„Alles steht still und keiner weiß, ob und wann es weitergeht“

Clive Standen im Interview

Der britische Schauspieler Clive Standen wurde vor allem durch seine Rolle in der Historienserie „Vikings“ bekannt. Ab Montag, 8. Juni, 22.15 Uhr, strahlt das ZDF eine neue Serie mit ihm aus: „Mirage - Gefährliche Lügen“.
+
Der britische Schauspieler Clive Standen wurde vor allem durch seine Rolle in der Historienserie „Vikings“ bekannt. Ab Montag, 8. Juni, 22.15 Uhr, strahlt das ZDF eine neue Serie mit ihm aus: „Mirage - Gefährliche Lügen“.

In der neuen ZDF-Serie „Mirage - Gefährliche“ Lügen spielt Clive Standen („Vikings“) eine der Hauptrollen - unter anderem neben Hannes Jaenicke. Im Interview kommt er über seinen deutschen Kollegen richtig ins Schwärmen.

Rollo ist eine Urgewalt, eine wahre Wucht. Mit seiner zweihändigen Axt wirft er sich in jedes Kriegsgetümmel, zurückbleiben gespaltene Brustkörbe und Schädel. Als eben dieser Bär von Mann wurde Clive Standen (38) in den ersten vier Staffeln der kanadisch-irischen Historienserie „Vikings“ (2013 bis 2020, zu sehen bei Amazon Prime, Joyn, Magenta TV, Netflix und Sky Ticket) bekannt, der Umzug nach Los Angeles ging vor zwei Jahren über die Bühne. Seine neue Serie „Mirage - Gefährliche Lügen“ (ab 8. Juni immer montags zwei Folgen im ZDF und in der ZDF-Mediathek) allerdings entstand nicht in einem der dort ansässigen Wunderstudios. Der (bisher) sechsteilige Agententhriller ist eine kanadisch-europäische Co-Produktion, das erste Ergebnis der 2017 feierlich verkündeten „European Alliance“ von ZDF, France Télévisions und Rai (Italien). Weitaus ruhiger als darin geht es - natürlich coronabedingt - im Hause Standen zu. Im Interview berichtet der gebürtige Nordire und dreifache Vater von seinen Homeschooling-Erfahrungen, seiner Bewunderung für „Mirage“-Schauspielkollegen Hannes Jaenicke und einem möglichen „Vikings“-Comeback.

nordbuzz: Kalifornien ist dicht - genauso wie der Rest der Welt. Wie ergeht es Ihnen in diesen verrückten Zeiten?

Clive Standen: Man schlägt sich so durch. Meine Kinder besuchen drei verschiedene Schulen, das ist für uns als Eltern nun eine echte Herausforderung.

nordbuzz: Wie läuft das Homeschooling?

Standen: Meine Kids sind neun, 13 und 17 Jahre alt - das sind natürlich ganz unterschiedliche Ansprüche. Mir verlangt die Situation den größten und höchsten Respekt für Lehrer ab. Es ist schon eine gute Sache, seine Kinder eigentlich in geschulte Hände geben zu können.

nordbuzz: Was steht aktuell auf dem Lehrplan?

Standen: Die Mittlere benötigt uns glücklicherweise nicht, sie hat täglich Unterricht über Zoom. Da besprechen die Kinder aktuell zum Beispiel „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee. Ich kümmere mich vor allem um unseren Kleinsten - Grundschulmathematik krieg ich gerade noch so hin (lacht).

nordbuzz: Wie ergeht es Ihnen persönlich?

Standen: Tatsächlich hat das alles aktuell für mich auch etwas Gutes. Ich drehte zuletzt für meine neue Serie „Council of Deads“ in Georgia und konnte meine Kinder kaum sehen in den letzten Monaten. Also versuche ich gerade, einfach jede Minute zu Hause mit der Familie zu genießen.

Machtloses Hollywood

nordbuzz: Wurden Sie fertig mit den Dreharbeiten, bevor der Lockdown ausgerufen wurde?

Standen: Glücklicherweise, ja. Wir waren Ende Februar fertig mit allem. Viele Freunde und Kollegen von mir hier in Los Angeles hatten da leider weit weniger Glück. Um diese Zeit ist normalerweise die sogenannte „Pilot-Season“ - viele neue Serienprojekte starten jetzt eigentlich. Doch alles steht still und keiner weiß, ob und wann es weitergeht.

nordbuzz: Sogar Hollywood ist machtlos ...

Standen: Absolut. Es muss ja nicht der Hauptdarsteller mit Covid-19 infiziert sein, damit ein Dreh nicht mehr weitergehen kann. Wenn ein Crew-Mitglied positiv getestet werden würde, müssten alle am Set 20 Tage in Quarantäne gehen. Keine Versicherung steht für die Ausfälle gerade.

nordbuzz: Was macht das mit der Stimmung in der Traumfabrik?

Standen: Die ist wie überall aktuell. Wobei die Leute hier vielleicht noch mehr Angst um ihr Einkommen haben, als in Großbritannien oder Deutschland. Es gibt hier weit weniger Sicherheiten bei Arbeitslosigkeit. Gerade für Freunde von mir, die Crew-Jobs haben, ist das echt bedrohlich - man hangelt sich eigentlich von Auftrag zu Auftrag. Nun herrscht eine Verunsicherung. Jeder scheint hier gerade erst noch herausfinden zu müssen, wie mit dieser Situation umzugehen ist. Und bis mindestens Ende des Jahres sehe ich da aktuell keine wieder einkehrende Normalität, wenn ich ehrlich bin.

nordbuzz: Sie wurden auch mit einer beachtlichen Physis bekannt. Wie bleiben sie aktuell in Form?

Standen: Sport im Freien ist mir eigentlich am liebsten. Aktuell begnüge ich mich aber vor allem mit meinem Spinning-Rad, für das über einen Bildschirm Kurse angeboten werden. Ansonsten braucht man beim Training ja nur sein eigenes Körpergewicht, um fit zu bleiben. Und da bin ich ganz gut ausgestattet.

nordbuzz: Zu bewundern ist dies auch gleich in den ersten Minuten von „Mirage - Gefährliche Lügen“. Dabei handelt es sich um eine kanadisch-europäische Co-Produktion. Klingt nach einem Sprachen- und Kulturchaos am Set ...

Standen: Also für mich war das gar kein Problem. Als Europäer ist man doch eine gewisse Durchmischung gewohnt, Unterschiede fallen da kaum noch auf. Und irgendwann achtet man auch nicht mehr auf den Akzent, weil doch am Ende eh alle die gleiche Sprache sprechen und das Gleiche erreichen wollen. Die Einzigen, die sich manchmal liebevoll angingen, waren die Franzosen und die Frankokanadier. Da scheint es ein paar Ungereimtheiten zu geben (lacht).

Hannes Jaenicke: „Da hat es sofort Klick gemacht“

nordbuzz: Sie stießen also auch nicht auf deutsche Eigenheiten und Klischees?

Standen: Man sagt ja, die Deutschen seien trocken und zu geradlinig. Aber das traf auf die Kollegen am Set gar nicht zu. Gerade die Deutschen waren so witzig und teilweise sogar extravagant. Wir hatten richtig viel Spaß. Den einen oder anderen würde ich heute als Freund bezeichnen.

nordbuzz: Wen denn zum Beispiel?

Standen: Hannes Jaenicke ist einfach ein wunderbarer, angenehmer Kerl. Da hat es sofort Klick gemacht. Wir hegen dieselbe Leidenschaft, wenn es darum geht, den Planeten und die Ozeane zu schützen. Er macht ja diese unglaublich guten Dokumentationen - was für ein inspirierender Mensch. In den Pausen und an freien Tagen saß er immer wieder am Schnitt einer neuen Doku, nach den Dreharbeiten ging's direkt auf Expedition. Der Mann ist ständig unter Strom, und trotzdem war er jederzeit vorbereitet und zu allen unglaublich freundlich. Ich schätze ihn unheimlich, er hat ein großes Herz.

nordbuzz: „Mirage“ wurde vor allem in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Marokko gedreht. Wie gefielen Ihnen als Natur-Fan die Dreh-Locations?

Standen: Ungemein gut. Als Vater von drei Kindern verbringt man seine Urlaube definitiv an gewöhnlicheren Orten. Ich verstehe es absolut als Privileg, durch seine Arbeit an solche Orte zu kommen und andere Kulturen kennenlernen zu dürfen. Wir konnten uns da richtig hineinwerfen und völlig neue Dinge erleben. Von Abu Dhabi aus verschlug es mich immer wieder in die Wüste. Erlebnisreicher war allerdings noch Marokko.

nordbuzz: Inwiefern?

Standen: An einem freien Tag fuhr ich mit ein paar Kollegen mit Quads raus, bis uns ein Wüstensturm erwischte. Das war im ersten Moment spannend und toll zu erleben. Auf einmal fing es sogar zu regnen an - mitten in der Wüste. Als wir aber merkten, dass unsere Spuren und so unsere Orientierung für den Rückweg völlig weggeweht waren, wurde es schon etwas unruhiger. Und dann, wie aus dem Nichts: eine Karawane von Einheimischen auf Kamelen, total klischeehaft. Umgeben von hohen Sanddünen steuerten die ohne für uns sichtbare Anhaltspunkte Richtung Zivilisation. Mit etwas Abstand fuhren wir ihnen einfach nach. Ein unglaubliches Erlebnis.

Mögliche Rückkehr zu „Vikings“

nordbuzz: Im Herbst steht das „Vikings“-Finale mit zehn letzten Folgen der sechsten Staffel an. Ihre Figur Rollo ist seit Ende der vierten untergetaucht. Kommt es noch zu einem heiß ersehnten Comeback?

Standen: Bitte, versuchen Sie darin jetzt nichts herauszulesen - aber: Ich habe dazu absolutes Redeverbot. Der Showrunner Michael Hirst hat alle, die jemals an der Serie beteiligt waren, gebeten, nichts zu verraten. Was ich allerdings bestätigen kann, ist, dass ich an Vorgesprächen zur Spin-off-Serie „Vikings: Valhalla“ für Netflix beteiligt war. Diese soll ungefähr 100 Jahre nach den Ereignissen von „Vikings“ spielen. Wie ich beziehungsweise Rollo da reinpassen, ist allerdings ebenso top secret.

nordbuzz: Klingt spannend ...

Standen: Es ist einfach verrückt, wie sich diese Serie entwickelt hat. Wir hatten anfangs nur ein winziges Set, fest draußen stand einzig dieser kleine Marktplatz von Kattegat. Sonst wurde alles im Studio gedreht. Doch mittlerweile gibt es da ein ganzes Dorf. Man hätte dort genauso einen Wikinger-Themenpark draus machen können. Eine Spin-off-Serie finde ich persönlich aber spannender.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare