Er wollte die Menschen zum Singen bringen

Gotthilf Fischer war der berühmteste Chorleiter aller Zeiten

Er war nicht weniger als der "Welt-Chorleiter": Gotthilf Fischer ist tot. Er wurde 92 Jahre alt.
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Er war nicht weniger als der „Welt-Chorleiter“: Gotthilf Fischer ist tot. Er wurde 92 Jahre alt.

Deutschland verliert einen echten Menschenfreund: Gotthilf Fischer ist tot. „Singen tut der Seele gut“, sagte er über seine Mission, die ihn zum erfolgreichsten Chorleiters der Welt werden ließ.

„Ich will die Menschen zum Singen bringen“, sagte er einst im Interview. Das sei schon sein ganzes Leben lang so gewesen. Gotthilf Fischer avancierte von seiner Mission getrieben zum berühmtesten Chorleiter aller Zeiten. Das Singen war sein Leben, es fand am vergangenen Freitag, 11. Dezember, ein Ende. Er sei „friedlich eingeschlafen“, wurde seine Managerin am Mittwochnachmittag in diversen Medienberichten zitiert. Gotthilf Fischer wurde 92 Jahre alt.

Er lächelte eigentlich immer, und manchmal wurde er belächelt, aber nie meinte es einer wirklich böse mit Gotthilf Fischer, dem das Lächeln der anderen ohnehin nichts ausmachte. Eine Legende, die er bereits zu Lebzeiten war, stört sich doch an so was nicht. Fischer trug das deutsche Volkslied in die Welt hinaus und wurde nebenbei selbst zum Kulturgut. Und obwohl die ARD seine Kultsendung „Straße der Lieder“ 2007 nach 13 erfolgreichen Jahren einstellte, ließ sich sehr lange nicht behaupten, der umtriebige Schwabe hätte sich aufs Altenteil zurückgezogen. Bis in seine hohen 80er-Jahre hinein war er in seiner musikalischen Sache engagiert wie eh und je. Auch der Tod seiner Frau Hilde, die 2008 nach 59 Jahren von ihm ging, hielt ihn nicht davon ab.

Noch in den 2010er-Jahren brachte der Plochinger diverse CDs auf den Markt. Und er war selbst im hohen Alter ein erfolgreicher Künstler: Für über 15.000.000 Streams und Downloads seiner Aufnahme „Freude schöner Götterfunken“, zur Europawahl 2019 auch als „European Hymn“ veröffentlicht, erhielt Gotthilf Fischer aus der Hand von EU-Kommissar Günther H. Oettinger am 24. Juli 2019 in Ludwigsburg den „Impala-Award in Gold“ überreicht.

„Singen tut der Seele gut“

Wann immer er die Gelegenheit dazu fand, machte Gotthilf Fischer Werbung für seine Mission. „Ach, wenn die Leute nur wüssten, wie gesund das Singen ist“, dozierte er. „Singen ist lebensnotwendig, wir haben die Stimme ja nicht erfunden, sondern man hat sie uns von Geburt an mitgegeben. Ich behaupte sogar, die Ärzte müssten den Menschen ab 50, 60 Jahren das Singen verschreiben.“ Einer, der mit 14 Jahren seinen ersten Chor gründete und in 70 Jahren über 16 Millionen Platten verkauft hat, durfte so etwas ruhig mal einfordern. Immerhin hatte ihn die Presse schon „Therapeut der wunden Seelen“ genannt.

Ihm wird das gefallen haben. „Singen tut der Seele gut“, erklärte Fischer unentwegt. „Ich sehe das schon bei meinen Chorproben. Da kommen viele mit schlechter Laune an, weil sie zum Beispiel im Stau standen, und manche sehen ganz alt aus. Wenn die aber singen und sich in die Texte vertiefen, sehen die nach einer halben Stunde nicht nur glücklich, sondern zehn Jahre jünger aus.“ Bei ihm, der auch im hohen Alter eine schier unermüdliche Lebensfreude ausstrahlte, schien die Therapie jedenfalls zu wirken.

„Man muss sich zur Freude bekennen und Freude ausstrahlen“

Vielleicht war Authentizität das Geheimnis. Und seine positive Weltsicht, die stets von einer beinahe kindlichen Naivität geprägt zu sein schien. Das funktionierte, weil Gotthilf Fischer genau das tat, was er immer tun wollte: Singen. „Ich wurde da hineingeboren“, erklärte er. „Entweder bist du für einen Beruf geboren oder du bist ewig geschlaucht. Wer etwas machen muss, das er nicht kann, der ist sein Leben lang ein armer Kerl. Wenn aber einer das machen darf, wofür er geboren ist, dann kann er sich glücklich schätzen.“ Er sah sich dabei keineswegs als Weltverbesserer, aber als einer, der anderen bei der Suche nach dem Glück ein wenig auf die Sprünge helfen möchte.

„Man muss sich zur Freude bekennen und Freude ausstrahlen. Wenn ich den Menschen dienen und ihnen mit meiner Musik etwas Kraft geben darf, dann bin ich fast ein singender Missionar“, sagte der Mann, der seit etwa 50 Jahren, genauer gesagt: seit einem ziemlich heiklen Landeanflug auf Rio de Janeiro, Kreuze sammelte. „Die Wolken hingen tief, die Sicht war schlecht, das Flugzeug sank und sank, und plötzlich erblickte ich diese riesengroße Christusfigur am Kreuz direkt vor meinen Augen.“

„Ja, Gott half mir“, sagte er, ein demütiger Chorleiter von Weltrang immerhin. Gotthilf Fischer wusste halt, bei wem er sich zu bedanken hatte. Er kam als Sohn eines Zimmermeisters, der in seiner Freizeit viel musizierte, früh mit der Musik in Kontakt. Also alles kein Zufall - nicht einmal der schöne Vorname. Gotthilf Fischer hatte einst im Interview die Geschichte dazu parat: „Meine Mutti hatte vor meiner Geburt auf der Fahrt in die Klinik einen Unfall. Der Taxifahrer war tot, die Ärzte sagten, die Frau kommt nicht davon, das Kind kommt nicht auf die Welt. Meine Mutti kam davon, ich kam zur Welt, und die Schwestern sagten zu meinem Vater: 'Das ist so ein Wunder, eigentlich muss der Junge Gotthilf heißen!“

Wahrscheinlich rührt schon daher die Bescheidenheit Fischers, der fürwahr allen Grund zum Protzen gehabt hätte. 1974, beim Finale der Fußball-WM in München, hatten die Fischerchöre ihren größten Auftritt - vor 1,8 Milliarden Menschen, wie er trocken hinzufügt. „Das hat die Sache mit einem Schlag weltberühmt gemacht. Danach ging es los. Wir sangen bei drei Päpsten, bei Jimmy Carter im Weißen Haus, vor den Pyramiden ...“

Und später, im Alter? - War es eigentlich wie immer. Fischer wurde ein bisschen belächelt, als er mit kuriosen Ideen, wie der Gründung einer „singenden Volkspartei“ hausieren ging, und trotzdem wurde er stets von allen gemocht und respektiert. In den Nullerjahren sang er „besonders gerne in einem Altenheim oder im Krankenhaus. Das ist mir genauso wichtig wie eine riesige Veranstaltung vor zigtausend Menschen.“

Dazu passte, was der sympathische Schwabe über seine Sicht auf den Tod zu Protokoll gab: „Wenn Gott zu mir sagt, es ist Zeit, dann muss ich abhauen. Der Tod ist die einzige Wahrheit“, sagte Fischer nachdenklich, um gleich wieder zum Flachs zurückzufinden: „Was ich alles erlebte, Abstürze, Unglücke, da ist man normalerweise schon zehnmal gestorben. Aber wenn er es will, dann bist du weg, dann kannst du umfallen, und das war's. Wenn du montags stirbst und wirst mittwochs beerdigt, dann sagt die Verwandtschaft: Am Donnerstag hätten wir Zeit gehabt ... Was ich sagen will: Wir leben so kurze Zeit, also was soll der Quatsch!“

Lebensfreude als tragfähiges Programm für ein ganzes Leben - bei ihm ging das wirklich. „Mein Motto ist: Wenn man am Boden ist, muss man lächelnd aufstehen und weiter marschieren“, sagte er. „Wer im Leben nicht 20, 30 Niederlagen einstecken kann, der kommt nicht weit. Selbst dass ich mal beschissen und belogen wurde, sehe ich so im Nachhinein positiv.“

Der „Welt-Chorleiter“

Ehre, wem Ehre gebührt: Die „Süddeutsche Zeitung“ nennt Fischer, der niemals eine musikalische Ausbildung genossen hatte, im Nachruf den „Welt-Chorleiter“, der frühere „Hitparaden“-Moderator und Weggefährte Uwe Hübner schrieb auf Facebook: „Er war ein liebenswerter und hoch zu respektierender Mensch.“ Er sei bereits am Mittwoch beerdigt worden, hieß es in Medienberichten.

Wer sich seiner erinnern will, kann dies unter anderem an einem ganz besonderen Ort tun: Im fränkischen Wilhermsdorf, wo er den Verein „Bund zum Erhalt des deutschen Liedguts“ ins Leben gerufen hat, ist Gotthilf Fischer ein Café und Museum gewidmet.

teleschau

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