Porträt

In Extremo: Mit dem Kompass durch die Krise

Sie gelten als die „Väter des Mittelalter-Rocks“: Die sieben Spielleute von In Extremo sind seit 1995 im Geschäft. Und sie sehen auch eine Zukunft nach Corona: „Wenn diese Situation hier durch ist und das Leben wieder losgeht - weißt du was? Dann fangen wir einfach noch einmal von vorne an.“
+
Sie gelten als die „Väter des Mittelalter-Rocks“: Die sieben Spielleute von In Extremo sind seit 1995 im Geschäft. Und sie sehen auch eine Zukunft nach Corona: „Wenn diese Situation hier durch ist und das Leben wieder losgeht - weißt du was? Dann fangen wir einfach noch einmal von vorne an.“

Musik in Zeiten von Corona: In Extremo veröffentlichen ihr neues Studioalbum „Kompass zur Sonne“, allerdings sechs Wochen später als ursprünglich geplant. Was ansonsten im Jubiläumsjahr geschieht, steht noch in den Sternen.

„Alles schon gesehen“, so nennt sich ein Song aus dem umfangreichen Katalog von In Extremo. Wirklich alles? Nun, eine Situation wie die derzeitige Krise haben die deutschen Mittelalter-Rocker sicher auch noch nicht erlebt. Sie sind bereits seit einem geschlagenen Vierteljahrhundert unterwegs, aber ihr Jubiläumsjahr hätten sie sich sicher anders vorgestellt. Doch die Devise lautet: immer positiv bleiben. Im Gespräch über Corona und die neue Platte „Kompass zur Sonne“ (erhältlich ab 8. Mai) stellen In Extremo, eine der wichtigsten Bands der Szene, einmal mehr ihren Charakter unter Beweis.

Es ist alles anders als sonst, das merkt man schon an den äußeren Umständen dieses Gesprächs. Anstatt eines persönlichen Beisammenseins wird eine Telefonkonferenz eingerichtet. Sänger Michael Rhein („Das letzte Einhorn“) und Gitarrist Sebastian Lange („Van Lange“) haben sich jeweils aus ihren Wohnungen zugeschaltet. Einen Termin zu finden, war indes selten so einfach. Kaum verwunderlich, wenn landesweit dazu aufgefordert wird, zu Hause zu bleiben. Das verschafft viel frei gestaltbare Zeit. „Man geht früh schlafen, man steht früh auf, man macht Sachen, die man lange nicht gemacht hat und denkt auch viel nach“, erklärt Rhein. Und ganz wichtig: „Ich beschäftige mich momentan mehr mit Musik als sonst, und das macht wahnsinnig Spaß“, so der Frontmann und Mitbegründer von In Extremo.

Ein Album veröffentlichen, wenn alle Läden geschlossen haben: „Das ist albern“

Der Plan jedoch war ursprünglich ein anderer - die beiden Musiker werden nachdenklich. Schließlich hätten sie am Vorabend des Interviewtags eigentlich in den Nightliner steigen sollen - „heute wäre der erste Tourtag gewesen“. Der Sänger erzählt: „Wir schreiben uns gerade untereinander und auch der Crew. Was wir heute gemacht hätten, wie wir aufgestanden wären und auf das Wiedersehen ein Bier getrunken hätten.“ Stattdessen gibt es am Abend eine virtuelle Listening-Session, außerdem wurde am 11. April, exakt 25 Jahre nach Bandgründung, ein Mitschnitt des Jubiläumskonzertes zum 20-jährigen Bestehen auf der Loreley online gestellt.

Ob die für dieses Jahr angesetzten und inzwischen in den Herbst verlegten Jubiläumskonzerte tatsächlich durchgeführt werden können, bleibt ungewiss. Natürlich hätte man „total Bock“ darauf, aber auf Nachfrage zeigt Gitarrist Sebastian Lange auch Verständnis dafür, dass bestimme Sachen im Moment eben nicht gehen. Dass die Sommerfestivals bereits abgesagt wurden, sei nur vernünftig: „Die Gesundheit geht vor. So viele Leute in einer Masse, das ist momentan nicht tragbar. Ich kann das völlig verstehen.“ Also heißt es erst einmal: abwarten.

Fest steht hingegen, dass das neue Album der siebenköpfigen Mannschaft am 8. Mai erscheint. Eigentlich sollte „Kompass zur Sonne“ schon Ende März auf den Markt kommen, dann wurde der Veröffentlichungstermin verschoben. Die Entscheidung sei unvermeidbar gewesen, da genau in dieser Zeit alle Läden schlossen. Und nicht nur das: Auch der Vertrieb war nicht mehr funktionstüchtig - das Album hätte nicht einmal zuverlässig geliefert werden können. Zu den kritischen Reaktionen auf die Verschiebung erklärt Rhein: „Natürlich gab es von manchen Menschen Schimpfe, aber dazu sage ich nur: Die haben das Läuten nicht gehört. In so einer CD oder Platte steckt über ein Jahr Arbeit. Die bringt man nicht heraus, wenn alles geschlossen hat. Das ist albern.“

„Es gibt Themen, an denen sollte man nicht vorbeigehen“

Im Mai soll es nun aber endlich so weit sein, und allen widrigen Umständen zum Trotz sei verraten: Dieses physisch in gleich vier verschiedenen Varianten erhältliche Album ist ein würdiger Nachfolger zu der Platte „Quid Pro Quo“, die 2016 direkt auf Platz eins schoss, und wird keinen Fan enttäuschen. Wie schon auf dem besagten Vorgänger gibt es auch wieder eine Hommage an die russischen Fans: Hinter „Gogiya“ verbirgt sich ein altes russisches Volkslied. „Wir haben den Refrain übernommen. Und den Text dazu dann selbst gemacht, da wir die Originalübersetzung nicht so toll fanden“, erklärt Micha Rhein die eigenwillige Interpretation. Nach uralten Sachen zu forschen, das hätten sie ja immer schon gerne gemacht. Hier sind sie wieder fündig geworden, und um der Sache das Sahnehäubchen aufzusetzen, wurde Sänger Georgij von der Band Russkaja als Gast eingeladen.

Auch die Anti-Kriegs-Thematik wurde in Form des Titels „Saigon und Bagdad“ übernommen. Während man in „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ („Quid Pro Quo“) vor allem Bezug auf das persönliche Schicksal der Soldaten nahm, werden diesmal Schauplätze aufgezählt und die Kriegstreiber kritisiert. „Aus Saigon und Bagdad habt ihr nichts gelernt“, heißt es im Refrain, und an anderer Stelle geht es um „verbranntes Land“. „Damit meinen wir Amerika, das kann man schon sagen“, erklärt Lange, während Rhein bei der Gelegenheit einmal mehr die grundsätzliche Einstellung hinter solchen Texten einfließen lässt: „Wir sind keine politische Band, aber es gibt Themen, an denen sollte man nicht vorbeigehen.“

„Wir sind nicht die Band, die sich einen Eimer Blut über den Kopf gießt“

Doch trotz teils unbequemer Inhalte ist „Kompass zur Sonne“ - der Titel deutet es bereits an - ein sehr positives Album geworden, so, wie man es von In Extremo gewohnt ist. Michael Rhein: „Wer uns kennt, der weiß: Wir haben den Schalk im Nacken. Natürlich fassen wir auch ernste Themen an, aber das Leben ist hart genug. Wir sind nicht die Band, die sich einen Eimer Blut über den Kopf gießt und ins Mikrofon schreit. Wir waren schon immer positiv eingestellt, und das wird hoffentlich auch immer so bleiben.“

So geht es auch diesmal wieder um das Feiern und die Freiheit, und selbst das „Lügenpack“ wird launig mit Dudelsäcken verjagt. „Was die Zunge alles kann“, kommt Frontmann Rhein ins Grübeln. „Sie kann töten, indem sie den Befehl dazu gibt. Sie kann dich aber auch befreien. Sie kann eine Amnestie aussprechen. Und sie kann lügen.“

Sie kann aber auch Gedichte vortragen, so wie in „Wintermärchen“, dem vielleicht außergewöhnlichsten Song von „Kompass zur Sonne“. Der Text stammt vom deutschen Schriftsteller und Dichter Otto Ernst. Lange, der 1999 zur Band stieß, umschreibt „Wintermärchen“ als eine Art „Mittelalter-Doom“. Rhein hingegen sieht den Song vor allem im In-Extremo-Kontext: „Er ist ein bisschen aufgebaut wie eine Hommage an 25 Jahre In Extremo. Am Anfang klingt er so, wie wir damals gespielt haben. Dann geht es in die Moderne - dorthin, wo wir jetzt sind.“

Der Sound von In Extremo - er hat sich im Lauf dieser 25 Jahre durchaus verändert. Aber wie lange gedenkt die Truppe eigentlich noch weiterzumachen? Die Antwort fällt originell aus: „Wenn diese Situation hier durch ist und das Leben wieder losgeht - weißt du was? Dann fangen wir einfach noch einmal von vorne an.“

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare