„Wir müssen etwas identifizieren, von dem wir sagen können: Das ist das Böse!“

Anja Reschke im Interview

Anja Reschke, 48 und Leiterin des Ressorts Innenpolitik beim NDR, widmet sich in ihrem neuen Format "Die Narbe" kollektiv wirkenden Großunglücken wie den Katastrophen von Ramstein oder Eschede. Die 30-minütigen Filme samt anschließendem Gespräch laufen auf dem Geschichts-Sendeplatz des Norddeutschen Fernsehens.
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Anja Reschke, 48 und Leiterin des Ressorts Innenpolitik beim NDR, widmet sich in ihrem neuen Format „Die Narbe“ kollektiv wirkenden Großunglücken wie den Katastrophen von Ramstein oder Eschede. Die 30-minütigen Filme samt anschließendem Gespräch laufen auf dem Geschichts-Sendeplatz des Norddeutschen Fernsehens.

Warum brauchen Menschen immer einen Schuldigen - und wie wie wichtig ist Vergebung? Im hochinteressanten neuen NDR-Format „Die Narbe“ widmet sich „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke drei traumatischen Unglücken der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Das Zugunglück von Eschede 1998, die Flugschaukatastrophe von Ramstein 1988 oder die Massenkarambolage aufgrund eines Sandsturms auf der A19 bei Rostock im Jahr 2011 - im ungewöhnlichen Format „Die Narbe“ (Mittwoch, 14. Oktober, 21 Uhr, NDR) widmet sich „Panaroma“-Moderatorin Anja Reschke großen Fragen: Es geht um Schuld, Vergebung und Verarbeitung im Zusammenhang großer Unglücke. Nach einem 30-minütigen Film zu jeder Katastrophe folgt ein 15-minütiges Gespräch. Sollte die Reihe, die immer mittwochs im Dritten läuft, auf entsprechendes Interesse beim Publikum stoßen, will die 48-jährige Mutter zweier Kinder „Die Narbe“ mit weiteren Ereignissen aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen fortsetzen.

nordbuzz: Sie beschäftigen sich mit großen Unglücken, an die sich fast jeder erinnern kann. Wirken diese Ereignisse im kollektiven Gedächtnis der Deutschen auch nach?

Anja Reschke: Es sind Ereignisse von einer solchen Dimension, die eben kaum jemanden emotional unberührt gelassen haben. Das Flugschau-Unglück von Ramstein, die ICE-Katastrophe von Eschede - jeder, der alt genug ist, kann sich daran erinnern. Man könnte diese Liste fortsetzen: die Loveparade in Duisburg, der Amoklauf von Winnenden oder der Geman Wings-Absturz. Natürlich verblassen solche Unglücke mit der Zeit. Aber die Menschen, die direkt von so einer Katastrophe betroffen waren, tragen sie ein Leben lang mit sich. Sie hinterlassen eben Narben.

nordbuzz: Warum bewegen solche Unglücke auch Menschen tief, die nicht direkt daran beteiligt waren?

Anja Reschke: Ich glaube, weil sie die großen Fragen des Menschseins berühren: Tod, Verlust, Schmerz, Schuld, Verantwortung. Das kennt jeder. Und wenn so ein Unglück passiert, werden diese Fragen auf einmal sehr präsent. Nach dem German Wings-Absturz hatten viele ein mulmiges Gefühl, in ein Flugzeug zu steigen. Nach Eschede hatte man Angst, Zug zu fahren. Das folgt keiner Logik oder Vernunft, sondern das sind einfach starke Gefühle, die durch so ein Unglück ausgelöst werden.

„Ich glaube, dass Schuld ein großes Ordnungsprinzip darstellt“

nordbuzz: Zu jedem Unglück zeigen Sie einen 30 Minuten langen Film und diskutieren danach 15 Minuten mit Menschen, die mit dem Ereignis zu tun hatten. Was ist das Ziel der Sendung?

Anja Reschke: Unsere Grundfrage lautete, welche Narben solche Katastrophen hinterlassen und wie wir damit umgehen - daher stammt der Titel der Sendung. Wir haben erst mal drei Ereignisse herausgesucht: Ramstein, Eschede und das Autobahnunglück auf der A19 durch einen Sandsturm. Jeder der drei Abende hat ein Hauptthema: Bei der A19 geht es um Schuld, beim ICE-Unglück um Vergebung und bei Ramstein um Verarbeitung. Entsprechend dieser Themen haben wir Gäste für Gespräche eingeladen. Über das Thema Vergebung habe ich beispielsweise mit der Theologin Margot Käßmann gesprochen.

nordbuzz: War es denn klar, welches Unglück welche Fragen stellt?

Anja Reschke: Es ergab sich tatsächlich aus den Gesprächen mit den Beteiligten, aus den Dreharbeiten. Beim ICE-Unglück von Eschede war sehr deutlich zu spüren, dass die Angehörigen vergeben müssen, einfach um weitermachen zu können. Man muss sich das mal vorstellen: Erst 15 Jahre danach hat sich die Deutsche Bahn bei den Angehörigen für das entstandene „menschliche Leid“, wie Bahnchef Rüdiger Grube damals sagte, entschuldigt. Das ist eine lange Zeit. Beim Sandsturm auf der A19, der den Autofahrern die Sicht nahm und zu einer Massenkarambolage führte, geht es vielmehr um die Frage: Kann jemand schuld sein, bei so einem Naturereignis? Das ist im Film sehr präsent, weil wir ja mit der Autofahrerin gesprochen haben, die tatsächlich dafür verurteilt wurde. Das Klären von Schuld ist sehr essenziell bei solchen Ereignissen. Man hat das zuletzt auch beim Urteil zur Loveparade in Duisburg gemerkt. Dass man nicht den Schuldigen fand, führt zu Unbehagen, irgendwie zu einem Gefühl von Ungerechtigkeit.

nordbuzz: Haben Sie herausgefunden, warum der Mensch immer einen Schuldigen braucht?

Anja Reschke: Ich glaube, dass Schuld ein großes Ordnungsprinzip darstellt - innerhalb der ewigen Einteilung in gut und böse, richtig und falsch. Schuld hängt ja mit Verantwortung zusammen. Man möchte wissen, warum etwas geschehen ist. Es ist eine Orientierung, die der Mensch braucht, um überhaupt durch diese Welt gehen zu können. Wenn etwas Schlimmes passiert, müssen wir irgend etwas identifizieren, von dem wir sagen können: Das ist das Böse! In dem Moment, wo wir das nicht tun können, sind wir sehr durcheinander. Ich finde, man kann das sogar gerade beim Thema Corona beobachten. Es scheint manchen schwer zu fallen, einfach ein Virus als Ursache für Einschränkungen zu akzeptieren. Lieber gibt man der Regierung oder Virologen oder Bill Gates die Schuld.

„Vielleicht haben wir ein schlechtes Gewissen, weil wir erst mal weiterleben werden“

nordbuzz: Was haben Sie beim Thema Verarbeitung und Ramstein erfahren?

Anja Reschke: Interessant an Ramstein ist, dass das Unglück immer noch tiefe Traurigkeit auslöst, obwohl es schon 32 Jahre her ist. Ich hatte dazu zwei ältere Herren im Gespräch bei mir: Bernhard Vogel, damals Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und einen Arzt, der später dann die Traumatisierten behandelt hat. Beide Männer haben noch den Krieg in Deutschland erlebt. Es ist berührend, wie eine Generation die Notwendigkeit von Verarbeitung erkennt, die eigentlich mit dem Lebenskonzept „Zähne zusammenbeißen“ groß geworden ist.

nordbuzz: Wenn wir von solchen Unglücken tief bewegt sind, geht es dann eher um die Erfahrung der eigenen Verletzbarkeit - also eine Art Furcht - oder ist der Mensch tatsächlich mitfühlend?

Anja Reschke: Empathie ist schon ein Merkmal des Menschseins. Wir sind in der Lage, mitzufühlen. Und dazu kommt das Bewusstsein über die eigene Endlichkeit. Natürlich denkt man bei der Nachricht eines großen Unglücks: Ich hätte da auch drinsitzen oder dabei sein können! Auch ich bin sterblich und irgendwann am Ende. Das wird einem bei so einem Unglück sehr brutal vor Augen geführt. Deshalb leiden wir auch mit, wenn jemand schwer krank ist. Wir wissen, dass wir irgendwann sterben. Auch, wenn wir uns damit nicht befassen wollen.

nordbuzz: Können Sie das Phänomen erklären, dass sich Menschen sehr für die Schicksalsschläge anderer interessieren, aber im direkten Kontakt kaum jemand Leuten begegnen will, denen Furchtbares widerfahren ist?

Anja Reschke: Ich bin sicher keine Expertin für solche Fragen, aber grundsätzlich gibt es dieses Phänomen. Menschen, die schwer oder tödlich krank sind, erleben oft eine Isolation, weil niemand mehr vorbeikommen will - obwohl die Menschen ja eigentlich emphatisch sind. Wahrscheinlich ist der gesunde Mensch einfach nur überfordert vom Angesicht des bevorstehenden Todes. Vielleicht haben wir auch ein schlechtes Gewissen, weil wir erst mal weiterleben werden. Tod und Verfall wird in unserer Gesellschaft ausgeblendet. Alle versuchen, jung und fit zu bleiben. Das nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Es ist ja schon erstaunlich, wenn man sich die letzten Jahrzehnte anschaut, wie viel jünger die Älteren heute sind. Der 50-Jährige fühlt sich wie 30, der 70-Jährige benimmt sich wie ein 50-Jähriger. Der Tod wird immer weiter weggeschoben.

„ In der Politik geht es um dieselben großen Fragen ...“

nordbuzz: Sie sind durch „Panorama“ als knallharte Investigativ-Journalistin bekannt. „Die Narbe“ ist ja nun etwas ganz anderes. Müssen Sie sich dafür emotional öffnen? Oder muss es eher heißen: Sie dürfen sich öffnen?

Anja Reschke: „Panorama“ und „Die Narbe“ sind sehr verschiedene Genres. Das Erste sind klassische Moderationen, die auf Filme hinführen, das Zweite ist ein Gespräch. Ich musste mich nicht außergewöhnlich anstrengen, um diese Gespräche zu führen (lacht), denn sie haben mich auch persönlich sehr interessiert. Nichtsdestotrotz geht es auch in „Panorama“ um essenzielle Fragen, die gar nicht so weit weg sind von „Die Narbe“: um Gerechtigkeit, teilweise um Genugtuung, auch um Schuld. In der Politik geht es um dieselben großen Fragen, die uns Menschen auch im Persönlichen bewegen. Sonst würde sich ja keiner über Verfehlungen oder Ungerechtigkeiten aufregen. Nehmen wir „Wirecard“ - warum regen sich die Leute so darüber auf? Nicht nur, weil sie betrogen wurden, sondern vor allem, weil viele eine tief empfundene Ungerechtigkeit in diesem Skandal sehen. Auch dort geht es um den tiefen Wunsch des Menschen, dass die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.

nordbuzz: Wann und in welchen Zusammenhängen fühlen Sie sich schuldig?

Anja Reschke: Na ja, im Alltag fühlt man sich natürlich schuldig, wenn man das Gefühl hat, dass man vielleicht ungerecht zu jemandem war oder eine Situation falsch eingeschätzt hat. Im größeren Sinne schuldig oder besser demütig fühle ich mich, wenn ich sehe, wie gut es mir geht. Wenn ich mich in der Welt umschaue, sehe ich viele Menschen, die einfach nicht das Glück hatten, wie ich, an einem Ort geboren worden zu sein, an dem man sicher ist und sich entfalten kann. In vielen anderen Ländern herrscht Krieg oder es gibt Repressionen. Und auch in Deutschland hängt schon viel davon ab, in welches Umfeld man geboren wurde, welche Zuneigung oder Chancen man bekommen hat. Das sind Dinge, die in mir zumindest so ein Zwischengefühl zwischen Schuld und Demut erzeugen.

teleschau

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