„Hey, jetzt mal was ausprobieren Leute!“

Alina Levshin im Interview

„Im Film noir ist nicht alles gut, das ist keine &#39Happy Welt&#39, sondern da ist alles dreckig und rau. Das finde ich spannend“, sagt Alina Levshin über „Dunkelstadt“.
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„Im Film noir ist nicht alles gut, das ist keine 'Happy Welt', sondern da ist alles dreckig und rau. Das finde ich spannend“, sagt Alina Levshin über „Dunkelstadt“.

Schauspielerin Alina Levshin spricht im Interview über einen Karriere-Meilenstein, Geschlechterbilder und fehlenden Humor im deutschen Fernsehen. In ihrer neuen Serie „Dunkelstadt“ spielt sie nun eine Privatermittlerin, die „pessimistisch angehaucht ist, schon fast am Rande des Zusammenbruchs“.

Rund zehn Jahre nachdem ihre Karriere mit „Im Angesicht des Verbrechens“ richtig Fahrt aufnahm, stürzt sich Alina Levshin als Privatermittlerin Doro Decker in „Dunkelstadt“ (mittwochs, ab 26. Februar, 21.45 Uhr, ZDFneo, ab 26. Februar in der ZDF-Mediathek) in den düsteren Morast einer zwielichtigen Stadt. Mit nur sechs Jahren kam sie mit ihren Eltern aus der damals sowjetischen Ukraine nach Berlin, wo sie im Kindesalter im Friedrichstadtpalast spielte und tanzte. Heute lebt die in Odessa geborene 35-Jährige mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Hauptstadt und ist eine erfolgreiche Schauspielerin. Sie wurde für ihre Rollen in „Kriegerin“ oder „Alaska Johansson“ ausgezeichnet. Warum ihr die Whiskey-schlürfende Doro Decker so sympathisch ist, Frauen in der Filmbranche und in anderen Bereichen von sich überzeugt sein müssen und wo ihr der Humor im Fernsehen zu kurz kommt, verrät Alina Levshin im Interview.

nordbuzz: Ziemlich genau zehn Jahre sind seit „Im Angesicht des Verbrechens“ vergangen. Dominik Grafs Serie wurde viel gelobt und ist gut gealtert. War die Rolle die Initialzündung für Sie?

Alina Levshin: Es ist auf jeden Fall ein Meilenstein in meiner Karriere. Es war eine meiner ersten Arbeiten und dementsprechend wichtig für mich. Ich hatte davor für „Rosa Roth“ von Carlo Rola mit Iris Berben schon ein paar Drehtage gehabt. Das war schon toll. Ich habe ja damals noch Schauspiel an der HFF Potsdam studiert, und es war alles sehr neu für mich. Und dann kam eben „Im Angesicht des Verbrechens“, was noch mal ein riesiger Schritt nach vorne war. Da habe ich sehr, sehr viel gelernt. Mit Dominik Graf habe ich eine sehr schöne Zusammenarbeit gehabt. Das ist etwas, was immer in meiner Erinnerung bleiben wird.

nordbuzz: Also der Maßstab für alles, was noch kommen würde?

Levshin: Ja, tatsächlich. Es war sehr farbenfroh, und alles was danach kam, habe ich an dieser Arbeit gemessen. Alles danach war eher: „Ah interessant, so kann es also auch gehen.“ Ob es mein Durchbruch war? Ich glaube, zuvor war ich einfach unbekannt und noch Studentin. Dann war mein Name auf einmal in aller Munde. Anschließend habe ich meine Agentur gefunden und war plötzlich eine richtig professionelle Schauspielerin (lacht).

„Keine 'Happy Welt', sondern alles dreckig und rau“

nordbuzz: „Manchmal fehlt in Deutschland der Mut, neue Wege zu gehen, gerade im Denken“, sagten Sie in einem Interview über die Fernseh-Branche. Inwiefern geht „Dunkelstadt“ neue Wege?

Levshin: Ich glaube schon, dass es mutig ist, so eine Serie zu machen. Ich habe noch keine deutsche Produktion wie diese im Fernsehen gesehen. Es hat einen Hauch von einem düsteren Comic. Die Figur Doro Decker ist vielleicht nicht auf Anhieb sympathisch. Ich finde es aber sehr spannend, das einfach mal auszuprobieren: Sich zu trauen, eine Figur zu zeichnen, die nicht sehr lebensfroh ist. Die sagt: „Mir geht's gut, ich schaffe das alleine, danke Leute! Ich pfeife mir jetzt meinen Whiskey rein, das ist meine Therapie. So verarbeite ich Dinge.“ Außerdem finde ich es schön, dass sie sich verändern kann. Dass sie sich öffnet, Dinge ausprobiert und auch mal Fehler einsieht. Das ist eigentlich ziemlich mutig. Sie wirkt erst mal nicht so heldenhaft - das finde ich toll.

nordbuzz: „Dunkelstadt“ nutzt viele Elemente des Film noir. Sind Sie ein Fan dieses Stils?

Levshin: Ich finde dieses Comichafte, das da anklingt, insgesamt sehr interessant. Im Film noir ist nicht alles gut, das ist keine „Happy Welt“, sondern da ist alles dreckig und rau. Das finde ich spannend. Dass man sich zutraut, es nicht allen von Anfang an recht zu machen. Und eine Figur zeichnet, die pessimistisch angehaucht ist, schon fast am Rande des Zusammenbruchs. Trotzdem steht sie auf und versucht etwas zu ändern. Sie nimmt es selbst in die Hand, das ist ihre Stärke. Nach dem Motto: Auch wenn es so scheint, es ist nicht alles schlecht, und man kann etwas ändern, wenn man es möchte.

nordbuzz: Ihre Figur Doro passt sich immer wieder neuen Umständen an und schlüpft in ihren Ermittlungen in diverse Rollen, beispielsweise in die einer Obdachlosen. Ist diese Wandelbarkeit die große Herausforderung dabei?

Levshin: Ja, ich finde schon. Natürlich ist da einerseits die Doro Decker, die ich versucht habe zu zeichnen: ihre Geheimnisse, ihre Dämonen, ihr Wesen. Als Einzelgängerin ist sie niemand, der sich gerne in den Mittelpunkt stellt. Andererseits ist sie neugierig, und das Ermitteln ist ihr Job. Sie hilft gerne und hat einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Um an Informationen zu kommen, muss sie sich verwandeln, in andere Persönlichkeiten schlüpfen, vielleicht den anderen eine Illusion vorspielen. Für mich ist es nicht einfach gewesen, eine Folge zu drehen, in der sie sich wieder zweimal umzieht und jemand anderes darstellt. Aber dafür ist dieses Hin und Her wirklich spannend.

„Die Fantasie anregen - was kann es Schöneres geben?“

nordbuzz: Glauben Sie, dass die Idee auch zu unkonventionell fürs Hauptprogramm war?

Levshin: Ich möchte den Zuschauer nicht unterschätzen. Es wird ja auch im ZDF (ab 28. Februar, freitags, 0.00 Uhr, d. Red.) ausgestrahlt, aber natürlich kann man sich über die Sendezeit streiten. Man hat sich dafür begeistert, hat das aus Leidenschaft gemacht, und auch die Produktion hat sich total für diese Idee eingesetzt. Da hätte man sich gewünscht, dass es auch noch mehr Zuschauer bekommt. Wobei die Diskussion über Sendeplätze und die damit verbundene Wertigkeit von Programmen durch das non-lineare, digitale Sehen sich langsam erledigt. Die Zuschauer entscheiden heute selbst, was sie wann wo sehen wollen. Einfach mit einem Klick.

nordbuzz: Muss man erst ein Bewusstsein für Neues schaffen im deutschen Fernsehen?

Levshin: Ich glaube, die Zuschauer gewöhnen sich auch an Dinge. Etwas Neues wirkt vielleicht zunächst komisch, aber man sollte seine natürliche Neugierde nicht immer unterdrücken, sondern einfach mal sagen: „Hey, jetzt mal was ausprobieren Leute!“ Ich kann doch die Fantasie anregen, was kann es Schöneres geben.

nordbuzz: Warum hat sich Antwerpen als Drehort angeboten? Haben Sie, wenn Sie an das fiktive „Dunkelstadt“ denken, einen realen Ort vor Augen?

Levshin: Es hatte schon was, in Antwerpen zu drehen. Ich war noch nie vorher da und war wirklich sehr gespannt. Aber es hat sich total bewährt, da es hier und da Ecken gab, die zwielichtigen Charakter hatten. Dort hat man dieses Harte, Industrielle gespürt. Ich hätte mir auf Anhieb keine bessere Stadt dafür denken können. Es sollte etwas Raues sein, etwas Dreckiges, das man allerdings in jede Stadt hineinprojezieren könnte. Obwohl es eine fiktive Stadt ist, ist es sehr gut gelungen, dieses Urbane im Gefühl zu etablieren.

„Man muss als Frau in diesem Beruf von sich überzeugt sein.“

nordbuzz: Die einzelnen Episoden bilden zusammen eine Bandbreite gesellschaftlicher Probleme ab. Glauben Sie, es wird in den heutigen Zeiten zunehmend schwieriger, einem moralischen Kompass zu folgen?

Levshin: Ich glaube, dass es viele Szenen gibt, die eine Haltung brauchen. Es passiert gerade Vieles auf der Welt, bei dem man hofft, dass es nicht außer Kontrolle gerät. Natürlich ist nicht alles fein - deshalb ja so eine dunkle Serie, die sich mit solchen Themen auseinandersetzt. Jede Folge behandelt ein eigenes Thema und reißt etwas. Auch wenn es nur 45 Minuten sind, haben wir versucht, tiefer zu gehen und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. Nichts zu beschönigen. Ich finde, das ist uns gelungen.

nordbuzz: Als Privatermittlerin ist Doro freier in ihren Entscheidungen und im Gegensatz zu ihren Kollegen bei der Polizei nicht an Regeln gebunden. Fühlen Sie sich selbst oft privat durch Regeln oder Erwartungen eingeschränkt?

Levshin: Klar gibt es da gewisse Richtlinien, Gesetze oder Erwartungen, die begrenzen. Schon alleine, wenn wir es gesellschaftlich betrachten: Es gibt ja gewisse Rollenzuweisungen der Geschlechter, welche noch lange nicht gleichberechtigt sind. Es gibt ja immer noch das Denken: Frauen sollten eher so sein, und Männer sollten eher so sein.

nordbuzz: Und beruflich?

Levshin: Im Beruf geht es dann fröhlich weiter. Selbstverständlich hat man immer das Gefühl, es wird etwas von einem erwartet. Möglicherweise ist es auch ein inneres Gefühl. Wenn man in ein Casting geht, weiß man ja auch nicht sofort, ob einem das Gegenüber wohl gesonnen ist. Man kann ja auch nicht für jede Rolle geeignet sein. Und ich glaube, man muss als Frau sowohl in diesem Beruf als auch in anderen Gebieten sehr stark und von sich überzeugt sein. Einfach wissen, was man selbst mag, und sich diese Haltung bewahren. Man kann es nicht jedem recht machen. Man sollte schön bei sich bleiben. Das ist etwas, das ich gelernt habe.

„Humor ist eine starke Form, sich auszudrücken“

nordbuzz: Gibt es ein bestimmtes Genre, das Sie als Schauspielerin in Angriff nehmen möchten in nächster Zeit? Was fehlt Ihnen noch in ihrer Vita?

Levshin: Oh ja, da gibt es sehr viel. Ich bin sehr offen für vieles. In erster Linie muss mich die Geschichte interessieren. Ich schaue erst mal nicht nach dem Genre, sondern nach dem Inhalt, der transportiert wird. Dann würde ich aber auch gerne mal in eine ganz andere Richtung gehen: Science-Fiction zum Beispiel. Das Genre ist in Deutschland ja nicht so gang und gäbe. Aber auch eine tolle Komödie, die auch mal ein ernstes Thema bearbeitet, kann ich mir vorstellen. Leichtigkeit und ein Schmunzeln in Themen zu bringen, die eher einem Drama zugeordnet werden, auch in Form von Satire. Das ist manchmal viel tiefgreifender als ein Drama selbst, finde ich.

nordbuzz: Wünschen Sie sich grundsätzlich mehr Humor im deutschen Fernsehen?

Levshin: Definitiv! Ich bin dem Humor sehr zugeneigt. Vor allem in Filmen, in denen er gar nicht so angebracht scheint, finde ich es großartig, wenn sich das jemand traut. Es ist eine ganz starke Form, sich auszudrücken. Gerade da, wo es nicht den Erwartungen entspricht, weil es auch einfach sehr lebensnah ist. Es passieren ja häufiger Situationen, bei denen man denkt: „Was für eine Situationskomik, das ist gerade total witzig.“ Aber eigentlich ist es total ernst, und man müsste weinen.

teleschau

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