„Unendliches Leben bedeutet eine Horror-Vision“

Friedrich Mücke im Interview

Immer wieder Hauptrollen - und doch beim breiten Publikum noch so ein bisschen Geheimtipp: Friedrich Mücke 2018 bei der Premiere von Bully Herbigs Films "Ballon", in dem er die Hauptrolle spielte. Nun verkörpert der 39-jährige Berliner im Science-Fiction-Gedankenspiel "Exit" (ARD) einen Geschäftsmann, der mit dem ewigen Leben handelt.
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Immer wieder Hauptrollen - und doch beim breiten Publikum noch so ein bisschen Geheimtipp: Friedrich Mücke 2018 bei der Premiere von Bully Herbigs Films „Ballon“, in dem er die Hauptrolle spielte. Nun verkörpert der 39-jährige Berliner im Science-Fiction-Gedankenspiel „Exit“ (ARD) einen Geschäftsmann, der mit dem ewigen Leben handelt.

Ex-„Tatort“-Kommissar Friedrich Mücke spielt im Science Fiction-Film „Exit“ einen Jungunternehmer, dessen Firma durch digitale Konservierung von Menschen das ewige Leben in Aussicht stellt. Für den 39-jährigen Schauspieler und Vater dreier Kinder wäre dies eher ein Schreckensszenario.

„Exit“ (Mittwoch, 28. Oktober, 20.15 Uhr) ist der erste Beitrag in einer Reihe von ARD-Fernsehfilmen, die sich im fürs TV eher ungewöhnlichen Science Fiction-Format mit Fragen einer nahen Zukunft auseinandersetzen. Im Gedankenspiel der Grimmpreisträger Sebastian Marka (Regie) und Erol Yesilkaya („Drehbuch), die mit “Tatort„-Krimis wie “Meta„ oder “Die Wahrheit„ Furore machten, spielt der 39-jährige Schauspieler einen Unternehmer, dessen Geschäftsidee das ewige Leben über eine perfekt erscheinende Simulation Verstorbener ermöglicht. Der kurzzeitige “Tatort„-Kommissar - Friedrich Mücke stand 2013 dem nur zwei Folgen währenden “jungen„ Erfurter Team vor - spricht im Interview über die bereits heute großen Schwierigkeiten, wenn es darum geht, echtes von falschem Leben zu unterscheiden. Den Traum von der eigenen Unsterblichkeit hält der Matthias Schweighöfer-Kumpel (“Friendship„, “Vaterfreuden") eher für ein Schreckensszenario - mit einer durchaus interessanten Begründung.

nordbuzz: Ein vom deutschen Fernsehen produzierter Science Fiction-Film ist ein eher ungewöhnliches Projekt. Warum eigentlich?

Friedrich Mücke: Vielleicht weil man beim Genre Science Fiction immer an amerikanische Produktionen denkt, die mit großen Budgets entstehen. Dabei vergisst man, dass wir Europäer das Genre ganz anders interpretieren können. Zwei Aspekte sind bei Science Fiction enorm wichtig: die Geschichte und die Ästhetik. Wobei sich die Form stark aus dem Inhalt speist.

nordbuzz: Welche Inhalte kann das Genre Science Fiction verhandeln?

Mücke: Das Genre darf sich trauen, Geschichten zu erzählen, die „bigger than life“ sind. Man braucht keine Angst zu haben, die ganz großen Themen anzupacken: Liebe, Tod, ewiges Leben. Science Fiction hat auch mit dem schönen Wort Pathos zu tun. Pathos muss keineswegs immer dumm rüberkommen. Andererseits gebe ich zu, dass es natürlich Zukunfts-Geschichten gibt, die sich tatsächlich nur mit großen Budgets realisieren lassen. Dennoch lässt sich so etwas wie „Exit“ - mit viel Fantasie bei den Kreativen - sehr gut mit dem Medium Fernsehen realisieren.

