Warum gruselt sich der Mensch?

Charly Hübner im Interview

Mit der Sky-Serie "Hausen" sorgen Charly Hübner und sein Plattenbau-Ensemble für vier gruselige Abende ab 29. Oktober 2020.
+
Mit der Sky-Serie „Hausen“ sorgen Charly Hübner und sein Plattenbau-Ensemble für vier gruselige Abende ab 29. Oktober 2020.

Charly Hübner verkörpert in der Sky-Serie „Hausen“ einen schweigsamen Hausmeister, der sich einem monströsen Plattenbau mit Eigenleben entgegenstellt. Arthaus-Regisseur Thomas Stuber („In den Gängen“) erfindet Genre-Bilder, wie man sie kennt - und sorgt dennoch für Irritation und fiesen Grusel.

Der Termin passt schon mal. Sky zeigt die erste deutsche Horror-Serie, wie „Hausen“ geschickt verschlagwortet wird, an vier aufeinanderfolgenden Abenden in Doppelfolgen zu Halloween (ab Donnerstag, 29. Oktober, 20.15 Uhr, Sky Atlantic oder auf Abruf). Charly Hübner, Tristan Göbel, Alexander Scheer, Lilith Stangenberg und Daniel Sträßer spielen die seltsam empathielosen Bewohner eines gigantischen Hochhauses in der ostdeutschen Provinz, deren Leben zunehmend vom Eigenleben ihrer „Behausung“ abhängig zu sein scheint. Thomas Stuber, hochgelobter Regisseur von Filmen wie „In den Gängen“, „Herbert“ oder der John Carpenter meets Ulrich Tukur-„Tatort“-Folge „Angriff auf Wache 08“ sorgt für fast schon meditativen Horror, der mit klassischen Genre-Themen spielt, sie aber auch geschickt in neuartigen Bildern spiegelt. Charly Hübner (47) steht als Hausmeister im Zentrum der Ensemble-Erzählung. Ein Gespräch über die gruseligsten Filme aller Zeiten und Gründe, warum der Mensch Horror-Geschichten für seine geistige Gesundheit braucht.

nordbuzz: „Hausen“ spielt in einem Wohnblock von monströser Größe. Gibt es dieses Haus wirklich?

Charly Hübner: Nein, das ist ein gut gebautes und inszeniertes Modell. Selbst in Frankfurt am Main, wo ich früher mal lebte, gibt es kein Haus mit diesen Ausmaßen und mit dieser Höhe. Soweit ich weiß, stehen in Caracas, Venezuela, aber auch an den Randgebieten einiger nordamerikanischer und asiatischer Großstädte Wohnhäuser dieser Größe. Was die Serie „Hausen“ betrifft, gibt es den Sockel des Hauses wirklich. Er steht in der Nähe von Berlin. Es handelt sich um ein altes Krankenhaus aus DDR-Zeiten, mit sieben oder acht Etagen. Alles, was darüber liegt, ist digitale Fantasie. Aber die ist, wie ich finde, gut gelungen.

nordbuzz: Wird in der Serie verraten, wie viele Stockwerke das Haus hat?

Hübner: Nicht dass ich wüsste. Unser Haus ist ein geheimnisvoller Kosmos für sich. Seine Wege und Grenzen bleiben unklar, ja unübersichtlich. Das steckt ja auch im Namen mit drin. Man hätte die Serie „Das Haus“ oder so nennen können. Es heißt aber „Hausen“, so wie bei Tieren. Man betritt keine bürgerliche Welt, die wir ansonsten mit dem Begriff wohnen verbinden, sondern man befindet sich in einer Art Zwischenmodus der Existenz.

„Wollen wir jetzt in diese schleimige Wand hineinfassen?“

nordbuzz: „Hausen“ bezeichnet sich selbst als erste deutsche Horror-Serie. Horror ist ein Genre, das im deutschen Fernsehen bislang keine Beachtung fand. Was bedeutet es für Sie, Genre-Fernsehen zu machen?

Hübner: Ich habe Genre immer als Reduzierung der Welt in einer bestimmten formale Setzung verstanden. Nehmen wir das Beispiel Western. Da spielt die Langsamkeit von Aktion und Reaktion eine große Rolle. Man lässt Sätze und Momente länger im Raum stehen, als es im wirklichen Leben der Fall wäre. Eine Spielweise, die auch in „Hausen“ gefragt war. Genres funktionieren nach eigenen Regeln. Diese Regeln machen die Art und Weise, wie man inszeniert und spielt aus. Bei Comedy suche ich so viele gute Pointen wie möglich. Bei Komödie erzähle ich indes in größeren Bögen, um Komik zu erzeugen.

nordbuzz: Und Horror - welche Regeln existieren da?

Hübner: Horror erzählt vom nicht mehr begreifbar Schrecklichen, das in unser Leben tritt. „Hausen“ hat Elemente von Horror, für mich ist die Serie aber eher „Mystery“. Da ist der Kernpunkt, dass ein Übergeheimnis existiert, dass sich in seiner Komplexität lange Zeit nicht erschließt. „Twin Peaks“ ist die Mutter aller Mystery-Serien. In dieser alten Serie von David Lynch wird ein Teenager ermordet, und alle Personen, die man zur Lösung der Problems bräuchte, benehmen sich so seltsam, dass keiner zur Aufklärung des Geschehens beiträgt. Auch bei „Hausen“ fragt man sich, warum sich Vater und Sohn so distanziert begegnen und was dieses Haus, in dem sie nun leben, eigentlich ist - und nach welchen Regeln es funktioniert.

nordbuzz: „Hausen“ arbeitet mit klassischen Genre-Versatzstücken, die dem Zuschauer Angst machen oder Schauer über den Rücken jagen. Wie groß ist die Gefahr, dass man mit Genre-Stoffen beim Klischee landet?

Hübner: Die ist immer gegeben. Klischee bedeutet das Auftreten von Bekanntem in massiver Form. Man kann das aber auch entfremden und dadurch wieder interessant machen. Bei „Hausen“ funktioniert viel über die Langsamkeit. Die Serie ist interessant, weil sie bekannte Ängste zeitzerdehnt inszeniert und sie dadurch anders wahrgenommen werden. Wenn Jaschek - meine Figur - in einen langen, dunklen Schacht blickt, an dessen Ende nach langer Kamerafahrt der Arm eines Babys auftaucht, denn funktioniert das nur über die epische Länge dieser Szene.

nordbuzz: Stellt so etwas besondere Anforderungen an die Schauspieler?

Hübner: Unser Regisseur Thomas Stuber arbeitete mit uns Schauspielern oft so, dass man Handlungen gemeinsam infrage stellte. Nach dem Motto: Wollen wir jetzt in diese schleimige Wand hineinfassen, um zu erfahren, was dahinter ist, oder wollen wir das nicht? Wäre es nicht vernünftiger, nicht in dieses Loch zu fassen? Insofern sorgte bereits die Regie für eine gewisse Verunsicherung, mit der die Charaktere von „Hausen“ ja massiv zu kämpfen haben (lacht).

„Ich habe vor 20 Jahren teilweise drei Horrorfilme pro Tag geschaut“

nordbuzz: Hat Ihnen der Regisseur verraten, zu welcher Form von Angst oder Verunsicherung das Betrachten der Serie führen soll?

Hübner: Wir haben immer nur Szene für Szene besprochen, nie das große Ganze. Ich glaube, Autor und Regisseur haben versucht, in der Machart neue Erzählmuster zu verstärken, die sich von populären Serien wie „Stranger Things“ oder „Dark“ unterscheiden. - Es gibt bei „Hausen“ keine zwei Welten, zwischen denen wir wandeln, sondern nur das Innere unserer Figuren, dass sozusagen in die Außenwelt abstrahlt. Viele Elemente der Erzählung arbeiteten mit dem Thema Schuld. Wer hat Schuld, dass die Mutter nicht mehr da ist, dass ein Baby verschwunden ist oder daran, dass man nicht aus dieser bedrohlichen Welt des Hauses herauskommt? Es ist ein Horror der Vorstellungen und scheinbar manifest werdender Ängste.

nordbuzz: Vor welchen Filmen und Serie haben Sie sich in Ihrem Zuschauerleben gefürchtet?

Hübner: Ich habe vor 20 Jahren teilweise drei Horrorfilme pro Tag geschaut. Das war eine Zeit, als mich das Genre total faszinierte. Damals habe ich auch viel Stephen King gelesen. „Shining“ oder „Es“ gehörten zu meinen Lieblingsbüchern. Der schlimmste Film, den ich in meinem Leben gesehen habe, ist jedoch immer noch „Komm und sieh“, ein sowjetischer Kriegsstreifen. Es ist ein Film, in dem der Horror des Sterbens und des Todes sehr beiläufig und deshalb ungeheuer realistisch gezeichnet wird. Das hat mich über Jahre verfolgt.

nordbuzz: Und innerhalb des klassischen Horror-Genres - gab es da auch einen Film, der sie absolut ängstigte?

Hübner: Schauen Sie sich mal „Sumpf des Grauens“ an. Da fällt ein Stromkabel in einen Sumpf, was zur Folge hat, dass hunderttausend Arten von Gekreuch und Gefleuch aus der Erde kriechen. Ich weiß nicht mehr, ob der Film wirklich gut war. Aber er erzählte eine Vision, die mir enormes Unbehagen bereitete.

„Wenn das Böse von einem Monster ausgeht, ist es für viele leichter zu ertragen“

nordbuzz: Wovor hat der Mensch Angst, wenn er Horror-Filme sieht, die von eigentlich sehr unrealistischen Dingen erzählen?

Hübner: Vielleicht vor dem großen Unbekannten oder Unklaren, das Macht über unser Leben besitzt? Wir sind ja alle, sei es durch Gene, Erziehung oder Prägung, unterschiedlich furchtsam. Dennoch wissen wir alle bewusst oder unbewusst, dass das große Unbekannte ein viel stärkeres Wesen ist als wir selbst. Entsprechend haben wir als Menschen, die ihr Leben kontrollieren wollen, zu Recht Angst.

nordbuzz: Warum sind Menschen unterschiedlich empfänglich fürs Gruseln?

Hübner: Vielleicht hat es mit der Bereitschaft zu tun, sich seinen Ängsten zu stellen. Als Schauspieler kennt man diesen Moment, wenn es im Theater bei der ersten Probe heißt: Das hier ist keine Komödie! Dann weiß man, die nächsten Wochen werden eine dunkle Reise. So ähnlich ist das mit dem Filme schauen oder auch größeren Projekten im Leben. Der eine findet es spannend, mit der Taschenlampe alleine durch einen dunklen Keller zu laufen. Der andere sagt sich: Ich habe schon so viel Mist in meinem Leben erlebt, dass ich den Keller lieber Keller sein lasse (lacht).

nordbuzz: Kommt es bei der Intensität des Schreckens darauf an, wie realistisch ein Horror-Szenario ist?

Hübner: Für viele mag Realismus eine Rolle spielen, weil sie genremäßig kodierten Horror emotional leichter von sich weisen können. Das funktioniert aber nicht bei Filmen, in denen Gewalt und Horror sehr realistisch dargestellt sind, so wie zum Beispiel in Michael Hanekes „Funny Games“. Diesen Film habe ich mit einem Kollegen im Kino gesehen. Mein Begleiter musste nach wenigen Minuten den Saal verlassen, weil er die Szenen nicht ausgehalten hat. Ich denke, das „angenehme Gruseln“ fällt uns auf jeden Fall leichter, wenn wir uns auf gewisse Genreregeln verlassen können. Wenn das Böse von einem Monster ausgeht, ist es für viele leichter zu ertragen. Der größte Horror besteht deshalb für uns Menschen darin, wenn sich etwas massiv Bedrohliches nicht zuordnen oder fassen lässt.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare