19-Jähriger stirbt nach Festnahme

Delmenhorst: Der Fall Qosay K. – Flüchtling starb nach Polizeigewahrsam

Trauer und Wut in Delmenhorst: Ein 19-Jähriger wird im Wollepark von der Polizei beim Kiffen erwischt und in Polizeigewahrsam genommen. Am nächsten Tag ist er tot.

Delmenhorst/Oldenburg (Niedersachsen) – Was geschah am Freitag, 5. März 2021, in Delmenhorst wirklich?

So viel ist klar: Am frühen Abend erwischen Zivilpolizisten zwei junge Männer im Delmenhorster Problemviertel Wollepark beim Kiffen.

Sie nehmen einen der beiden jungen Männer, Qosay K., nach einer Verfolgungsjagd zu Fuß vorläufig fest und bringen ihn auf die Polizeiwache nach Delmenhorst. Dort kollabiert der 19-Jährige in einer Zelle. Er fällt ins Koma und kommt zur weiteren Behandlung in ein Oldenburger Krankenhaus. Am nächsten Tag wird nur noch sein Tod festgestellt.

Stadt in Niedersachsen:Delmenhorst
Fläche:62,36 Quadratkilometer
Einwohner:77.559 (Stand: 31. Dezember 2019)
Vorwahl:04221
Bürgermeister:Axel Jahnz (SPD)

Delmenhorst: Familie stellt Strafanzeige nach Tod von Qosay K. im Polizeigewahrsam – Staatsanwaltschaft ermittelt

Nach dem Tod des 19-Jährigen hat nun die Staatsanwaltschaft Oldenburg die Ermittlungen in dem Fall aufgenommen. Konkret steht der Vorwurf der fahrlässigen Tötung im Raum, zusätzlich wird noch wegen unterlassener Hilfeleistung gegen die Rettungssanitäter ermittelt.

Wie die Staatsanwaltschaft in einer Pressemitteilung erklärt, seien die Ermittlungen nur aufgenommen worden, weil die Familie des verstorbenen jungen Mannes Strafanzeige erstattet habe. Schnell war nach einer ersten rechtsmedizinischen Begutachtung des Leichnams klar: „Gewalteinwirkung von außen als Todesursache ausgeschlossen.“

Tod im Polizeigewahrsam Delmenhorst: Gutachten bringt Polizei und Staatsanwaltschaft in Erklärungsnot

Doch jetzt ist ein weiteres rechtsmedizinisches Gutachten des Hamburger UKE aufgetaucht. Diese wirft neues Licht auf den Fall. Unangenehme Fragen für Polizei, Staatsanwaltschaft und auch die Stadt Delmenhorst als Dienstherr der Rettungssanitäter gehen damit einher, so berichtet der NDR.

Lief bei dem Polizeieinsatz wirklich alles korrekt?

Der Oldenburger Polizeipräsident, Leiter der zuständigen Ermittlungsbehörde, hatte sich schon früh festgelegt und gleich zu Beginn der Ermittlung der Nordwest-Zeitung gesagt, dass unrechtmäßige Polizeigewalt, wie etwa bei der Verhaftung von George Floyd in den USA, ausgeschlossen werden könne. Seine Beamten wüssten, was erlaubt sei und was nicht.

„Da ist massiv was falsch gelaufen“, sagt hingegen die Bremer Anwältin der Familie, Lea Voigt. „Die Strafanzeige im Namen der Eltern basiert darauf, dass es bisher keinen Anhaltspunkt dafür gibt, warum der junge Mann gestorben ist – außer den Polizeieinsatz. Ich halte die Angaben der Zeugen für sehr glaubhaft, sie sind sehr detailreich.“ Eine Rekonstruktion.

Ein 19-Jähriger aus Delmenhorst ist nach seiner Festnahme im Wollepark tot. Polizei und Staatsanwaltschaft sprechen von einem Unglücksfall, die Hinterbliebenen des Verstorbenen vermuten fahrlässige Tötung. (Symbolbild, nordbuzz.de-Montage)

Es ist Freitag der 5. März 2021, als sich Qosay K. und sein Freund Hamudi gegen 18.30 Uhr im Wollepark in Delmenhorst treffen. Sie wollen einen Joint rauchen, etwas entspannen und chillen. Sie sitzen gemütlich auf einer Bank und zünden eine Tüte mit Marihuana an, als plötzlich zwei Männer auftauchen und auf die beiden zusteuern.