„Wir müssen akzeptieren, dass wir es nicht mehr mit echten Menschen zu tun haben“

nordbuzz: In den letzten Jahren beschäftigen sich immer mehr Filme oder Serien wie „Black Mirror“ mit Geschichten aus der nahen Zukunft. Liegt das daran, dass sich unsere Lebensumwelt immer schneller drastisch verändert?

Mücke: Ich denke, genau das ist der Grund. Das Tempo des technischen Fortschritts ist atemberaubend. Er beschäftigt und überfordert uns. Auch die Frage, was real ist, wird immer dringlicher, je echter das Künstliche in unserer Umwelt wirkt. Man muss sich klarmachen, wie schnell Technik unsere Lebensweise revolutionierte. Meine Eltern verbrachten noch die Hälfte ihres Lebens ohne Computer und Handy. Meine Generation ist da schon recht jung reingewachsen. Meine Kinder kennen schon gar keine andere Welt mehr. Trotzdem ist es meine Aufgabe als Vater, den Kindern ein Bewusstsein für den Umgang mit dieser hochtechnisierten Welt zu vermitteln. Ich empfinde das als eine große, sehr wichtige - aber auch schwierige Aufgabe.

nordbuzz: „Exit“ erzählt von der Schwierigkeit und dem ethischen Problem, künstliches von echtem Leben zu unterscheiden. Wird uns diese Frage bald intensiver beschäftigen?

Mücke: Ich finde, das tut sie heute schon. Und damit meine ich noch nicht mal Künstliche Intelligenz, die Verstorbene konserviert und weiterführt, sondern das, was Menschen jetzt schon in den sozialen Netzwerken praktizieren. Wer präsentiert sich dort schon so, wie er oder sie wirklich ist? Es ist ein Spiel, das viele von uns mitspielen. Selbst wenn ich sage, ich bin mir bewusst darüber, dass es so ist, ich bin mir nicht sicher: Hat sich mein Instagram-Avatar nicht längst verselbständigt?

nordbuzz: Also erschrecken Sie ein bisschen vor Ihrem selbst geschaffenen, digitalen Ich?

Mücke: Ich mache mir zumindest darüber Gedanken. Auch darüber, wie ich die anderen sehe. Ich habe das Gefühl, ich kenne etwa 50 prominente Menschen. Dabei kenne ich sie nur so, wie sie sich selbst auf Instagram präsentieren. Jeder, der selbst einen Kanal hat, weiß aber, dass man dort ein Bild von sich schafft, das nur bedingt etwas mit der Realität zu tun hat. Wenn wir mit anderen Menschen nur noch über ihre Social Media Repräsentanz kommunizieren, müssen wir akzeptieren, dass wir es nicht mehr mit echten Menschen zu tun haben.

„Leben ist wertvoll in seiner Endlichkeit“

nordbuzz: In „Exit“ schafft es ein Start-up, die Emotionen eines Menschenlebens vollständig zu digitalisieren. Damit hat man mehr als den halben Weg zum ewigen Leben geschaffen - zumindest in der Konserve. Ein Schreckensszenario oder auch tröstliche Idee?

Mücke: Mich frustriert diese Idee eher. Leben ist wertvoll in seiner Endlichkeit. Unendliches Leben hingegen bedeutet eine Horror-Vision. Auch deshalb, weil unser Leben vor allem in der Gemeinschaft bedeutsam und erfüllend wird. Was mir Sorgen macht, ist die scheinbare Zufriedenheit über unsere Vereinzelung. Gruppen, Sportvereine, gemeinsam Musik machen - diese Dinge werden in unserer Erfahrungswelt immer seltener. Nehmen wir das Konzerterlebnis, früher hat man das als Gemeinschaftserlebnis mitgenommen. Heute - oder, als es noch ging - filmte man das Ereignis mit dem Handy mit, anstatt es zu fühlen.

nordbuzz: Aber wird unsere Erlebniswelt dadurch eindeutig ärmer?

