Hang zu Waffen gilt als ernste Gefahr

Völkische Siedlungen: Wo sich Rechtsextreme und Terroristen gute Nacht sagen

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Ein in U-Haft genommener Mann aus Niedersachsen soll mit drei weiteren Mitgliedern sowie Unterstützern aus verschiedenen Ecken Deutschlands bewaffnete Angriffe auf Moscheen geplant haben.

Als Naturschützer oder Therapeuten getarnt ziehen Rechtsextreme in ländliche Gebiete und gründen dort völkische Siedlungen. Ein Zentrum dieses Treibens ist die Lüneburger Heide. Doch dort wehren sich die Menschen deutlich gegen die Zugezogenen.

Hannover - Die Polizei-Razzia kurz vor Tagesanbruch sorgte in der kleinen Ortschaft Brockhöfe-Bahnhof am vergangenen Freitag für Aufsehen: Dass die Aktion im Kreis Uelzen einer rechten Terrorzelle mit Anschlagsplänen galt, beunruhigt landesweit. Der in U-Haft genommene Tony E. (39) soll mit drei weiteren Mitgliedern sowie Unterstützern aus verschiedenen Ecken Deutschlands bewaffnete Angriffe auf Moscheen geplant haben. Der Hang der rechten Szene zu Waffen beunruhigt die Sicherheitsbehörden in Niedersachsen schon seit längerem. Und dass der Zugriff in der Lüneburger Heide erfolgte, einem Schwerpunkt der Szene, halten Beobachter kaum für Zufall.

Innerhalb der rechten Szene gebe es einen erkennbaren Hang zu Waffen, erklärt der Verfassungsschutz. Wenngleich nach Erkenntnis der niedersächsischen Sicherheitsbehörden keine gezielte Bewaffnung zur Führung eines politischen Kampfes stattfindet, stelle die Verfügbarkeit von Waffen und Sprengstoff angesichts der teils vorhandenen Gewalt- und Konfrontationsbereitschaft eine ernste Gefahr dar. Wie das Landeskriminalamt präzisiert, liegt der Schwerpunkt zwar bei Spreng- und Brandsätzen sowie Stichwaffen, die Szene verschaffe sich aber auch regelmäßig Zugriff auf scharfe Schusswaffen und Munition. Die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten in Niedersachsen schätzte der Verfassungsschutz zuletzt auf 880.

Rechtsextremismus zunehmend im Internet zu Hause

Dass Tony E. den Sicherheitsbehörden vor dem Anrücken vermummter Polizisten dem Vernehmen nach nicht groß bekannt war, ist nicht ungewöhnlich. Der Rechtsextremismus verliere zunehmend an festeren Strukturen in der Realwelt, so die Verfassungsschützer. Aktivitäten und Vernetzungen verlagerten sich ins Internet. Dort soll Tony E. sich auch mit mutmaßlichen Mittätern der „Gruppe S.“ etwa in Süddeutschland und Westfalen vernetzt haben. Nach dpa-Informationen lernten sich die Männer in einer Telegram-Chatgruppe kennen. Die Verschlüsselung solcher Kommunikationskanäle fördere eine zunehmend aggressive Sprache und Agitation, meint der Verfassungsschutz. Radikalisierung könne sich beschleunigen.

„Wir sind erfreut darüber, dass vonseiten der Behörden endlich etwas unternommen wird“, sagt der pensionierte Pfarrer Wilfried Manneke, der sich seit 1995 gegen Rechtsextremismus in der Lüneburger Heide engagiert. Zu lange sei gegen die Szene mit Schwerpunkten im Harz und in der Heide zu wenig getan worden. Dabei sei es nicht das erste Mal, dass sich Rechte für einen möglichen Kampf gegen Muslime bewaffneten. Bei einer Razzia bei mutmaßlichen Mitgliedern der Wehrsportgruppe „Division 88“ wurden 2009 in Winsen/Aller am Rand der Heide bereits Waffen gefunden. „Die hatten den Muslimen den Krieg erklärt und waren auch bewaffnet.“ Sorge macht Manneke der Versuch von Extremisten, sich inzwischen Waffen mit einem 3D-Drucker selber herzustellen.

Bauernhöfe werden zu völkischen Siedlungen

Aber auch ein anderes Phänomen treibt die Streiter gegen Rechts in der Heide um. Zunehmend seien Rechte in der Region dabei, Bauernhöfe zur Gründung völkischer Siedlungen aufzukaufen, sagt Manneke. Zunächst als Naturschützer getarnt versuchten die neuen Einwohner in der Dorfgemeinschaft und in lokalen Gremien Fuß zu fassen. Später erst offenbare der zunächst „nette Nachbar“ seine rechte Gesinnung. Seit dem vergangenen Jahr formiert sich dagegen im Landkreis Uelzen die „Gruppe beherzt“. Mit inzwischen rund 90 Holzkreuzen mit der Aufschrift „Kreuz ohne Haken - für Vielfalt“ protestieren Mitglieder auf ihren Grundstücken gegen die Siedler.

Anwohner zeigen deutlich, was sie von rechten Extremisten in ihrer Heimat halten.

Mitinitiator Martin Raabe geht von inzwischen rund 100 Familien aus, die als rechte Siedler in die Region gezogen sind. Neben dem Kauf von Höfen richteten die Siedler sich Therapeutenpraxen oder Handwerkerwerkstätten ein. Mit den Kreuzen wolle die Initiative zeigen, dass die steigende Zahl von Rechten unerwünscht sei. Der Kauf der Höfe lasse sich kaum verhindern, allerdings könne die Initiative aufklären, so Raabe. Dass der mutmaßliche Rechtsterrorist Tony E. ausgerechnet in der Heide gefasst worden sei, überrasche nicht. Wahrscheinlich habe er sich das Umfeld vorher angeschaut und sei dann gezielt in die Region gezogen, vermutet Raabe.

dpa

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