Wiedervernässung im Fokus

Niedersachsen fährt Torfabbau zurück - für den Klima- und Naturschutz

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Moore in Niedersachsen sollen nicht länger 

Klimaschutz statt Raubbau an der Natur: In Niedersachsen soll künftig weniger Torf abgebaut werden. Neben dem Ausstieg aus dem Abbau muss aber auch die private Torfnutzung reduziert werden - beides liegt aber noch in weiter Ferne.

  • Niedersachsen wendet sich von Torfabbau ab
  • Wiedervernässung und neue Nutzung angedacht
  • Naturschutzgebiete als Alternative
  • Privatpersonen nicht auf Torf angewiesen

Hannover - Die Urbarmachung von Mooren galt jahrhundertelang als Tugend. Heute ist klar, dass durch die Zerstörung von Mooren nicht nur viele Tier- und Pflanzenarten auf der Strecke bleiben, sondern auch große Mengen Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. Wiedervernässung von Mooren und alternative landwirtschaftliche Nutzungsformen sollen den Klimaschutz voranbringen - auch in Niedersachsen.

Moore sind riesige, über Jahrtausende gewachsene Kohlenstoffspeicher. Den Kohlenstoff speichern sie in Form von Torf - das ist abgestorbene Biomasse etwa von Torfmoos oder anderen Moorpflanzen. „Die Treibhausgas-Emissionen von trockengelegten, degradierten Mooren sind hoch“, sagt Lars Kutzbach von der Universität Hamburg. Über 90 Prozent der Moore in Deutschland sind nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz in Nutzung und wurden dazu entwässert.

Wiedervernässung ein Instrument des Klimaschutzes

Für Augustin Berghöfer vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ist die Wiedervernässung ein wirksames und wirtschaftliches Instrument des Klimaschutzes. Es reicht jedoch nicht, pauschal „Wasser marsch“ zu sagen: „Das muss man sich bei jeder Maßnahme einzeln anschauen“, sagt Kutzbach. Er und Berghöfer warnen davor, Moorböden zu überstauen. Denn Fäulnisprozesse könnten dann dafür sorgen, dass die Flächen reichlich Methan abgeben - ein noch schlimmeres Klimagas als CO2. Langfristig entzieht ein naturnahes Moor der Umgebung Kohlendioxid, Stickstoff und andere Elemente und speichert diese im Torf.

Klimaschutz durch Moorvernässung steht in Niedersachsen an.

Beispiele für erfolgreiches „Nassmachen“ finden sich im Landkreis Osterholz. Dort wurden im Zuge des Naturschutzgroßprojektes Hammeniederung das Pennigbütteler und Ahrensfelder Moor 2016 vernässt. Der Wasserspiegel sei wie geplant angestiegen, sagt Sprecherin Jana Lindemann. „Die Vegetation beginnt sich auf nassere Verhältnisse einzustellen.“ Birken sterben ab, Torfmoose und Sonnentau breiten sich aus. Biologen sichteten allein 16 Libellenarten.

Moore werden zu Naturschutzgebieten gemacht

„Man kann nicht aus allen Moorgebieten Naturschutzgebiete machen“, erklärt Berghöfer vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. „Wir müssen eine nasse landwirtschaftliche Nutzung ermöglichen.“ Und dazu bieten sich viele Möglichkeiten - von der Haltung von Wasserbüffeln über den Anbau von Sonnentau als Arzneistoff oder Schilf und Rohrkolben als Baustoff.

Die nasse landwirtschaftliche Nutzung ist für Karin Ullrich vom BfN „prinzipiell eine ideale Idee, wenn das praktikabel und wirtschaftlich ist und tatsächlich zu den erwarteten Treibhausgasreduktionen führt“. Bislang gebe es aber nur vergleichsweise kleine Versuche und es fehlten langfristige Erfahrungen. Recht weit entwickelt sei schon der Anbau von Torfmoos als Torfersatz in Substraten für den Gartenbau. Um von Nutzungen wie dem Maisanbau abzurücken, brauchen Landwirte finanzielle Anreize und überzeugende Konzepte. Aktuell gehe es darum, entsprechende Anbauverfahren zu erproben und Wertschöpfungsketten zu entwickeln, heißt es dazu aus dem Landwirtschaftsministerium.

Projekt „Optimoor“ soll Vernässung voranbringen

Im Fokus der Wiedervernässung standen bislang Standorte, an denen der Torfabbau beendet ist. Mit Hilfe des Projekts „Optimoor“ sollen nun auch Kenntnisse für die Renaturierung landwirtschaftlich intensiv genutzter Hochmoorflächen gesammelt werden. Dazu wurden im Hankhauser Moor im Landkreis Ammerland auf bisherigem Hochmoorgrünland nasse Versuchsfelder angelegt. Wissenschaftler experimentieren dort und beobachten Nährstoffgehalt, Treibhausemissionen und Artenvielfalt. Die wissenschaftliche Auswertung läuft bis Ende 2021. Die Versuchsfelder hätten sich in nur zwei Jahren gut entwickelt, sagt Ullrich. „Dies lässt zusammen mit den ersten ebenfalls sehr vielversprechenden Untersuchungsergebnissen hoffen, dass zukünftig eine Renaturierung von Hochmoorgrünland mit gleichzeitiger Klimaschutzwirkung möglich ist.“

Ein zügiges Ende des industriellen Torfabbaus ist in Niedersachsen aber nicht in Sicht. „Ziel ist es, den Umfang des Torfabbaus mittelfristig weiter zu reduzieren“, sagt ein Sprecher des Umweltministeriums. Laut Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie sank die Größe der sogenannten Vorranggebiete für Torfgewinnung seit 2017 von 21.353 auf 3400 Hektar. Torfabbau gibt es in den Kreisen Ammerland, Aurich, Cloppenburg, Cuxhaven, Emsland, Leer, Nienburg, Oldenburg, Rotenburg, Stade, Vechta und Wesermarsch.

Ullrich betont, der Ausstieg aus Torfabbau und Torfnutzung sei notwendig, um das Abbau-Problem nicht in andere moorreiche Regionen wie das Baltikum zu verlagern. „Privatleute sind nicht auf Torf angewiesen und sollten daher für den Hobbygartenbau gezielt torffreie Erden nutzen“, stellt die Biologin klar.

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