Kein Platz für Corona-Leugner!

Frank Plasberg im Interview

Ein Jahr, das sowohl das Fernsehen als auch seine Zuschauer veränderte. Frank Plasberg blickt auf 2020 zurück. In Form von "Das Quiz", aber auch mit markanten Erinnerungen aus seinem Polit-Talk "Hart aber fair."
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Ein Jahr, das sowohl das Fernsehen als auch seine Zuschauer veränderte. Frank Plasberg blickt auf 2020 zurück. In Form von „Das Quiz“, aber auch mit markanten Erinnerungen aus seinem Polit-Talk „Hart aber fair.“

In seinem ARD-Jahresabschluss „Das Quiz“ lässt Frank Plasberg das Jahr 2020 Revue passieren. Auch sein Polit-Talk „Hart aber fair“ stand ganzjährig unter dem Eindruck der Pandemie - und förderte für den 63-Jährigen einige verblüffende Erkenntnisse über unsere Gesellschaft zutage.

Wenn mit Günther Jauch, Barbara Schöneberger, Jan Josef Liefers und Ralf Schmitz außergewöhnlich prominente Deutsche ihr Wissen über das beinahe abgelaufene Jahr 2020 im Fernsehen testen, muss es sich um Frank Plasbergs traditionellen Jahresabschluss „Das Quiz“ im Ersten handeln (Mittwoch, 30. Dezember, 20.15 Uhr). Selten war es jedoch so schwer, unterhaltend auf ein Jahr zurückzublicken. Dennoch brachte 2020 auch viele überraschende Erkenntnisse über Werte, Gesellschaft und politisches Personal in Deutschland hervor. Im Interview blickt Frank Plasberg auf ein sehr besonderes Talk-Jahr zurück, in dem sich nicht nur das Fernsehen verändert hat, sondern auch die Menschen, die in ihm auftreten.

nordbuzz: Herr Plasberg, wie viele Fragen von „Das Quiz“ haben 2020 mit Corona zu tun haben?

Frank Plasberg: Wir werden nicht so tun, als hätte es dieses Jahr keine Masken und besondere Umstände gegeben - aber es wird definitiv kein Corona-Quiz. Die Pandemie soll nicht wie Mehltau über der ganzen Sendung liegen. Sicher, das Thema wird vorkommen. Wir tragen aber auch dem nachvollziehbaren Wunsch der Zuschauer Rechnung, abseits von Corona ein normales Leben führen zu wollen. Wenn man sich mit 2020 beschäftigt, ist es ohnehin interessant, wie viele interessante Ereignisse sich unter dem Corona-Radar zugetragen haben.

nordbuzz: Haben Sie mal durchgezählt, wie viele Ausgaben von „Hart aber fair“ Corona zum Thema hatten?

Plasberg: Nein, durchgezählt nicht. Doch ab März werden es sicher die meisten gewesen sein. Wir haben uns bemüht, besondere Aspekte der Pandemie herauszukehren - um nicht zu langweilen und dem Zuschauer einen guten Service zu bieten. Wir haben zum Beispiel sehr früh eine Sendung übers Impfen gemacht, danach eine über die Perspektive von jungen Menschen in dieser Zeit unter dem Titel „Nur einmal jung - und dann im Lockdown“. Die Krise hat ja viele Gesichter.

„Lauterbachs Zeitpläne haben bis jetzt immer gestimmt“

nordbuzz: Sie hatten also nie das Gefühl, die Menschen sind komplett genervt vom Thema Corona?

Plasberg: Das Interesse orientierte sich an den Infektionszahlen und dem Ernst der Lage, würde ich sagen. Im Sommer war eine Phase des Durchatmens da. Da konnte man auch mal die zarten Pflänzchen anderer Themen hegen und pflegen. Doch so, wie die Krise wieder durchschlägt, kann man sagen: Das Informationsbedürfnis der Menschen ist ausgesprochen hoch.

nordbuzz: Hatte die besondere Lage auch besondere Sendungen zur Folge?

Plasberg: Ja, allein schon deshalb, weil wir ohne Publikum senden. Was mir persönlich leid tut. Nicht nur, weil ich die Reaktionen der Zuschauer als Gradmesser der Diskussion sehr schätze, sondern auch, weil die Abstände zwischen den Menschen auf der Bühne sehr groß sind. Das hatte schon bisweilen ein distanzierteres Diskutieren und Moderieren zur Folge.

nordbuzz: Würden Sie sagen, dass ein Publikum die Diskussion auch inhaltlich verändert?

Plasberg: Ja, ein wenig schon. Am Anfang der zuschauerlosen Zeit hatte ich Profigäste in der Sendung, die auf Pointe gesprochen haben - und dann kam eben nichts, keine Reaktion. Es war schon auffällig. Deshalb habe ich irgendwann mal gesagt: Schweigen - oder die Pause - das ist der neue Applaus. Das tut manchmal auch ganz gut! Man erlebt durch fehlende Publikums-Interaktion bisweilen intimere Momente. Mir persönlich fehlen die Leute jedoch. Ich mache ja auch das Warm-up normalerweise selbst. Es hilft mir, um ein bisschen auf Temperatur zu kommen und die Stimmung des Abends zu erfühlen.

nordbuzz: Wann, glauben Sie, werden sie wieder normale Sendungen produzieren können?

Plasberg: Wir beim Fernsehen haben ja - ähnlich wie die Fußball-Bundesliga - früh gelernt, mit dem Virus zu leben. Ans tägliche Testen gewöhnt man sich ebenso wie an die Abwesenheit von Publikum. Trotzdem feiere ich jetzt schon so ein bisschen den letzten Jahreswechsel unter Corona-Bedingungen. Weil ich mit der begründeten Hoffnung lebe, dass wir in einem Jahr das Thema weitgehend hinter uns haben werden. Ich bin ja ein großer Fan von Karl Lauterbach - und dessen Zeitpläne haben bis jetzt immer gestimmt.

„Peter Altmaier für mich ein Held, wie auch Olaf Scholz“

nordbuzz: Welchen Zeitplan hat denn Herr Lauterbach verkündet?

Plasberg: Am Anfang sagte er mal, wir werden bis Ende 2021/Anfang 22 damit zu tun haben, da bekam ich schon Schnappatmung. Lauterbach sagte auch schon im Spät-Sommer, dass wir im Januar einen Impfstoff haben werden, der die Wende bringt. Insofern vertraue ich auch weiterhin auf seine Expertise.

nordbuzz: Hatten Sie eine „Hart aber Fair“ -Lieblingsdiskussion in diesem Jahr? Eine, nach der sie dachten: Das war heute richtig klasse ...

Plasberg: Nein, aber es gibt immer gelungenere und weniger gelungene Abende. Wir hatten 2020 deutlich mehr Menschen in der Sendung, die davor noch nie vor einer Fernsehkamera oder in einem TV-Studio standen. Das macht manche Fernsehmacher nervös, in jedem Fall bedeutet es eine besondere Verantwortung. Wir hatten unter anderem eine Sendung über Alten- und Pflegeheime. Darüber, wie es ist, wenn man nicht besuchen und trösten kann. Ich fand diese Sendung sehr bewegend. Dazu kam, dass wir 2020 sehr viele Schalten über Skype oder Facetime geführt haben. Auch mit dieser Technik, ihren Verzögerungen sowie schlechter Bild- und Tonqualität, musste man zurechtkommen. Wir haben uns alle aus unseren Komfortzonen rausbewegt. Auch, was das Fernsehmachen betrifft ...

nordbuzz: Was hat Sie am meisten bewegt in dieser Sendung?

Plasberg: Natürlich die Menschen, die wir da kennengelernt haben. Zum Beispiel ein 80-Jähriger, der zu seiner schwer dementen Frau ins Pflegeheim gezogen ist, weil es die einzige Möglichkeit war, sich weiterhin um sie zu kümmern. Eine andere Frau hat ihren Mann, einen Schlaganfall-Patienten, aus dem Pflegeheim nach Hause geholt, um ihn dort zu pflegen. Wir haben damals vorsichtig bei dem Mann angefragt, ob es möglich sei, dass seine Frau mal eine halbe Stunde das Haus verlässt, um vor der Haustür mit uns live in der Sendung zu reden. Es gab viele Wagnisse in diesem Jahr. Nicht nur bei uns Fernsehmachern, die sind unterm Strich auch nicht so wichtig, sondern bei den vielen Betroffenen da draußen. Das viele dieser Begegnungen und Gespräche gut geklappt haben, ist ein schöner Erfolg.

nordbuzz: Sie hatten schon immer mehr „Normalos“ in Ihrer Sendung als andere politische Talkshows. Waren es 2020 noch mehr medienunerfahrene Menschen als sonst?

Plasberg: Ja, ich denke schon. Wir hatten Sendungen, da waren fast nur „normale“ Menschen. Natürlich braucht man immer einen politisch Verantwortlichen, der Rede und Antwort steht, sonst laufen die angesprochenen Probleme ja ins Leere. In dieser Hinsicht ist Wirtschaftsminister Peter Altmaier für mich ein Held, wie auch Olaf Scholz. Die sind ja für vieles zuständig, haben aber auch den Mut, sich jedem Vorwurf an die verschiedenen Ebenen der Politik zu stellen und ihn auszuhalten. Die sind das natürlich gewohnt. Schwieriger ist es für Menschen, die sich plötzlich als Botschafter für eine ganze Berufsgruppe in der Sendung wiederfinden, und die dann einen schweren Rucksack von ihren Kollegen gepackt bekommen.

„Bei Corona-Leugnern fällt mir dieser Vorsatz so schwer wie noch nie zuvor“

nordbuzz: Wie meinen Sie das?

Plasberg: Wenn zum Beispiel eine Busunternehmerin in der Coranakrise in der Sendung ist, dann wird die vorher mit Mails und Anrufen eingedeckt, was sie unbedingt oder auf keinen Fall sagen soll. Das Fernsehen ist aber kein Ort, wo man Reden hält, sondern wo man argumentiert und überzeugt durch persönliche Erfahrung. Manchmal rufe ich Gäste dann am Sonntagabend vor der Sendung an und rede mit ihnen darüber, dass sie Teil eines dynamischen Prozesses sind. Dass sie sich freimachen sollen von den Erwartungen der Kollegen, die bequem zu Hause auf dem Sofa sitzen. Unterm Strich ist es einfacher, Fernsehen mit Medienprofis zu machen. Vom Ergebnis her ist diese Art Fernsehen aber auch erwartbarer.

nordbuzz: Gab es eine Sendung, bei der der Erkenntnisgewinn besonders hoch war?

Plasberg: Davon gab es viele. Der Anteil an Sendungen, in denen man viel gelernt hat, war 2020 auf jeden Fall höher als sonst. Corona hat jeden betroffen, also war auch das Informationsbedürfnis besonders hoch. Die Quoten bewegten sich im Jahresschnitt deutlich über den Werten vergangener Jahre.

nordbuzz: Und welche Sendung war am besten eingeschaltet?

Plasberg: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich vermute, dass es eine Ausgabe am Anfang der Pandemie im Frühjahr war, als die Verunsicherung und das Informationsbedürfnis am höchsten waren. Grundsätzlich spielt das richtige Timing des Themas eine große Rolle. Als Montagmittag die Meldung über den ersten Impfstoff von Biontech und Pfizer kam, haben wir die geplante Sendung für den Abend binnen weniger Stunden umgeschmissen. Karl Lauterbach hat sich in den Flieger von Köln nach Berlin gesetzt, um Rede und Antwort zu stehen. Es ist natürlich toll, wenn so eine Sendung ganz kurzfristig klappt.

nordbuzz: Hatten Sie auch Corona-Leugner in der Sendung, und würden Sie die heute noch mal einladen?

Plasberg: Mit Menschen, deren Anstrengung darin besteht, Fakten zu ignorieren, kann man nicht diskutieren. Es fällt mir auch tatsächlich schwer, diese Menschen zu verstehen. Es befinden sich ja auch Naturwissenschaftler und Ärzte unter den Leugnern. Diese Menschen haben eine entsprechende Ausbildung und die kollegiale Vernetzung - und trotzdem drehen sie ab. Ich hätte nie gedacht, dass es mir als Journalist mal passieren würde, dass man mit bestimmten Menschen gar nicht mehr reden kann. Ich war immer extrem dafür, mit jedem zu sprechen, weil ich Schweigespiralen für etwas sehr Gefährliches halte. Trotzdem muss ich sagen: Bei Corona-Leugnern fällt mir dieser Vorsatz so schwer wie noch nie zuvor.

teleschau

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