„Man muss Lust darauf haben, alles kontrollieren zu wollen“

Bjarne Mädel im Interview

Mit "Sörensen hat Angst" bringt Ausnahme-Schauspieler Bjarne Mädel seine erste Regiearbeit in die deutsche TV-Primetime. Es ist ein starkes Stück norddeutscher Tristesse, die da sich hinter der Erfolgsmaske eines Krimis versteckt.
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Mit „Sörensen hat Angst“ bringt Ausnahme-Schauspieler Bjarne Mädel seine erste Regiearbeit in die deutsche TV-Primetime. Es ist ein starkes Stück norddeutscher Tristesse, die da sich hinter der Erfolgsmaske eines Krimis versteckt.

Als Schauspieler ist Bjarne Mädel längst einer der Großen im deutschen Film- und Fernsehgeschäft. Beim ungewöhnlichen ARD-Krimi „Sörensen hat Angst“ führte der Norddeutsche nun erstmals Regie. Es ist ein starker Film, der zwei Welten verbindet, die eigentlich nicht zusammengehören.

Bjarne Mädel sieht nicht annähernd so glamourös aus, wie man sich einen Schauspieler vorstellt. Eher wie der lustige, unbeholfene Typ von nebenan, mit kleiner Plauze und Haarausfall - was ihm am Anfang der Karriere vor allem komische Rollen verschaffte. Die spielte er allerdings so gut, dass über die Jahre kein Weg mehr an ihm vorbeiführte. Zur mitunter ernst unterfütterten Serienkomik von „Stromberg“, „Mord mit Aussicht“ oder dem „Tatortreiniger“ kamen auch Dramen ganz ohne Humor hinzu. So wie das grandiose Schwangerschaftsdrama „24 Wochen“ oder zuletzt ein viel diskutiertes TV-Experiment der ARD, „Ferdinand von Schirach: Feinde“. Mit „Sörensen hat Angst“ (Mittwoch, 20. Januar, 20.15 Uhr, Das Erste) legt der 52-Jährige erstmals eine Regiearbeit vor. Es ist ein ungewöhnliches Werk, das gleichzeitig enorm bitter - und komisch ist. Ein Gespräch über das Leid von Schauspielern, die ihre eigenen Regisseure sind und eine panische Angst vor gutem Wetter.

nordbuzz: Es gibt sehr düstere und sehr lustige Krimis im deutschen Fernsehen. Gleichzeitig beides zu sein, ist die Idee von „Sörensen“, wie es scheint.

Bjarne Mädel: Wenn dieser Eindruck entsteht und sich die beiden Farben zu einem Eindruck verbinden, der haften bleibt, wäre ich sehr zufrieden. Lustig ist aber eigentlich nur die Angststörung Sörensens im Film - weil er selbst auf sehr humorvolle Weise damit umgeht. Der Kriminalfall selbst ist bitterernst.

nordbuzz: Glauben Sie, dass der Zuschauer mit diesem Gefühls-Spagat umgehen kann?

Mädel: Das kann man vor der Ausstrahlung kaum beurteilen. Aber ich selbst liebe so etwas. Zum Beispiel die Netflix-Serie „After Life“ von Ricky Gervais - eine Erzählung über einen Mann, der nach dem Krebstod seiner Frau zum Menschenhasser wird. Eigentlich enorm bitter - und trotzdem wahnsinnig komisch. Als Zuschauer liebe ich es, wenn ich gerade noch gelacht habe und mir danach die Tränen runterlaufen. Diese Verbindung kann für mich nicht heftig genug sein, auch weil ich das Leben so wahrnehme. Wenn mir ganz schlimme Momente passieren, entladen die sich oft in Lachen, weil ich die Situation sonst gar nicht ertragen würde.

„Mein Leib muss ganz schön viel aushalten“

nordbuzz: Sven Stricker, der Autor der „Sörensen“-Romane, und Sie kennen sich sehr gut. Stimmt es, dass er die Bücher mit Ihnen als Vorbild für den Kommissar geschrieben hat?

Mädel: Ich glaube, das ist ein bisschen missverständlich. Sven hat die Figur mit meiner Stimme und Sprache im Kopf entwickelt. Er kommt ja von der Hörspiel-Regie, und ich habe die Rolle schon in den Hörbüchern gesprochen. Privat leide ich allerdings nicht an einer Angststörung, und ich habe mich auch nicht von meiner Frau getrennt. Es gibt also schon Unterschiede zwischen Sörensen und mir.

nordbuzz: Aber auch Gemeinsamkeiten?

Mädel: Klar, vor allem der norddeutsch trockene, lakonische Humor. Mit dem kann ich natürlich viel anfangen, weil ich aus der Region komme. Ich habe öfter gelesen, dass mir die Sörensen-Rolle auf den Leib geschrieben wurde. Dasselbe hat man allerdings schon bei „Stromberg“, „Mord mit Aussicht“ und beim „Tatortreiniger“ geschrieben. Langsam habe ich das Gefühl, mein Leib muss ganz schön viel aushalten. Aber ich nehme das natürlich als Kompliment für meine Glaubwürdigkeit.

nordbuzz: In diesem Jahr erscheint der dritte „Sörensen“-Roman. Planen Sie, die anderen Bücher ebenfalls zu verfilmen?

Mädel: Ich fände es schade, wenn man den Film als Vehikel eines Reihenstarts begreifen würde. Ich bin mir noch nicht sicher, ob wir das Ganze fortsetzen. Es ist zunächst mal ein Einzelstück und ein Film über eine Angststörung. Dazu keine leicht konsumierbare Krimi-Ware. Deshalb läuft der Film ja auch am Mittwoch und nicht am Donnerstag, wo die Leute eher klassischen Krimi erwarten. Natürlich sind die Figuren so angelegt, dass man sie gerne wiedersehen würde. Man müsste bei einem zweiten Film aber wieder so einen Anker wie die Angststörung finden, der die Erzählung zu einem ganz eigenständigen Stück macht.

Regie kostet „etwa anderthalb Lebensjahre“

nordbuzz: „Sörensen hat Angst“ ist Ihr Regie-Debüt. Wie fanden Sie den neuen Job?

Mädel: Toll, faszinierend - aber auch sehr fordernd. Wenn man Regie führt, muss man wissen, dass etwa anderthalb Lebensjahre für ein solches Projekt draufgehen. Natürlich passiert zwischendurch auch noch anderes, aber man ist im Hintergrund immer damit beschäftigt. Die Produktionszeit selbst ist dann ungeheuer intensiv und dauert natürlich auch viel länger, als wenn man „nur“ Schauspieler ist.

nordbuzz: Sie könnten Ihre Rolle weiterspielen, aber die Regie abgeben - oder hätten Sie bei dieser Variante Angst, nicht loslassen zu können?

Mädel: Natürlich wäre das eine Möglichkeit, aber für mich ist sie im Augenblick noch schwer vorstellbar. Dafür bin ich emotional noch zu dicht mit dem Film verbunden. Ich fände es besonders schwierig, wenn da jemand anderes kommt und komische Leute besetzt. Weil ich für jede noch so kleine Rolle Kollegen gefunden habe, die ich großartig finde.

nordbuzz: Spielen Sie anders, wenn Sie Ihr eigener Regisseur sind?

Mädel: Ich hatte vor dem Projekt am meisten Angst davor, dass ich im Film nicht genug Schauspieler sein würde. Dass die Kollegen irgendwann sagen: „Hey, hör mal auf zu kontrollieren - und spiele deine Rolle!“ Das war aber zum Glück nicht so. Ich bin anscheinend so konditioniert, dass ich alles vergesse, wenn jemand laut „bitte“ ruft - und ich dann in der Szene und in meiner Figur bin. Der Druck um das eigentliche Realisieren der Szenen war viel schlimmer. Organisatorische Dinge, wie wenn einem zum Beispiel kurzfristig ein Motiv weggebrochen ist. Beim Spielen bin ich ein Stück weit auf Autopilot und kann alles andere ausblenden. Als Filmemacher hat mich der Stress die ganze Zeit begleitet.

„Zum Schluss passierte eine Katastrophe, da kam die Sonne raus“

nordbuzz: Es gibt berühmte Schauspieler, die sehr oft ihre eigenen Regisseure waren: Woody Allen, Kevin Costner oder auch George Clooney. Haben diese Leute ein eigenes Psychogramm?

Mädel: Das weiß ich nicht. Ich kann nur für mich sagen, dass man Lust darauf haben muss, alles kontrollieren zu wollen. Man erkauft sich die kreative Freiheit mit einer Menge Stress und Verantwortung. Ich habe mir aber auch den Luxus leisten dürfen, ganz tolle Leute für die Jobs hinter der Kamera ins Boot zu holen. Die haben eine Menge Ärger von mir fern gehalten, wenn mal wieder eine jener Katastrophen passierte, wie sie beim Film üblich sind - ich aber gleich noch eine schwierige Szene zu drehen hatte. So erfuhr ich von manchen Dingen, die mich ungelöst total fertig gemacht hätten, erst beim Feierabend-Bier - als die Probleme schon halbwegs in trockenen Tüchern waren.

nordbuzz: Was bei „Sörensen“ auffällt, ist die enorme Tristesse der Schauplätze. Nicht nur das Wetter ist stetig schlecht, auch Straßen, Häuser und Wohnräume scheinen sich der allgemeinen Depression anzupassen. Haben Sie lange nach diesen Drehorten gesucht?

Mädel: Der Roman spielt eigentlich in Nordfriesland. Wir waren dort auch schon rumgefahren und haben nach Motiven gesucht. Dann erhielten wir jedoch eine Förderung, die voraussetzte, dass wir in Niedersachsen drehen. Also haben wir Nord- gegen Ostfriesland getauscht. Das war aber ganz toll. Ich kannte die Gegend um Bremerhaven auch noch gar nicht so gut. Wir drehten unter anderem in Varel und in Budjadingen - ein toller Landstrich mit großartigen Motiven und wunderbaren, hilfsbereiten Menschen. Da gab es zum Beispiel diese eine Straße, in der alle Häuser gleich aussehen, ein bisschen wie im Film „The Truman Show“. Solche Orte haben wir im Film zelebriert. Natürlich haben sie auch etwas Trostloses, aber für unseren Film war das extrem stimmig.

nordbuzz: Und das trübe Wetter wurde Ihnen auch gratis geliefert?

Mädel: Normalerweise kann man sich im Februar und März auf das trübe Wetter der Region verlassen. Nur zum Schluss, als der große Showdown gedreht werden sollte, passierte für uns eine Katastrophe - da kam nämlich die Sonne raus. Die anderen Drehtage waren trübe genug, dass es für uns inhaltlich immer gepasst hat. Im Roman regnet es die ganze Zeit, alles ist immer nass. Regen künstlich herzustellen, ist beim Film aber enorm teuer. Deshalb habe ich mich über jeden trüben Tag gefreut. Als Privatperson ist das für mich unvorstellbar - aber wenn du einen düsteren Film machst, kriegst du auf einmal ein Hochgefühl, wenn du morgens den Vorhang aufziehst, und draußen sieht es nach Weltuntergang aus.

teleschau

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