie schon Ihren Teil beigetragen.

Hübchen: Jetzt reden wir doch mal Tacheles: Rechnen Sie mal aus, was mein Anteil an diesem Film ist. Ich gebe mein Bestes, aber ich kann nicht beeinflussen, dass der Film auch da ankommt, wo er ankommen soll.

nordbuzz: Sie sind sehr bescheiden.

Hübchen: Das ist nicht bescheiden, das ist realistisch. Ich könnte natürlich auch hochstapeln und sagen: „Hier, das ist mein Film!“ (lacht)

nordbuzz: Machen Sie aber nicht.

Hübchen: Ich war immer schon ein Tiefstapler.

nordbuzz: Warum lieber das?

Hübchen: Ich halte nichts vom Hochstapeln. Ist doch langweilig. Bescheidenheit steht einem immer besser. Wobei die bei mir auch manchmal Koketterie ist (lacht).

„Habe immer von Film zu Film Verträge gemacht“

nordbuzz: Zurück zum Ein- und Aussteigen. Hätte man Sie gefragt, ob Sie den Kommissar Fischer auf Dauer spielen wollten, was hätten Sie gesagt?

Hübchen: Dann hätte ich gesagt: „Das ist nicht uninteressant. Kann ich mir vorstellen, lass uns das mal angehen!“ Aber nur als Episoden. Ich würde keinen Vertrag machen, in dem stünde, dass ich jedes Jahr drei Filme machen muss. So was habe ich noch nie gemacht, auch nicht, als ich „110“ gemacht habe. Ich habe immer von Film zu Film Verträge gemacht. Aber wenn ich mich mal auf eine Reihe eingelassen hatte, dann gab es für mich auch eine moralische Verpflichtung der Treue, unabhängig von Verträgen.

nordbuzz: Hat das einen Grund?

Hübchen: Ich will mich einfach nicht festlegen auf etwas, das ich überhaupt nicht kenne. Und die Rolle des Kommissars ist in „Die letzten Tage des Schnees“ auch nicht die attraktivste Männerrolle.

nordbuzz: Sagen Sie.

Hübchen: Natürlich sage ich das, ich bin ja auch gerade derjenige, der mit Ihnen redet (lacht). Ernsthaft: Die beiden anderen sind von den Haltungen und Vorgängen viel interessanter.

nordbuzz: Aber Sie mögen Ihre Rolle schon?

Hübchen: Ich habe es als Aufgabe gesehen, es irgendwie hinzukriegen, dass der Kommissar neben den beiden anderen emotionalen Rollen noch zu sehen ist. Außerdem fand ich das Drehbuch insgesamt sehr gut.

nordbuzz: Letzte Frage: Wenn Sie an drehfreien Tagen den Fernseher einschalten, gefällt Ihnen das Programm - oder denken Sie: Das geht noch viel besser?

Hübchen: Kann ich nicht beantworten. Weil es ja so viele Programme gibt, dass ich darüber nicht mal ein Halbwissen habe. Ich kann nur sagen, dass ich mich wundere, wie viele Krimis gemacht werden, wie viele Kommissare und Kommissarinnen es gibt. Man bekommt das Gefühl, die Bundesrepublik bestehe nur aus Verbrechern und Polizisten (lacht).

teleschau

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