Küken in Corona-Gefahr

Schlachthof-Massaker im Norden: Experte fürchtet sinnlosen Tod für Millionen Puten

Wenn das Coronavirus einen Schlachthof lahmlegt, sorgt das nicht nur für Ärger und Kummer bei der Belegschaft. Auch die Tiere sind ein Problem, denn die müssen geschlachtet werden. Millionen Puten droht dann eine „Notkeulung.“

  • Wiesenhof-Schlachthof stellt Betrieb wegen Coronavirus* ein.
  • Schlachthof kann nicht genug Tiere abnehmen.
  • Tierschützer befürchten „Notkeulung“ in Mastbetrieben.

Hamburg/Niedersachsen – Ein Wiesenhof-Schlachthof in Wildeshausen musste Ende Juni den Betrieb einstellen, weil sich mehrere Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert hatten. Dort können nun keine Tiere mehr geschlachtet werden. Das sorgt für Probleme bei den Mastbetrieben, die auf ihrem Schlachtvieh sitzenbleiben. Viele Puten und Putenküken sind nun ein Problem für die norddeutsche Fleischindustrie. Wird das nicht gelöst, kommt es zu „Notkeulungen“ – Tötungen ohne weitere Verwertung der Tiere.

UnternehmenPHW-Gruppe
Gründung1998
Mitarbeiterzahl6.800 (2020)
SitzVaduz, Liechtenstein (Geschäftssitz); Visbek-Rechterfeld Niedersachsen (Verwaltungssitz)
RechtsformAktiengesellschaft
TochterunternehmenAllfein Feinkost Gmbh & Co. Kg, MEHR
GründerHeinz Lohmann, Paul Wesjohann

Corona-Schlachthof: Puten-Probleme in Wildeshausen – den Tieren droht „Notkeulung“

Täglich werden laut Angaben von taz.de rund 40.000 Tiere in einem Schlachthof der PHW-Gruppe („Wiesenhof“) in Wildeshausen geschlachtet. Aktuell steht diese Zahl allerdings bei null – in dem Betrieb ist das Coronavirus ausgebrochen, keiner schlachtet mehr. Das besorgt Branchenexperten und Tierschützer, denn die Konsequenzen des Schlacht-Stillstands sind nicht nur wirtschaftlich kritisch. Auch die Tiere müssen irgendwo hin – oder sinnlos getötet und entsorgt werden.

Den Putenküken droht „Notkeulung“, wenn sie nicht geschlachtet werden können.

In der Fleischindustrie läuft alles nach einem schnellen Takt. Die Tiere werden gemästet, geliefert, geschlachtet, verarbeitet und verkauft. Bei einem Umsatz von 40.000 Tieren gibt es nur wenig Puffer. Somit reißt ein inaktiver Schlachthof ein großes Loch in die Abnahmekapazität der industriellen Fleischverarbeitung. Tierschützer befürchten nun, dass massenhaft Putenküken in den Mastbetrieben getötet werden könnten, wenn es keine Stall-Kapazitäten für sie gibt.

Fleischindustrie in Niedersachsen wegen Corona-Schlachthof in Puten-Krise

Eine Sprecherin des Tierschutzvereins Animal Rights Watch (Ariwa) sagte im Gespräch mit der taz, dass Tötungen aus wirtschaftlichen Gründen in dieser Situation illegal seien. Nach ihren Aussagen wären davon potenziell „Millionen Tiere allein in Niedersachsen“ betroffen. Dies fängt schon bei den Küken an, die in der Brüterei und den Aufzuchtbetrieben getötet werden könnten.

Die Industrie hat das Problem bisher damit gelöst, dass andere Schlachtereien die Tiere abgenommen haben. Auch Wiesenhof hatte sich sofort nach dem Coron-Fall in Wildeshausen darum gekümmert, dass die Tiere in anderen Betrieben geschlachtet werden können. Der Wiesenhof-Schlachthof in Wildeshausen schlachtet Puten. In ganz Deutschland gibt es laut taz nur drei weitere Betriebe, die sich um dieses Geflügel kümmern. Das sorgt für den Abnahme-Engpass.

Der Engpass kommt – Geflügelindustrie in Niedersachsen muss handeln

Friedrich-Otto Ripke (CDU) vom Interessenverband der niedersächsischen Geflügelwirtschaft glaubt, dass die Schlachthöfe noch ein bis zwei Wochen durchhalten können. Das könne es zu einem „Engpass“ kommen. Möglicherweise werden dann Tiere „notgekeult“, wie es bei der Vogelgrippe der Fall war. Im Gespräch mit der taz sagt Ripke auch, dass eine Notkeulung aktuell durch „Nachbarschaftshilfe“, also die Abnahme durch andere Schlachthöfe, verhindert werden konne.

Ende Juni wurden bei 1.183 Tests unter den Mitarbeitern des Geestland-Schlachthofs in Wildeshausen 46 Corona-Infektionen*festgestellt. Die Kreiszeitung Syke berichtet über den Corona-Ausbruch im Norden. Damals hatte Ripke laut NDR-Berichten bereits gefordert, dass andere Puten-Schlachthöfe die Tiere schlachten dürfen. Geplant ist in Wildeshausen, den Schlachtbetrieb nach Ende der dortigen Corona-Quarantäne wieder aufzunehmen. Ob diese Notlösung für den Wiesenhof-Betrieb länger als zwei Wochen halten würde oder es ohne das Ende der angeordneten Quarantäne der Mitarbeiter zum sinnlosen Tod vieler zehntausend Putenküken kommen würde, ist ungewiss. 24hamburg.de berichtet über den Puten-Skandal in Norddeutschland.

Norddeutsche Kühe – Ekelmilch und fiese TikTok-Challenge sorgen für Ärger

Auch andere norddeutsche Nutzvieh-Betriebe müssen sich aktuell viel Kritik gefallen lassen. Ein Milchbetrieb bei Flensburg, regional bekannt, muss sich mit der Staatsanwaltschaft rumschlagen. Ein Video von Tierschützern dokumentiert, wie brutal die Kühe in Flensburg misshandelt werden. Das Deutsche Tierschutzbüro hat das Video veröffentlicht. Nun ermittelt die Flensburger Staatsanwaltschaft gegen den kleinen Milchbetrieb.

Ebenfalls fies für Kühe ist die „Kulikitaka“-Challange, die aktuell auf der Video-Plattform TikTok sehr beliebt ist. Ihr „Inhalt“ ist simpel und sorgt dennoch für viel Ärger. Ziel ist es, Kühe zu erschrecken. Mit einem gruseligen Tanz nähern sich die Protagonisten der Videos den entspannten Wiederkäuern, um dann plötzlich auf die Tiere loszustürmen. Schreckhaft und friedlich wie Kühe sind, treten diese die Flucht an. Doch deutsche Bauern warnen vor der „Kulikitaka“-Challenge. Wenn eine Kuh ihren Nachwuchs in Gefahr sieht, könne sie bis zum Äußersten gehen. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Wolfgang Kumm/dpa/picture alliance

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