Schnell wird den jungen Männern klar, dass es sich um Zivilpolizisten handeln muss. Während Qosay K. zu Fuß die Flucht antritt, wird sein Freund Hamudi gestellt und mit Handschellen an der Bank fixiert. In der Zwischenzeit nimmt der andere Polizist die Verfolgung des Flüchtenden Qosay K. auf.

Der Fall Qosay K.: War es ein gezielt rassistischer Übergriff der Polizei auf einen jungen Ausländer?

Die Flucht ist nach etwa 250 Metern in einer kleinen Seitenstraße zu Ende. Dort wird Qosay K. von Beamten zu Boden gebracht und unter Einsatz von Pfefferspray fixiert. Ein Anwohner spricht später von lauten Schreien, die seiner Meinung nach von einer Person unter erheblichen Schmerzen stammen müssen. Er will herausfinden, was passiert und geht vor die Tür.

Schnell schickt ihn nach eigenen Angaben eine Polizistin wieder hinein. War da der Beamtin schon klar, dass hier etwas aus dem Ruder läuft? Oder war es ein gezielter rassistischer Übergriff auf einen jungen Ausländer? Ein anderer Nachbar hingegen will überhaupt nichts mitbekommen haben. Polizei und Staatsanwaltschaft hüllen sich in Schweigen.

Kurz darauf ist auch Qosays Freund Hamudi vor Ort. Er berichtet davon, wie sein Freund stöhnend auf dem Boden gelegen hätte, ein Polizist auf ihm. Nachdem Hamudi anmerkt, dass es unnötig sei, dass ein Polizist mit vollem Gewicht auf dem Fixierten knie, darf sich Qosay K. hinsetzen und auf die bereits verständigten Rettungssanitäter warten. Als die Sanitäter eintreffen, sollen sie den 19-Jährigen angesprochen, aber nicht behandelt haben, sagt Hamudi. Im Pressebericht heißt es später, dass Qosay K. die Behandlung durch Rettungskräfte abgelehnt habe.

Tod im Polizeigewahrsam Delmenhorst: Rettungssanitäter sollen Untersuchung und Behandlung verweigert haben

Dem widerspricht sein Freund Hamudi wehement. „Nein, das stimmt auch nicht“, erklärt der junge Mann gegenüber dem Magazin Panorama. Als der Sanitäter zu seinem Freund gegangen sei, habe dieser um Wasser gebeten, aber nichts erhalten. Stattdessen sei nach seinen Beschwerden gefragt worden.

Qosay K. gibt laut seinem Freund Hamudi an, dass ihm schlecht sei und er kaum Luft bekomme. Daraufhin sei ihm von einem Sanitäter vorgeworfen worden, dass dieser am Schauspielern sei, er würde erkennen, wenn es einem wirklich schlecht gehe.

Dies begründete der Rettungssanitäter laut Zeugenaussage mit seiner jahrelangen Berufserfahrung. An diesem Abend nehmen die Sanitäter vor Ort keinerlei Daten von Qosay K. auf. Weder Puls noch Blutdruck sollen gemessen worden sein, bekräftigt Hamudi im Gespräch mit Panorama. „Warum ist er nicht untersucht worden? Warum hat ihn kein Arzt gesehen?“, fragt Anwältin Lea Voigt.

Der Fall Qosay K.: 19-Jähriger fällt in der Zelle ins Koma und stirbt im Krankenhaus

Dass der Verstorbene kein Wasser erhalten habe, bestätigen sowohl Polizei als auch Rettungsdienst. Begründet wird dies später durch die Stadt Delmenhorst in einer Pressemitteilung mit der Tatsache, dass der Rettungsdienst weder Wasser noch Speisen mit sich führen würden, um einer solchen Bitte überhaupt nachzukommen. Die Polizei will sich dazu derzeit nicht äußern.

Schließlich wird Qosay K. auf die Wache gebracht. Laufen kann er da schon nicht mehr selbständig. Zwei Polizisten mussten ihn bereits in den Streifenwagen schleifen, um ihn überhaupt vom Ort des Geschehens entfernen zu können, berichtet Freund Hamudi. Kurz darauf fällt der 19-Jährige auf der Polizeiinspektion in Delmenhorst ins Koma, auch im Krankenhaus in Oldenburg kommt er nicht noch einmal zu sich. Am nächsten Tag, Samstag, 6. März 2021, ist er tot.

