„Natürlich wird München das Oktoberfest vermissen“

Brigitte Hobmeier im Interview

Die gebürtige Münchnerin Brigitte Hobmeier sieht das Oktoberfest als "zweischneidiges Schwert". Zwar sei es toll, wenn "die Stadt wabert und pulsiert", doch das Volksfest habe auch seine "unappetitlichen Seiten", wie die 44-Jährige betonte.
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Die gebürtige Münchnerin Brigitte Hobmeier sieht das Oktoberfest als „zweischneidiges Schwert“. Zwar sei es toll, wenn „die Stadt wabert und pulsiert“, doch das Volksfest habe auch seine „unappetitlichen Seiten“, wie die 44-Jährige betonte.

Vetternwirtschaft, Gewalt und Intrigen gehörten dereinst zum Oktoberfest wie das Bier und das zünftige Treiben - so erzählt es die neue ARD-Serie „Oktoberfest 1900“. Mittendrin: die Münchner Schauspielerin Brigitte Hobmeier. Im Interview steht die 44-Jährige Rede und Antwort.

Wann hat es das schon einmal gegeben: Die Münchner Theresienwiese menschenleer - und das Ende September. Normalerweise ist die bayerische Landeshauptstadt dann Feier-Mekka, und aus der ganzen Welt pilgern Menschen auf das Oktoberfest. In Corona-Zeiten ist das zünftige und feucht-fröhliche Treiben auf dem größten Volksfest der Welt aber undenkbar. Immerhin lädt die ARD-Eventserie „Oktoberfest 1900“ ab Dienstag, 15. September, 20.15 Uhr (bereits ab 8. September in der Mediathek), zu einer Reise in die Vergangenheit ein. Mit dabei ist auch die Münchner Schauspielerin Brigitte Hobmeier, die sich einst als Herzerlverkäuferin auf der Wiesn ihr Studium finanzierte. Im Interview erklärt sie, warum sie die Rolle in dem Historiendrama als „ein Geschenk des Himmels“ sieht und was für sie den besonderen Reiz von historischen Stoffen ausmacht.

nordbuzz: Welche Pläne haben Sie in diesem Jahr für Ende September?

Brigitte Hobmeier: Das weiß ich noch überhaupt nicht. Wie kommen Sie jetzt darauf?

nordbuzz: Weil zu dieser Zeit das Oktoberfest gewesen wäre ...

Hobmeier: Ich verstehe. (lacht) Aber ich war auch davor niemand, der sich Urlaub genommen hat, um zwei Wochen lang auf dem Oktoberfest zu sein. Für mich ist es immer ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite ist es natürlich großartig, wenn unsere Stadt wabert und pulsiert.

nordbuzz: Auf der anderen Seite ...

Hobmeier: Haben wir natürlich mit den ganzen negativen Seiten von herumliegenden Besoffenen bis zu Kot und Erbrochenem auf den Straßen und in den Vorgärten zu kämpfen. Bei der besoffenen Masse gibt es einfach diese Nebenerscheinungen, die nicht so appetitlich sind, und mit denen müssen die Münchner umgehen. Aber natürlich wird die Stadt dieses Jahr das Oktoberfest vermissen. Dafür bekommen sie ja ein anderes Oktoberfest ...

nordbuzz: Nämlich in der Historienserie „Oktoberfest 1900“. Wie war Ihre Reise in die Vergangenheit?

Hobmeier: Das war großartig, ein Geschenk des Himmels. Diese Rolle und bei diesem Projekt dabei sein zu dürfen, dafür habe ich mich oft beim Schicksal bedankt. Wir haben in Prag gedreht, wo ein Oktoberfest aufgebaut worden ist. Die Buden, die Stände - mitanzusehen, wie innerhalb von ein paar Drehtagen verschiedene Stadien des Oktoberfests durchlaufen wurden und dann der Einzug in die Bierzelte, das war sehr beeindruckend.

nordbuzz: Haben also die 300 Kilometer Luftlinie zu München nicht zu Buche geschlagen?

Hobmeier: Naja, man findet ja heutzutage in München kaum mehr einen Ort, den man in seinen Zustand von vor 100 Jahren zurückverwandeln kann. Da ist ja alles neu gebaut oder super renoviert. Deshalb wurde das meiste in Prag und in kleineren tschechischen Dörfern gedreht. Und das Oktoberfest war ja ganz anders damals mit Buden. Das musste man sowieso aufbauen mit all den Kuriositäten - vom dicksten Mann der Welt bis zur Frau mit Bart. Viel haben wir auch vor Greenscreen gedreht, und München wurde dann im Nachhinein per Computer eingefügt.

„Man riecht und spürt förmlich den Dreck, den Schweiß und das Blut“

nordbuzz: In der Serie steht der Kampf um die Vormacht auf dem Oktoberfest im Vordergrund. Regisseur Hannu Salonen hat betont, man müsse „das Derbe spüren“. Wie ist das Ihrer Meinung nach gelungen?

Hobmeier: Ich finde, das ist sehr gut gelungen. Wir waren zu Hunderten in den Zelten drinnen, haben geschwitzt und getanzt und gesungen. Da hat keiner mehr auf Make-Up oder sonst irgendetwas geschaut. Da ist es ins Dreckige und Derbe hineingegangen. Unter Corona-Bedingungen hätte der Dreh in dieser Fleischlichkeit, die sich durch die ganze Serie durchzieht, nie geklappt. Man riecht und spürt förmlich den Dreck, den Schweiß und das Blut. Ich bin von der Sinnlichkeit der Ausstrahlung total begeistert, und ich glaube, vor dem Hintergrund von Corona steigert sich das sogar noch.

nordbuzz: Für eine Serie, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft, ist „Oktoberfest 1900“ recht düster geraten ...

Hobmeier: Das war auch der Wille und die Hoffnung des Teams: „Wir müssen mithalten mit den ganzen Streamingdiensten und versuchen das jetzt mit dieser Serie.“ Das war schon auch Courage und ein Wurf nach vorne, der nicht ganz zum Programm des Öffentlich-Rechtlichen passt. Aber gerade bei der Jugend gehören solche Produktionen im Stil von HBO oder Sky zum gängigen Sehempfinden. Da ist die ARD dann doch noch, wenn auch reichlich spät, in eine Nische reingegangen, in der die öffentlich-rechtlichen Sender davor noch nicht waren. Ich hoffe, sie haben jetzt keine Angst vor der eigenen Courage - auch wenn es bestimmt Gegenwind geben wird.

nordbuzz: Die Fleischlichkeit, die sie angesprochen haben, bricht sich in einigen gewalttätigen Szenen Bahn. Was von dieser Anarchie, die damals auf dem Oktoberfest herrschte, ist heute noch übrig?

Hobmeier: Da müssen sich nur die Anzahl an Anzeigen wegen Vergewaltigungen und Schlägereien ansehen, die schnellen geradezu nach oben. Aber so wie damals ist es nicht mehr, weil die öffentliche Hand mehr dahinter ist, dass diese Verbrechen geahndet werden. Damals war es wurscht, wenn eine Frau vergewaltigt wurde. Der Bierkonsum muss immens gewesen sein, weitaus höher als heutzutage. Was das an Gier, Brutalität und Gewalt ausgelöst hat, ist irre, glaube ich. Wenn in den letzten Jahren junge Kolleginnen oder Freundinnen auf das Oktoberfest gegangen sind, habe ich immer eine Warnung ausgesprochen.

nordbuzz: Inwiefern?

Hobmeier: Ich habe gesagt: „Passt auf euch auf, und bleibt zusammen!“ Dieses Bacchantische macht das Oktoberfest ja auch aus, dieses „Wir feiern bis in die Orgie hinein.“ Natürlich hat die Orgie absolut lustvolle, aber eben auch brutale und übergriffige Seiten. Wie gesagt: Ich glaube, da muss man sich nur die Statistiken anschauen, wie viele Vergewaltigungen es in diesen zwei Wochen in München gibt. Was den erhöhten Bierkonsum betrifft, hat sich in der Psyche des Menschen wohl nicht viel geändert. Warum sollen wir heute, 100 Jahre später, besser mit Alkohol umgehen können als damals?

„'Oktoberfest 1900' ist keine Geschichtsstunde“

nordbuzz: Ihre Rolle Colina Kandl ist in der Serie zuständig dafür, für Biernachschub und gute Stimmung zu sorgen. Was zeichnete die Biermadl aus?

Hobmeier: Das ist ein interessanter Aspekt, der über meine Rolle erzählt wird: Die Biermadl wurden damals nämlich nicht mit einem Lohn bezahlt, sondern sie lebten nur vom Trinkgeld. Und wenn ein Groschen mehr dazugelegt worden ist, ist man in den Schuppen gegangen und hat den Herren noch mit anderen Sachen bedient. Das war so ein halbprostituiertes Milieu. Als die Bierpreiserhöhung kam, haben die Menschen weniger Trinkgeld gegeben, und dadurch hatten die Biermadl kaum mehr etwas. Dann kam es zu den Streiks der Biermadl.

nordbuzz: Ihre Rolle führt diese Proteste an. Ist dieses Rebellische auch eine Eigenschaft, die Ihrem eigenen Charakter immanent ist?

Hobmeier: Weiß ich gar nicht. Bestimmt ein bisschen, aber ich bin jetzt keine Rädelsführerin. Für meine Rechte einzutreten - da finde ich mich in der Rolle schon ein Stück weit wieder. Gleichzeitig lässt sich Colina aber wahnsinnig viel gefallen, um ihr Kind zu schützen und verbiegt sich. Sie ist eine Betrügerin vor dem Herrn. Die Colina ist so stark, die braucht mich nur, dass ich sie mit Leben erfülle. Die hat Eigenschaften von so vielen Frauen, nicht nur von mir.

nordbuzz: Was in der Serie auch zum Tragen kommt, ist das Verhältnis zwischen den alteingesessenen Münchnern und dem „zuagroasten“ fränkischen Bierbrauer ...

Hobmeier: Das sind natürlich tolle Szenen, wenn der Franke kommt und keine Chance gegenüber dem Bierkartell hat. Da würde ich gerne Mäuserl spielen und wissen wollen, ob das heutzutage nicht noch genau so ist. Damals wurden die Schotten dichtgemacht, und keiner wollte sich etwas wegnehmen lassen. Genau das wollte der Produzent Alexis von Wittgenstein auch zum Thema machen, diesen Realitätsbezug. Der Nürnberger Brauer hat damals ja wirklich etwas geschaffen - trotz Intrigen -, was wir heute noch haben: die Bierburg für tausende von Menschen. Die Serie ist aber keine Geschichtsstunde, sondern auf dramatischer Ebene gut erzählt.

nordbuzz: Nach Hauptrollen in „Ein Dorf wehrt sich“ oder „Die Hebamme“ waren Sie mit „Oktoberfest 1900“ erneut schauspielerisch in der Vergangenheit unterwegs. Was macht für Sie den besonderen Reiz von historischen Stoffen aus?

Hobmeier: Bei all diesen Filmen waren die Geschichten groß und intensiv. Man beschäftigt sich einfach mit den anderen Lebensumständen, die damals herrschten. Da kann ich nicht meinen normalen Impulsen von heute folgen, sondern setze ganz andere Maßstäbe an. Das macht die Arbeit total spannend für mich. Damit ist das Korsett enger, und man muss sich mehr winden, um seine Nischen zu finden. Und die Kostüme machen natürlich Spaß, auch wenn es eine halbe Stunde dauerte, bis die Korsage geschnürt war. Nach zehn Stunden Dreh kann man dann verstehen, weshalb die Frauen damals in Ohnmacht gefallen sind.

nordbuzz: Ein abschließendes Fazit: Welches Oktoberfest sagt Ihnen eher zu, das von heute oder das von 1900?

Hobmeier: Im Spielen das von 1900, in der Realität das von heute.

teleschau

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