Wissenschaftler und ZDF-Moderator

„Angst, dass wir die Kontrolle wieder verlieren“: Professor Harald Lesch rügt „Eskapaden wie bei Tönnies“

Bloß nicht zu locker machen! Harald Lesch sieht beim Infektionsgeschehen im Land weiterhin die Gefahr einer zweiten Welle.
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Bloß nicht zu locker machen! Harald Lesch sieht beim Infektionsgeschehen im Land weiterhin die Gefahr einer zweiten Welle.

„Wann geht es angesichts der vielen Neuinfizierten wieder los?“ Professor Harald Lesch sorgt sich um die Pandemielage im Land. Auch zur Klimakrise hat der ZDF-Moderator und Physiker einen dringenden Appell.

Coronakrise - war das was? Wären die Mundschutzmasken nicht noch allgegenwärtig, könnte man langsam auf die Idee kommen, die Pandemie sei überwunden. „Wir sind alle wieder viel mehr in unserem Alltag und versuchen, in dieser Mixtur aus Verboten und Lockerungen den Kopf über Wasser zu halten“, beschreibt Professor Harald Lesch in einem Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau die aktuelle Situation im Land. „Aber angesichts von Eskapaden wie bei Tönnies kommt auch wieder die Angst, dass wir die Kontrolle über dieses hochansteckende Virus verlieren. Da fragt man sich: Wann geht es angesichts der vielen Neuinfizierten wieder los?“

Einen Anteil am aus seiner Sicht riskanten Gesinnungswandel schreibt der aus verschiedenen ZDF-Wissenssendungen bekannte Astrophysiker von der LMU München den Kollegen von den Geisteswissenschaften zu. Mit Sorge nehme er Publikationen wahr, in denen gefordert werde, „die Wissenschaft soll forschen und sich ansonsten ruhig verhalten“. Lesch habe den Eindruck gewonnen, „dass da manche aus Sozial- und Geisteswissenschaften versuchen, endlich wieder die Deutungshoheit über die Welt zu erlangen. Schließlich mussten sie sich drei Monate dem Diktat der Fakten beugen und sich von den Naturwissenschaften anhören, wie die Welt funktioniert. Angesichts der Gefahr der zweiten Welle halte ich solche Diskussionen für verfrüht.“

Mit Sorge verfolgt der fernsehaffine Forscher auch das Aufkeimen von Verschwörungsmythen rund um die COVID-19-Pandemie und andere Felder der Wissenschaft. Wird solchen Theorien zu viel Aufmerksamkeit zuteil? „Das Problem ist die Gewichtung“, erklärt Lesch das Problem. Der US-Late-Night-Talker John Oliver habe in seiner Sendung „mal aufgezeigt, wie etwa Klimawandel-Diskussionen ablaufen. Da sitzen ein Klimawandel-Skeptiker und ein Spezialist. Aber in Wirklichkeit müssten da 97 Klimaforscher sitzen - und ihnen gegenüber drei Skeptiker. Das wäre doch mal eine tolle Situation in einem Studio.“

Harald Lesch: Parteiübergreifende Mehrheit ist von nachhaltiger Energie- und Klimapolitik überzeugt

Speziell die Erkenntnisse der Klimaforschung könnte heute niemand mehr ernsthaft anzweifeln, ist der 59-Jährige überzeugt. „Das kann man sich von Bauern, Winzern oder Waldexperten vor Ort erklären lassen, sogar von der Tourismusindustrie. Die können Ihnen sagen, wie sich die Welt in den letzten 30 Jahren verändert hat.“ Lesch ist sicher, „dass bei uns in Deutschland eine übergroße Mehrheit mit den wissenschaftlichen Ergebnissen übereinstimmt und deshalb auch von einer nachhaltigen Energie- und Klimapolitik überzeugt ist, und zwar parteiübergreifend“.

Nun gehe es darum, wissenschaftliche Erkenntnisse und ökonomische Notwendigkeiten in Einklang zu bringen, vor allem im Bereich des Ausbaus erneuerbarer Energien. Der Physik-Professor hat dazu sogar eine konkrete Idee: „Im ländlichen Umland stehen die Windräder, Fotovoltaik- und Biogasanlagen, sie sind die Energiequellen der großen Städte und Ballungsräume. Wie wäre es, wenn wir zwischen Stadt und Land einen Energiefinanzausgleich hätten? Das wäre finanziell für die Landkreise interessant, zugleich würde es gewürdigt, dass die Landkreise das auf sich nehmen. Wer weiß, was da alles möglich wäre, wenn genügend Geld flösse?“ Lesch: „Vielleicht könnte man auf diese Weise den Graben zwischen Arm und Reich schließen - bei gleichzeitiger ökologischer Vernunft.“

Derweil gibt es für den Fernsehprof zumindest schrittweise eine Rückkehr in die TV-Normalität: Während sich die kommende Ausgabe von „Leschs Kosmos“ (Dienstag, 14. Juli, 23 Uhr, im ZDF) dem „Kampf ums Wasser“ widmet, beleuchtet er bereits zuvor in der „Terra X“-Show (Mittwoch, 8. Juli, 20.15 Uhr) gemeinsam mit Prominenten die „Rätsel der Welt“.

teleschau

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