Professor und ZDF-Moderator

Harald Lesch beklagt verpasste Chancen in der Krise: „Aktuell verdienen die Hedgefonds - unglaublich!“

Professor Harald Lesch blockt sorgenvoll in die Zukunft: "Ich hoffe, dass wir nicht zu einem Business-as-usual zurückkehren, sondern wirklich was gelernt haben."
+
Professor Harald Lesch blockt sorgenvoll in die Zukunft: „Ich hoffe, dass wir nicht zu einem Business-as-usual zurückkehren, sondern wirklich was gelernt haben.“

Wird in der Coronakrise die Chance verpasst, die Gesellschaft zukunftsfähig zu machen? Professor Harald Lesch fürchtet ja. Dem Wissenschaftler und ZDF-Moderator ist vor allem der Finanzsektor ein Dorn im Auge.

Er war jahrelang der TV-Gelehrte, auf den sich fast alle einigen konnten. Keiner erklärte die Welt der Wissenschaft den Fernsehzuschauern so eloquent, so verständlich, so mitreißend wie Harald Lesch, Professor für Physik an der LMU München. Auch in der Coronakrise hält sich der 59-Jährige nicht mit wortgewaltigen Analysen zurück - ein Unterfangen, mit dem man sich nicht nur Freunde macht.

Im Interview mit Nachrichtenagentur teleschau bekräftigt Lesch nun Lob und Kritik am Umgang der Deutschen mit der Pandemie. „Zunächst war ich sehr beeindruckt von der Disziplin und der Art und Weise, wie die Menschen auf die Krise reagiert haben“, erklärt der ZDF-Moderator. Inzwischen aber laufe die Diskussion über Freiheitseinschränkungen „ziemlich aus dem Ruder“. Jenen, die die Coronaregeln in Deutschland für zu massiv halten, empfiehlt der Astrophysiker und Naturphilosoph den Blick nach Italien, Spanien oder Frankreich: „Da gab es wirkliche Einschränkungen. Trotzdem gibt es Kommentare und Artikel, die sogar meinen, die Deutschen seien viel zu gehorsam.“

Zu zögerlich hingegen reagiere die Politik mit Blick auf die Gesellschaft der Zukunft: Lesch zeigt sich „überrascht, dass wir die Gelegenheiten nicht wahrgenommen haben, eine Transformation hin zu einer ökologischeren Gesellschaft zu wagen“. Schließlich habe das Gegenargument immer gelautet: „Wir können das nicht machen, weil das wie die Umwandlung eines Segelschiffs bei voller Fahrt in einen elektrischen Superkreuzer wäre. Nun hatten wir aber die Zeit - und unser Schiff lag die ganze Zeit im sicheren Hafen. Wir hätten viel machen können.“

„Finanzsektor an den Kosten der Pandemie beteiligen“

Angesichts der Neuverschuldung aller Länder in Europa wäre es „doch nur zu natürlich, endlich mit Steuerhinterziehung, Steuerschlupflöchern, Steuerparadiesen oder sonstigen steuerlichen Optimierungsverfahren endlich Schluss zu machen“. Lesch: „Ich hätte mir gewünscht, dass der Finanzsektor, der sich ja, wenn man die Börsenkurse betrachtet, völlig von der Realität verabschiedet hat, durch eine wirklich wirksame Transaktionssteuer an den Kosten der Corona-Pandemie beteiligt wird. Aktuell verdienen die Hedgefonds - unglaublich!“ Im Gesamtbild bewertet Harald Lesch die Krise im teleschau-Gespräch als „ein starkes Argument für einen starken Staat und nicht für eine durch Sparmaßnahmen ausgehöhlte und personell ausgedörrte staatliche Hülle, die dem Turbokapitalismus neoliberaler Art Tür und Tore öffnet“.

Dass die Regierungen in Bund und Ländern für derlei Weichenstellung auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens keine Zeit hatten, hält der Wissenschaftler zwar für nachvollziehbar. Doch nun, da es an das „Verteilen der Mittel“ gehe, müsse genauer gefordert werden: „Infrastruktur für die kommenden Generationen, die müssen wir bereitstellen, in Bildung, Energie, Umwelt und Gerechtigkeit. Das können wir jetzt noch viel leichter anpacken. Ich hoffe, dass wir nicht zu einem Business-as-usual zurückkehren, sondern wirklich was gelernt haben.“

Derweil gibt es für den Fernsehprof zumindest schrittweise eine Rückkehr in die TV-Normalität: Während sich die kommende Ausgabe von „Leschs Kosmos“ (Dienstag, 14. Juli, 23 Uhr, im ZDF) dem „Kampf ums Wasser“ widmet, beleuchtet er bereits zuvor in der „Terra X“-Show (Mittwoch, 8. Juli, 20.15 Uhr) gemeinsam mit Prominenten die „Rätsel der Welt“.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare