Schauspieler statt Fußballprofi

Carlo Ljubek im Interview

Carlo Ljubek tritt in die erste Reihe der deutschen TV-Kommissare. In zwei Filmen der hart und heftig gedachten ARD-Krimireihe „Über die Grenze“ gibt er den neuen Ermittler. Die Karriere des kroatischen Einwandererkindes gleicht indes eher einem Märchen.
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Carlo Ljubek tritt in die erste Reihe der deutschen TV-Kommissare. In zwei Filmen der hart und heftig gedachten ARD-Krimireihe „Über die Grenze“ gibt er den neuen Ermittler. Die Karriere des kroatischen Einwandererkindes gleicht indes eher einem Märchen.

Carlo Ljubek wird neuer Kommissar im ARD-Krimiformat „Über die Grenze“. Der 43-Jährige wirkt zwar, als wäre er für den Erfolg gemacht, tatsächlich musste er für den „richtigen“ Lebensweg lange kämpfen. Nicht zuletzt mit sich selbst.

Wer Carlo Ljubek zwei Stunden vor einer Vorstellung im Hamburger Schauspielhaus trifft, ist überzeugt: Hier wirkt alles richtig. Ein selbstsicherer, blendend aussehender Mann sitzt in der Kantine der deutschen Edelbühne. Kollegen und andere Angestellte des Hauses werden freundlich gegrüßt. Ljubek gibt sich aufgeschlossen, sensibel, introspektiv. Ein Mensch, der bei sich angekommen scheint. Souverän spielt er immer öfter Hauptrollen auf der Bühne. Auch in Film und Fernsehen ist der 43-Jährige bestens im Geschäft. Privat ist Ljubek mit Kollegin Maja Schöne („Dark“) liiert, wie er an einem Hamburger Theater angestellt. Das Paar hat eine neunjährige Tochter. Wenn Ljubek, der schon mal Hans-Jochen Wagner als Schwarzwald-Ermittler im „Tatort“ vertrat, nun also auch noch deutscher TV-Kommissar wird („Über die Grenze: Racheengel“, Donnerstag, 13. Februar, und „Über die Grenze: Im Rausch der Sterne“, Donnerstag, 20. Februar, jeweils 20.15 Uhr, ARD) scheint sich ein erfolgreicher Schauspieler das Etikett „Star“ zu verdienen. Aber dass es so kommt, war keineswegs zu erwarten. Ljubek ist der Sohn kroatischer Einwanderer und strebte erst mal nur den Hauptschulabschluss an. Danach wollte der begabte Fußballer Profi werden. Unter anderem kickte er in einem Jugend-Team von 1860 München. Erst mit Anfang 20 sah er das erste Mal ein Theater von innen - und beschloss, Schauspieler zu werden. Die Geschichte Carlo Ljubeks gleicht einem Migranten-Märchen, das zeigt, wie engstirnig viele scheinbar vorgezeichnete Lebenswege „gedacht“ sind.

nordbuzz: Es gibt viele Krimis im deutschen Fernsehen. Was ist das Besondere an „Über die Grenze“?

Carlo Ljubek: Ich finde das Format interessant, weil es eine Mischung aus Krimi und Thriller ist - und extrem in die Figuren eindringt anstatt schöne oder scheinbar spannende Orte zu zeigen. Kehl ist nun keine sonderlich pittoreske Kulisse. Trotzdem erschaffen die Filme tolle Bilder. Sie tun es, indem sie die Charaktere in den Mittelpunkt stellen.

nordbuzz: Die Figuren leiden viel in den „Über die Grenze“-Filmen. Sind die schmerzvollen Dinge, die auch den Polizisten widerfahren, fast ein bisschen larger-than-life?

Ljubek: Es wird definitiv viel gelitten. Ich glaube allerdings nicht, dass das unrealistisch ist. In einem der beiden Filme erschieße ich als Polizist ein junges Mädchen. Auch wenn der Einsatz vielleicht regelkonform war, bleibt die Last, so etwas persönlich zu verarbeiten. Ich weiß nicht, ob ich es könnte. Oder ob ich als Arzt damit klarkäme, wenn das Leben von Patienten in meinen Händen läge. Es gibt Berufe, in denen man viel Schmerz begegnet. Diese Begegnungen sind nicht größer als das Leben, sondern ein wahrer, realistischer Teil davon. Dass Polizisten, die mit Mord zu tun haben, einen solchen Job haben, blenden wir als Krimi-Zuschauer gerne mal aus.

„Ich habe einen gesunden Ehrgeiz“

nordbuzz: Sie sind nun Kommissar einer Krimireihe, spielen immer öfter größere Rollen im Fernsehen - aber arbeiten immer noch als festes Ensemble-Mitglied am Hamburger Schauspielhaus. Spielen Sie rund um die Uhr?

Ljubek: Nein, das nicht (lacht). Aber es stimmt schon, es war sehr viel in letzter Zeit. Ich spiele wahnsinnig gern Theater, es fällt mir aber auch schwer, spannende Filmprojekte abzusagen. Letztes Jahr habe ich drei Filme hintereinander gedreht - und danach ging direkt die Theatersaison los. Das merkte ich dann schon irgendwann. Ich versuche, mir Auszeiten einzubauen. Ich arbeite aber schon leidenschaftlich gern und freue mich über interessante Anfragen.

nordbuzz: Beim Schwarzwälder „Tatort“ haben Sie sogar mal Hans-Jochen Wagner als Kommissar vertreten. Eine eher ungewöhnliche Anfrage, oder?

Ljubek: Ja, sehr ungewöhnlich - aber alles war klar abgesprochen. Vor allem auch mit Hans-Jochen, der krank absagen musste. Ich wollte wissen, ob man die Dreharbeiten definitiv nicht verschieben konnte, weil ich mich da nicht reindrängen wollte. Der Drehzeitraum stand aber fest. Für Hans-Jochen war es okay, dass ich seinen Part in abgewandelter Form als Ermittler übernehme - und es war eben ein tolles Drehbuch. Wie gesagt, es fällt mit schwer, bei richtig guten Projekten abzusagen.

nordbuzz: Sind Sie ein ehrgeiziger, ein ängstlicher Mensch - oder beides?

Ljubek: Ich würde sagen, ich habe einen gesunden Ehrgeiz. Ängstlich? Das weiß ich nicht. Sagen wir so: Ich weiß, dass es ein seltenes Privileg ist, als Schauspieler gut im Geschäft zu sein und dazu inhaltlich spannende Sachen machen zu dürfen. Mein Beruf ist nicht von großer Sicherheit geprägt.

„Natürlich wollte ich Fußball-Profi werden“

nordbuzz: Sie haben sich erst spät entschlossen, Schauspieler werden zu wollen. In der Jugend spielten Sie mal sehr gut Fußball. Wollten Sie damals Profi werden?

Ljubek: Ich habe mal ganz gut Fußball gespielt, das ist richtig. In der B-Jugend bei 1860 München und dann auch noch in der A-Jugend bei Starnberg spielte ich hochklassig im Leistungsbereich. Natürlich wollte ich wie alle meine Mannschaftskollegen Fußball-Profi werden. Wer diesen Traum nicht hat, trainiert nicht fünf Tage die Woche. Allerdings weiß ich nicht, ob es bei mir zum Profi gereicht hätte.

nordbuzz: Warum?

Ljubek: Ich war oft verletzt, deshalb habe ich viel Trainingszeit und eine mögliche Entwicklung verpasst. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ich das, was andere dazugelernt hatten, nicht mehr aufholen würde. Es brauchte aber Zeit, um sich das einzugestehen. Ich war nicht so talentiert, dass mir alles zuflog. Ich musste viel arbeiten, um auf diesem Niveau zu spielen. Nach dem Training bin ich noch laufen gegangen oder habe für mich alleine Übungen mit dem Ball gemacht.

nordbuzz: Welche Position spielten Sie?

Ljubek: Defensives Mittelfeld.

nordbuzz: Damals die Heimat der Kämpfer und Arbeiter. Sehen Sie sich so auch als Schauspieler?

Ljubek: Ich komme nicht aus einer Familie, in der man von Privilegien ausgeht. Meine Eltern sind kroatische Einwanderer. Meine Mutter ist Krankenschwester, mein Vater hat sein Leben lang auf dem Bau gearbeitet. Ich bin in Bocholt groß geworden, wo meine Eltern hingekommen waren, ohne ein Wort Deutsch zu können. Sie haben immer gearbeitet, um zu überleben. Für andere, schöngeistige Dinge war in unserer Familie wenig Platz. Da hat man dann halt Fußball gespielt. Kämpfen und arbeiten ist mir sehr vertraut.

„Die bildungsbürgerliche Welt war mir erst mal ziemlich fremd“

nordbuzz: Wie sind Sie von Bocholt nach München gekommen?

Ljubek: Ich hatte dort einen Ausbildungsplatz als Industriekaufmann bekommen. Die Lehre habe ich dann auch durchgezogen, auch wenn ich nie in dem Beruf gearbeitet habe. Den Abschluss zu machen, war mir wichtig - aber eigentlich wollte ich Fußballprofi werden. Als dieser Traum immer unrealistischer wurde, habe ich eine Art Äquivalent gesucht, für das ich emotional genauso brennen kann. Dass ich es dann im Theater gefunden habe, war für mich anfangs auch eine ziemliche Überraschung.

nordbuzz: Warum?

Ljubek: Weil mir die gesamte bildungsbürgerliche Welt erst mal ziemlich fremd war. Ich hatte zuerst nur Hauptschulabschluss, setzte da aber noch den Realschulabschluss drauf. Erst nach der Ausbildung holte ich mein Abitur nach und wollte in Köln, wo ich hingezogen war, Germanistik und Geschichte studieren. Dann entdeckte ich das Theater. Zuerst spielte ich in einer Laiengruppe, merkte dort aber: Ich glaube, ich kann das! Dann bin ich ziemlich naiv zu diesen Vorsprechen an den Schauspielschulen gefahren. An der Otto-Falckenberg-Schule in München wollte man mich haben.

nordbuzz: Fanden Sie im Schauspiel die Bestätigung, dass sie richtig gut sind. Etwas, das Sie in der Schulkarriere als Migranten-Kind und vielleicht auch beim Fußball nicht gefunden haben?

Ljubek: Ehrlich gesagt frage ich mich bis heute, ob ich tatsächlich Talent als Schauspieler habe. Ich stelle dieses Talent jedenfalls immer wieder infrage.

nordbuzz: Reicht es nicht, wenn die Lehrer einer der renommiertesten Schauspielschulen einen als Schüler wollen und wenn später eines der besten Theater des Landes einem ein Gehalt zahlen will?

Ljubek: Sicher ist das ein gutes Gefühl. Ich bin auch kein ewiger Grübler. Trotzdem fühle ich mich nicht immer selbstbewusst. Mein Selbstbewusstsein bewegt sich wellenartig. Manchmal ist es ziemlich weit oben, dann wieder hängt es in einem Tal fest. Ich leide aber nicht darunter. Zweifel zu haben, an dem, was man tut, sind nicht immer der schlechteste Ratgeber fürs Leben.

„Hatte das Gefühl, ganz viel aufholen zu müssen“

nordbuzz: Würden Sie sagen, dass das Gefühl, vielleicht weniger wert zu sein als andere in dieser Gesellschaft, ein Teil Ihrer Persönlichkeit ist?

Ljubek: Ich denke, früher war es tatsächlich ein bisschen so. Die intellektuelle Welt war mir lange fremd. Als ich mein Abitur nachmachte, grub ich mich erst mal anderthalb Jahre in meiner Wohnung ein, um nur noch zu lesen. Ich hatte das Gefühl, ganz viel aufholen zu müssen. Auch auf der Schauspielschule verstand ich nicht gleich alles. Wenn es hieß „du musst da noch eine andere Farbe finden“, wusste ich absolut nicht, von was die reden (lacht). Es klingt heute blöd, aber ich wusste damals wirklich nicht, was die mit Gefühlsbandbreite und solchen Dingen meinen.

nordbuzz: Haben Sie dieses Trauma heute überwunden?

Ljubek: Irgendwann lernt man dazu und legt sich auch ein gewisses Vokabular zu. Ich denke, ich bin da reingewachsen - als Späteinsteiger. Das meinte ich mit gesundem Ehrgeiz. Ich bin kein Ellenbogen-Typ, der andere wegdrängt. So etwas war mir immer fremd. Bei mir funktionierte Ehrgeiz anders. Immer dann, wenn ich feststellte, dass jemand etwas sehr viel besser konnte, arbeitete ich daran, zumindest in Richtung dieses Niveaus zu kommen. Ich muss es nicht ganz erreichen oder übertreffen. Aber negativ auffallen, das wollte ich auch nicht (lacht).

teleschau

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