„Wir sind die Neubauten. Wir dürfen alles“

Blixa Bargeld im Interview

„Wir sind die Neubauten. Wir dürfen alles“: Seit inzwischen 40 Jahren machen Blixa Bargeld und die Band Einstürzende Neubauten, was sie wollen. Jetzt wollen sie, erstmals seit zwölf Jahren, wieder ein neues Album veröffentlichen.
+
„Wir sind die Neubauten. Wir dürfen alles“: Seit inzwischen 40 Jahren machen Blixa Bargeld und die Band Einstürzende Neubauten, was sie wollen. Jetzt wollen sie, erstmals seit zwölf Jahren, wieder ein neues Album veröffentlichen.

Einstürzende Neubauten ist eine spezielle Band - und Sänger Blixa Bargeld ein sehr spezieller Gesprächspartner. Im Interview zu der neuen Platte „Alles in Allem“ geht es um Pressluftleitungen im Studio, Styroporkuchen, Ärger mit dem Finanzamt, Schrottplatz-Verbote und Billie Eilish.

Seit vier Dekaden arbeiten die Einstürzenden Neubauten gegen jede konventionelle Vorstellung von Musik, indem sie zur Instrumentierung ihrer Stücke nicht nur Unmengen von Metallkörpern benutzen, sondern mitunter auch Presslufthämmer, Einkaufswägen, Bohrmaschinen und Rettungsdecken. Nun erscheint, über zwölf Jahre nach „Alles Wieder Offen“, endlich wieder ein reguläres Studioalbum der Band. Noch vor Beginn der Coronakrise lud Neubauten-Sänger Blixa Bargeld (61, bürgerlich Christian Bargeld) zum Interview bei seinem Stamm-Italiener in Berlin-Mitte. Die Themen: die neue Platte „Alles in Allem“, alltägliche Klangforschungsarbeit, Schrottplatzbesuche und Stress mit dem Finanzamt.

nordbuzz: Sie begehen in diesem Jahr 40-jähriges Band-Bestehen. Inwieweit bedeuten ihnen solche Jubiläen etwas?

Blixa Bargeld: Nur insofern, als dass ich mich dann noch ein bisschen älter fühle.

nordbuzz: Nutzen Sie solche Anlässe auch nicht, um mal zurückzublicken?

Bargeld: Außer in Arbeitssituationen wie jetzt, in denen ich mich konkret mit den Stücken auseinandersetzen muss, höre ich unsere eigenen Sachen nie.

nordbuzz: Was hören Sie denn privat?

Bargeld: In der Popmusik bin ich komplett unwissend. Sie können mir irgendeinen Namen hinwerfen und sich sicher sein: Ich habe den nie gehört. Nur Billie Eilish kenne ich, weil meiner Tochter das gefällt. Und ich find's nicht mal schlecht.

nordbuzz: Was hören Sie also?

Bargeld: „Late Junction“ auf BBC Radio 3. Das ist ein Cross-Format-Programm mit all den Sachen, die man normalerweise nicht im Radio hören würde. Pro Sendung gibt es da ein oder zwei Stücke, die ich interessant finde. Ein Äquivalent im deutschen Radio gibt es meines Wissens nicht. Meine musikalische Sozialisation ist aber natürlich Rockmusik, und zwar explizit die Krautrock- und Progressive-Rock-Ecke ab Mitte der 70er-Jahre: Can, Kraftwerk, Neu!, aber auch Bands wie Ton Steine Scherben. Davor kam noch Pink Floyd, aber eigentlich auch nur die ersten Alben bis „Meddle“. Dieses Oszillationsfeld zwischen Krautrock und Ton Steine Scherben schwingt bei den Neubauten natürlich immer noch mit.

Ärger mit dem Finanzamt

nordbuzz: Es heißt über Sie, Sie würden für Ihre Musik alltägliche Klangforschungsarbeit leisten.

Bargeld: Alltäglich ist übertrieben, aber Klangforschung war immer ein wesentlicher Bestandteil der Neubauten. Wir erkunden alles um uns herum immer auf mögliches Klangpotenzial - das ist unsere Berufskrankheit.

nordbuzz: Ist das über die Jahre mehr oder weniger geworden?

Bargeld: Eher weniger, weil wir immer mehr auf Erfahrungswerte zurückgreifen, die wir über die Jahre gewonnen haben.

nordbuzz: Entstand durch „Klangforschung“ auch die Idee zu dem neuen Stück „Taschen“, in dem Sie den Beat auf großen, mit Lumpen gefüllten Kunststofftaschen klopfen?

Bargeld: Die Idee dazu schleppte ich schon eine ganze Weile mit mir herum. Anfangs haben wir noch einen Koffer präpariert und damit gearbeitet. Dass es dann „Taschen“ wurden, hat damit zu tun, dass man uns aus Versicherungsgründen mittlerweile nicht mehr auf Schrottplätze lässt, wo wir sonst unsere Materialien herholten. Aus dieser Enttäuschung heraus hatte ich überlegt, mit was für Materialien wir noch arbeiten können, für die wir keinen Schrottplatz brauchen.

nordbuzz: Das waren dann die Plastiktaschen?

Bargeld: Zuerst experimentierte ich mit Verpackungsmaterial und kam darüber erst auf Koffer, dann auf die Taschen. Nach einer längeren ökologischen Diskussion sind die Taschen jetzt nicht mehr mit Styroporflocken, sondern mit Lumpen gefüllt.

nordbuzz: Apropos Koffer: Das Wort ist auf den letzten Platten regelmäßig gefallen, zum Beispiel auf „Perpetuum Mobile“ und „Unvollständigkeit“. Hat das damit zu tun, dass Sie so viel unterwegs sind?

Bargeld: Ja, möglich. Ich mag Koffer. Ich empfand es als eine Unverschämtheit, als mir das Finanzamt einmal mitteilte, dass ich mein Reisegepäck nicht absetzen darf. Ich meine: Entschuldigung, ich bin 250 Tage im Jahr unterwegs. Das ist doch nicht richtig, oder?

nordbuzz: Es klingt zumindest falsch.

Bargeld: Ich dürfte mir aber durchaus ein Flightcase besorgen, so ein Ding, das du aufklappst und wo dann direkt dein Laptop hochgeht, sodass du dein mobiles Büro dabeihast - den dürfte ich absetzen. Aber ich darf nicht zu Samsonite gehen und mir da einen Koffer kaufen.

nordbuzz: Gibt es eine typische Herangehensweise an Ihre Songs?

Bargeld: Na ja, wir haben ein Strategiespiel namens „Dave“ entwickelt. Wir führten das ein, um unsere eigenen Vorstellungen immer wieder zu unterwandern und auf etwas zu kommen, dass wir uns vorher nicht ausgedacht haben. Dazu ziehen wir Karten mit Worten und Anweisungen aus einem Karton, und diese Anweisungen gilt es dann bei der Arbeit am jeweiligen Song umzusetzen. Für das neue Album sind etwa die Hälfte der Stücke so entstanden.

nordbuzz: Und wie kamen die anderen Kompositionen zustande?

Bargeld: Da präsentiert jemand eine Idee, und daran forschen wir dann gemeinsam. Bei mir ist das Kommunikationsmittel in erster Linie das Piano. Die Bassmelodie von „Nagorny Karabach“ beispielsweise schrieb ich am Klavier, die wurde erst später auf den Bass übertragen. Meist schreibe ich etwas am Klavier mit der Intention, das Klavier am Ende wegzulassen.

„Vermutlich das einzige Studio der Welt mit Pressluftleitung“

nordbuzz: Haben neben den Kunststofftaschen andere neue Instrumente den Weg auf Ihr Album gefunden?

Bargeld: Wir haben viele herkömmliche und bereits bewährte Instrumente recycelt. Andrew (Chudy, Anm. d. Red.) hat den sogenannten Aircake von „Perpetuum Mobile“ (2004, d. Red.) wieder mitgebracht: ein alter Plattenspieler, auf dem eine Art Kuchen aus Styropor und diversen offenen Dosen und Flaschen montiert wurde und auf dem sich durch den Einsatz eines Luftkompressors Windgeräusche erzeugen lassen. Damals ließen wir dafür extra eine Luftdruckleitung ins Studio legen - und die gibt es bis heute. Damit sind wir vermutlich das einzige Studio der Welt mit Pressluftleitung. Der Aircake kommt nun in „Möbliertes Lied“ zum Einsatz.

nordbuzz: Wo lagern Sie die ganzen selbstgebauten Instrumente, wenn Sie damit fertig sind?

Bargeld: Wir hatten mal einen Raum im Gebäudekomplex von unserem Studio, den sie uns leider gekündigt haben. Wir haben da zwar noch einen kleinen Raum für das Allernötigste, aber der Rest lagert in einer großen Garage im Westend. Ich selbst war aber noch nie da. Es kann ja auch nicht darum gehen, immer neue Sachen anzuschleppen.

nordbuzz: Was Sie aber über viele Jahre hinweg getan haben.

Bargeld: Ja, der Impuls ging bei uns oft von den Dingen aus. Die haben irgendetwas von sich gegeben, was uns auf eine Fährte führte, der wir nachgingen und aus der sich im besten Fall dann ein Musikstück entwickelte. Das ist oft passiert. Deswegen ist es auch immer schön, wenn neue Sachen kommen, die vorher nicht da waren. Aber es wird langsam eng.

nordbuzz: Inwiefern?

Bargeld: Wir haben schon so viel ausprobiert, dass nicht mehr viel übrig bleibt. In dieser Albumproduktion hatten wir zwei spezielle Sessions: eine sogenannte Feder-Session, in der wir die Neubauten-Kategorie „Federn“ erweiterten, also Spiral- und Sprungfedern, und eine sehr kurze Glocken-Session. Aber einen ganz neuen Bereich gibt es nicht mehr zu entdecken.

nordbuzz: Gibt es deshalb auch kein Klangthema auf der Platte?

Bargeld: Die Frage nach einem Thema wurde mir am Anfang des Produktionsprozesses natürlich gestellt. Und ich dachte: vielleicht Berlin. Daraus entwickelte sich auch eine ganze Berlin-Geschichte, an der wir uns entlanghangelten, aber es war nicht zielführend. Die neue Platte ist kein Berlin-Album.

nordbuzz: Verändern sich Stücke für Sie mit der Zeit manchmal?

Bargeld: Durch das Live-Spielen, ja - da verschieben sich bestimmte Sachen schon mal. Oder es kommen neue Muster zum Vorschein, die vorher nicht ersichtlich waren, und die teilweise besser sind als die Originalversion.

nordbuzz: Gibt es Stücke, die Sie live spielen müssen, weil die Fans sonst enttäuscht sind?

Bargeld: Nein. Wir sind die Neubauten. Wir dürfen alles.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare