Der Mann, den sie Didi nannten

Dieter Hallervorden wird am 5. September 85

Dieter Hallervorden wird am 5. September 2020 stolze 85 Jahre alt - und will an diesem Tag auf der Bühne seines eigenen Theaters stehen. Ans Aufhören denkt Hallervorden, der den Deutschen in den 70-ern als Didi in "Nonstop Nonsens" einen neuen Humor beibrachte, noch lange nicht.
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Dieter Hallervorden wird am 5. September 2020 stolze 85 Jahre alt - und will an diesem Tag auf der Bühne seines eigenen Theaters stehen. Ans Aufhören denkt Hallervorden, der den Deutschen in den 70-ern als Didi in „Nonstop Nonsens“ einen neuen Humor beibrachte, noch lange nicht.

Am 5. September feiert der unverwüstliche Dieter Hallervorden seinen 85. Geburtstag. Den Abend des Ehrentages wird er voraussichtlich auf der Bühne des eigenen Theaters verbringen. Ein Detail, das viel über Energie und Arbeitsethos der „Nonstop Nonsens“-Legende verrät.

1935 kam Dieter Hallervorden in Dessau zur Welt. Damals deutete kaum etwas darauf hin, dass der schmächtige Junge mal eine große Karriere machen, ja gar zur deutschen „Legende“ berufen würde, wie ein „ZDF-History“-Film am vergangenen Sonntag das Leben des Komikers, Schauspielers und Kabarettisten einstufte. Hallervorden hatte als Junge eigentlich überall Probleme, weiß die ZDF-Doku, die noch in der Mediathek zu sehen ist: zu sensibel, zu schwächlich, nicht sportlich - was bei der Hitler-Jugend gar nicht gut ankam. Doch der junge Dieter brachte in seinem Außenseiter-Status auch eine Menge Widerstandskraft mit. Die neue, nunmehr linke Gängelung des DDR-Systems missfiel ihm wie die alte nationalsozialistische so sehr, dass er nach Westberlin ging. An Schauspielschulen, wo er sich bewarb, beschied man dem Mann mit den Segelohren mangelndes Talent. Also gründete er 1960 einfach sein eigenes Theater, die „Die Wühlmäuse“. Dort lebten er, Mitgründer Wilfried Herbst und Hallervordens spätere Ehefrau Rotraud Schindler lange Zeit von der Hand in den Mund. Die Kritiken der politischen Kabarett-Vorstellungen des Ensembles blieben anfangs verhalten, das Publikum erschien selten - doch Hallervorden, der zuvor als Französisch-Dolmetscher sein Geld verdiente, war schon damals der Kämpfer und Beißer, den es nun anlässlichlich seines 85. Geburtstags am 5. September zu würdigen gilt.

Irgendwann stellte sich doch noch der Erfolg ein, und mit ihm kamen erste Filmrollen. Lange bevor Hallervorden mit seiner Kunstfigur „Didi“ Straßenfeger-Fernsehen mit seiner Slapstick-Show „Nonstop Nonsens“ produzierte, das war zwischen 1975 und 1980, war er als Schauspieler gefragt. Darunter einige Male in Rollen, die das Dilemma des Dieter Hallervorden direkt ausdrückten. Der Mann mit dem „komischen“ Gesicht war Drama-Liebhaber, aber die Leute wollten ihn lieber blödeln sehen. Dass beides zusammen möglich ist, dass keine große Komik ohne die Tiefe des Dramas möglich ist, davon wollte man im Deutschland der 70-er noch nicht so viel wissen. Dennoch gelten Rollen wie die seines Killers im dystopischen TV-Klassiker „Das Millionenspiel“ (1970) oder als kindlicher Psycho-Täter in „Der Springteufel“ (1974) als Klassiker und Ausdruck einer vielschichtigeren Kunst, die Hallervorden eigentlich pflegen wollte.

Populärer wurden von Hallervorden dennoch die kommerzielleren, dem reinen Slapstick-Image verhafteten Auftritte. Filme, in denen der Komiker ausrutschte, mitgeschleift wurde und unter die Räder kam. Es war physisches Kino oder Fernsehen mit hohem Einsatz, aber es verpasste dem bekennenden Workaholic Hallervorden eben auch sein Trademark als Blödel-„Didi“ der Nation.

Theater-Unternehmer mit 73, Kino-Comeback mit 78

Betrachtet man die Humor-ikonische Geschichte Deutschlands nach dem Krieg, stößt man immer wieder auf Dieter Hallervorden: Palim-Palim, die Kuh Elsa, „ins Hotel“ oder sein Hit „Du, die Wanne ist voll“ (Platz vier der deutschen Single-Charts) mit Helga Feddersen von 1978 auf die Melodie von „You're The One That I Want“ von John Travolta und Olivia Newton-John. Irgendwann wurde dem bekennenden Grübler und Zweifler der Mainstream-Ruhm zu viel und der frankophile Schauspieler kaufte sich für gut eine Millionen D-Mark eine Insel vor der Bretagne-Künste, um sich vor der Welt zurückzuziehen. Auf seinen „Didi“ wollte er mit den ausgehenden 80-ern nicht mehr so gerne angesprochen werden - in jenem Jahrzehnt lebte der Mann, der vier Kinder mit zwei Frauen hat, von leichtgewichtigen Kinofilmen, in denen er sein altes Image manchmal wie ein abgewetztes Fell zu Markt trug: „Der Schnüffler“ (1983), „Didi - der Doppelgänger“ (1984) oder „Didi auf vollen Touren“ (1986) hießen jene Werke seiner Image-Spätverwertung.

Hallervorden, der in der ZDF-Doku Phasen mit Depressionen andeutet, zog sich dann aber doch von der Mainstream-Komik zurück. Ab 1992 versuchte er es noch einmal mit politischem Kabarett, zunächst der „Spottschau“ bei SAT.1 und von 1994 bis 2002 mit „Hallervordens Spott-Light“ im Ersten. Die letzte große Arbeit des Künstlers schien ab 2008 die Wiederbelebung des Schlosspark Theaters in Berlin zu werden, bei dem Hallervorden als Betreiber, Star und Manager alle Fäden in Hand hielt.

Mit 73 Jahren zum furchtlosen Start-Upper zu werden, das nötigte selbst Kritikern des immer wieder als sperrig und schwierig bezeichneten Kollegen Hallervorden viel Respekt ab. Wie ein Märchen liest sich dann der Erfolg des tatsächlichen Spätwerks. Zunächst das Kino-Comeback als greiser Marathon-Läufer im gefeierten Film „Sein letztes Rennen“ (2013), das Hallervorden einen deutschen Filmpreis als bester Schauspieler einbrachte. Wahrscheinlich war die Preisvergabe im Berliner Tempodrom 2014 jener Moment, in dem der als „talentlos“ bei Schauspielschulen abgelehnte Mann mit dem komischen Gesicht die vielleicht größte Genugtuung seines Lebens verspürte. Mit dem Engagement als dementer Großvater in Til Schweigers deutschem Kino-Blockbuster „Honig im Kopf“ (2014) war Hallervordens spätes Ausnahme-Comeback dann perfekt.

ARD-Komödie „Schönes Schlamassel“

Mit nun mehr beinahe 85 Jahren fühlt sich Dieter Hallervorden immer noch bereit für die Arbeit. Weil er bekennt, in jungen Jahren als Familienvater oft abwesend gewesen zu sein, bedauert er heute seine Verfehlungen. Zum ältesten Sohn Dieter jun., geboren 1963, besteht kein Kontakt mehr - obwohl er mit dem Vater als Dreikäsehoch im Vorschulalter noch vor der Kamera stand. Auch Tochter Nathalie, ebenso aus der Beziehung zur langjährigen Kollegin Rotraud Schindler, arbeitete mit dem Vater, zog dann aber später einen bürgerlichen Beruf vor. Die Psychologin äußert sich im ZDF-Film, der auch in der ZDF-Mediathek zu sehen ist, recht ausführlich - und positiv - über den Vater.

Vielleicht, weil er als junger Vater viel verpasst hat, verbindet Dieter Hallervorden ein besonders enges Verhältnis mit seinem jüngsten Sohn Johannes, erst 1998 geboren, der ihm spät in der 25 Jahre währenden Beziehung mit Elena Blume geschenkt wurde. Dazwischen lag 1986 noch die Geburt seiner zweiten Tochter Laura. Johannes Hallervorden ist ebenfalls Schauspieler geworden - und arbeitet oft mit dem Vater zusammen.

Das Fernsehen ehrt den fitten Jubilar in diesen Tagen gleich mehrfach - etwa mit der ARD-Komödie „Schönes Schlamassel“, die am 2. September ausgestrahlt wurde. Hallervorden spielt - in einer Nebenrolle - einen jüdischen Star-Schriftsteller im Altersheim. Am Freitag, 04. September, 23.45 Uhr, taucht Michael Kessler in seinem sehenswerten Doku-Talk „Kessler ist ...“ (Wiederholung von 2017) in das Leben des Geburtstagskindes ein.

Und wie verbringt er seinen Geburtstag selbst? Dieter Hallervorden soll bei der Premiere des Stückes „Gottes Lebenslauf“ an seinem 85. Geburtstag auf der Bühne seines eigenen Theaters stehen. Man darf davon ausgehen, dass es sich dies selbst so ausgesucht hat. Und wie man hört, sucht der fitte Senior weitere Aufgaben, die ihn im Sinne seines Spätwerks reizen.

teleschau

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