Tod im Polizeigewahrsam Delmenhorst: Polizei spricht von „Unglücksfall im Gewahrsam der Polizei“ – Gutachten des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) wirft Fragen auf

War der Einsatz der Beamten verhältnismäßig oder überzogen? Gegenüber der Presse wollen sich weder Staatsanwaltschaft noch Krankenhaus oder Polizei zu den Vorkommnissen am 5. und 6. März 2021 äußern.

Polizei und Staatsanwaltschaft verweisen auf die Pressemitteilungen, die zu dem Fall herausgegeben worden seien. In einer ersten Pressemitteilung vom Samstag, 6. März 2021, schreibt die Polizei von einem „Unglücksfall im Gewahrsam der Polizei“. Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme nimmt seine Beamten in Schutz.

Erinnerungen werden wach an den Fall George Floyd. Der Afroamerikaner war vergangenes Jahr bei einem Polizeieinsatz gewaltsam zu Tode gekommen.

Ein anderes Bild auf den Vorfall wirft ein Gutachten des Hamburger UKE, das im Auftrag von Familie K. verfasst worden ist. Darin ist die Rede von „Zeichen stumpfer und schürfender Gewalt“. Auch wird darauf eingegangen, dass ein Schneidezahn fehlt und sich Qosay K. offenbar ein Stück der Zunge abgebissen haben muss.

Als Todesursache wird hier angegeben, dass es sich um „sauerstoffmangelbedingtes Herz-Kreislaufversagen“ handele. Die Ursache dafür zunächst unbekannt. Von Multiorganversagen, wie die Staatsanwaltschaft die Todesursache angibt, ist nicht einmal ansatzweise die Rede.

Der Fall Qosay K.: Anwältin widerspricht der behördlichen Darstellung nach dem Tod in Polizeigewahrsam

Anwältin Lea Voigt kommt so zu einer eindeutigen Bewertung des Falles. „Wenn man das zusammen nimmt: Also den Zeugen, der sagt, er hat über Luftnot geklagt, der hat nach Wasser gefragt, der stand unter dem Einfluss von Pfefferspray und die Feststellung, dass es eine Sauerstoffunterversorgung gegeben hat, die zum Tod geführt hat, spricht natürlich schon eine relativ deutliche Sprache“, so Voigt gegenüber Panorama.

Weder Staatsanwaltschaft Oldenburg noch Polizei wollen sich zu den neuen Vorwürfen äußern. Sie verweisen auf das laufende Ermittlungsverfahren und auf bereits veröffentlichte Pressemitteilungen. Die Staatsanwaltschaft war es auch, die eine amtliche Obduktion des 19-Jährigen in Auftrag gegeben hatte. Dabei kam heraus, dass „belastbare Hinweise darauf, dass der Eintritt des Todes fremdverursacht war“, sich bislang nicht ergeben hätten.

Tod im Polizeigewahrsam Delmenhorst: Wie genau ist Qosay K. gestorben?

Aber weshalb bekam der kerngesunde Qoasay K. dann keine Luft mehr? Vorerkrankungen lagen bei dem jungen Mann nicht vor, berichtet Panorama. Das von der Familie in Auftrag gegebene Urteil bestätigt, dass der 19-Jährige dem alter entsprechende innere Organe im Normalzustand gehabt hätte.

„Das war ein munterer, kräftiger 19-jähriger Jugendlicher, der keinerlei Anzeichen dafür gezeigt hat, irgendwie körperlich beeinträchtigt zu sein; geschweige denn dem Tode nah zu stehen. Das hat sich erst geändert, als er in den Polizeigewahrsam kam“, klagt Anwältin Voigt an.

Nach Recherchen von Panorama soll im Blut des 19-Jährigen Marihuana nachgewiesen worden sein. Von harten Drogen seien keinerlei Rückstände gefunden worden. Auch dazu verweigert die Staatsanwaltschaft jegliche Aussage. Die entscheidende Frage bleibt offen: Wie genau ist Qosay K. gestorben? * nordbuzz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Silas Stein/dpa & Andreas Arnold/dpa

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