Mücke: Ich finde, ja. Man filmt oder fotografiert ständig Dinge fürs private Erinnerungs-Archiv oder zum virtuellen Teilen. So opfert man den wertvollen Gemeinschaftsmoment für ein Statement, eine Repräsentation von sich selbst im virtuellen Raum. Das Ganze ist ja auch längst zu einer Idee davon geworden, wie ein Mensch heutzutage zu sein hat. Jeder muss super-individuell sein, sich in dieser Eigenschaft aber komplett zurückziehen. Über die Vereinzelung gehört man sozusagen zur Gemeinschaft. Das sind schon Dinge, die mich stören - und auch ein wenig besorgen.

nordbuzz: Sie sagen, dass wir immer mehr vereinzeln. Aber wie passen große Bewegungen wie zum Beispiel für den Klimaschutz in dieses Zukunftsszenario?

Mücke: Ich finde, die passen da durchaus rein. Ich will nicht darüber urteilen, welche Demonstrationen oder Bewegungen aus welchem Grund sinnvoll sind. Ich habe aber schon das Gefühl, dass sich die Idee der Demonstration heute geändert hat. Früher fühlte man sich dort in einer großen Gemeinschaft, die von einer Idee vereint wurde. Heute gehen viele Menschen mit einer eigenen Agenda auf die Straße. Deshalb treffen sich bei manchen Demos auch so viele Menschen, die scheinbar gar nicht auf einen Nenner zu bringen sind. Wenn man sich die Schilder auf einer solchen Demonstration anschaut, kommt man manchmal auf den Gedanken, dass dort jeder mit einer eigenen Idee auftritt. Ich möchte das nicht kritisieren, aber es ist für mich ein Zeichen für die Vereinzelung, die ich überall in dieser Gesellschaft und Zeit erkenne.

„Wir sehen, zu was wir in der Lage wären ...“

nordbuzz: Ist das Zukunfts-Szenario von „Exit“ eine reine Horror-Vision?

Mücke: Was ich gut finde an dem Stoff, ist, dass sich der Mensch darin auch in seiner Neugier zeigt. Die digitale Revolution der letzten 25 Jahre beweist ja auch die fantastische Kreativität und Schöpfungskraft von uns Menschen. Wir sehen, zu was wir in der Lage wären, wenn wir die Dinge in eine richtige Richtung lenken würden. Die großartigsten Zukunfts-Szenarien könnten wahr werden, wenn wir es schaffen würden, mit all unseren Erfindungen und Möglichkeiten richtig umzugehen. Komischerweise führt der Fortschritt in vielen Fällen dazu, dass alte Werte verloren gehen.

nordbuzz: Wie meinen Sie das?

Mücke: Die neue digitale Lebensrealität neigt meiner Ansicht nach dazu, alte - sozusagen analoge - Werte über den Haufen zu werfen. Ich habe drei Kinder und finde es tatsächlich oft schwierig, ihnen traditionelle Werte zu vermitteln, wenn die neue Lebenswirklichkeit diesen Werten komplett entgegensteht. Man will ja auch nicht wie jemand wirken, der von der Gegenwart keine Ahnung hat. Trotzdem sieht man auch an dieser Hilflosigkeit, wie schnell sich unser Leben in den letzten Jahren verändert hat.

nordbuzz: Kommen wir zum Abschluss noch mal auf das Genre Science Fiction zurück. Welche Filme waren früher prägend für Sie?

Mücke: Da habe ich keine. Das Genre spielte in meiner filmischen Sozialisation keine große Rolle.

nordbuzz: Mögen Sie keine Genre-Filme?

Mücke: Doch, durchaus. Aber für mich war eher das Thriller-Genre prägend - und die Komödie. Science Fiction-Filme habe ich für mich eher in den letzten Jahren entdeckt. „Arrival“ war einer der besten Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe. Letztendlich bewegen uns Filme deshalb, weil sie mit unserem eigenen Leben zu tun haben. Dabei ist es unerheblich, ob sie in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft spielen. Science Fiction ist oft nur ein Vehikel, um Dinge zu erzählen, die uns jetzt schon enorm beschäftigen.

teleschau

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