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Amazon und Corona: FFP2-Masken verboten – Risiko für Mitarbeiter

Gesundheitsgefahr bei Amazon: FFP2-Masken sind für Mitarbeeiter am Standort in Winsen (Luhe) verboten. Produktivität geht vor Corona-Schutz.

Seattle/Winsen (Niedersachsen) – Die Corona-Pandemie hat die Welt weiter im Griff. Lockdown, geschlossene Geschäfte, Ausgangssperren und jetzt auch noch die Bundes-Notbremse. Vielen Betrieben abgesehen von Amazon, Google oder Tesla geht in der Corona-Krise die Luft aus.

Unternehmen:Amazon.com Inc.
Gründung:1994
Hauptsitz:Seattle, Washington
Leitung:Jeffrey P. Bezos
Umsatz:386 Milliarden US-Dollar
Mitarbeiter:1.298.000

Auch wenn derzeit das Insolvenzrecht noch außer Kraft ist, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach ab Herbst eine riesige Pleitewelle geben. Während ganze Wirtschaftszweige zurzeit den Bach heruntergehen, machen aber andere einen riesigen Gewinn. Der Lebensmittelhandel zum Beispiel läuft so gut wie schon lange nicht mehr.

Und auch im Internet lässt sich während der Pandemie eine Menge Geld scheffeln – wie bei Amazon eben. Der Aktienkurs des Internetriesen hat sich seit Jahresbeginn fast verdoppelt, Gründer Jeff Bezos weiß gar nicht mehr wohin mit seiner ganzen Kohle. Dabei scheint man in dem Unternehmen nicht gerade an der Gesundheit der Mitarbeiter interessiert zu sein. Jedenfalls nicht im Logistikhub im niedersächsischen Winsen (Luhe) vor den Toren Hamburgs. Der Grund ist simpel: Man will Asche sparen!

Corona bei Amazon: Verbot von FFP2-Masken – Gewinn auf Kosten der Gesundheit der Mitarbeiter in Winsen (Luhe)?

Setzt der Internetriese seine Mitarbeiter bewusst einer Gesundheitsgefahr aus? Wie aus einem Bericht des NDR-Polit-Magazins „Panorama“ hervorgeht: eindeutig Ja. Denn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen am Arbeitsplatz im Logistikhub in Winsen (Luhe) lediglich medizinische Einwegmasken tragen.

Die besser schützenden FFP2-Masken sind bei Amazon verboten. Aus rein rechtlicher Sicht gesehen reichen medizinische Einwegmasken. Die anderen Masken sollen aber wesentlich sicherer sein. Sie schützen – richtig angelegt – auch den Träger vor Partikeln, Tröpfchen und Aeresole.

Dass die schützenden Masken im niedersächsischen Winsen (Luhe) nicht erwünscht sind, macht Amazon seinen Mitarbeitern über einen Aushang klar. Dieser liegt Panorama vor. Zuerst war diese Unverantwortlichkeit der Geschäftsführung im Februar durch einen Aushang im Betrieb bekannt geworden. Wie Mitarbeiter bestätigen, hat sich an dieser Praxis aber nichts geändert.

FFP2-Masken-Verbot bei Amazon: Geld sparen und keine zusätzlichen Pausen für die Mitarbeiter?

Eine Ex-Mitarbeiterin erklärte gegenüber Panorama, dass ein Vorabeiter ihr auf Nachfrage gesagt hätte: „FFP2-Masken sind bei uns verboten, weil wir euch die Pausen nicht geben wollen.“ Beim Tragen einer FFP2-Maske sollen nach Empfehlungen der Gesetzlichen Unfallkasse bestimmte Erholungspausen während der Arbeit eingehalten werden.

So soll eine FFP2-Maske nicht länger als 75 Minuten bis zwei Stunden getragen werden, danach sollte eine halbe Stunde Pause eingelegt werden. Bei leichter körperlicher Arbeit sei auch eine Verlängerung auf drei Stunden möglich. Macht das Unternehmen also hier Kasse auf Kosten der Gesundheit der Mitarbeiter?

Offensichtlich!

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert das Vorgehen von Amazon. (nordbuzz.de-Montage)

Wenigstens stellt der Betrieb seinen Mitarbeitern die billigeren OP-Masken zur Verfügung, berichtet der NDR. Die FFP2-Masken sind wesentlich teurer. Amazon will sich – verständlicherweise – zu den erhobenen Vorwürfen nicht äußern.

„Unsere Maßnahmen gehen über die gesetzlichen Vorgaben hinaus und sind wirksam gegen die Übertragung des Virus. Dies wurde von Gesundheitsbehörden und Berufsgenossenschaften bestätigt“, behauptet der US-amerikanische Konzernriese in einer schriftlichen Stellungnahme: Man lasse durchaus Ausnahmen zu. Einen Beleg dafür bleibt Amazon allerdings schuldig.

Corona bei Amazon: Karl Lauterbach fordert FFP2-Maskenpflicht in Unternehmen

Hintergrund sind nach dem Bericht des Magazins „Panorama“ wohl die anfallenden zusätzlichen Erholungsphasen, die beim Tragen einer FFP2-Maske laut der Unfallkasse anfallen. Dies legen die Aussagen mehrerer Mitarbeiter bei Amazon nicht nur nahe, sie machen es sogar ziemlich deutlich.

Als „unvertretbar“ und „unethisch“ bezeichnet SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach das Vorgehen von Amazon. Hier läge eine „Gefährdung der Arbeitnehmer vor“, so der Bundestagsabgeordnete und Epidemiologe. Der Gesundheitsexperte forderte im „Panorama“-Interview eine FFP2-Maskenpflicht in Unternehmen – wenn eine Aerosol-Übertragung möglich sei.

Das könnte auch die bessere Alternative für solche Unternehmen wie Amazon sein.  „Wenn die Arbeitgeber dafür kein Verständnis haben, werden wir vielleicht irgendwann an den Punkt kommen, wo wir die Betriebe dann doch eine Zeit lang schließen müssen“, so Lauterbach zum NDR.

FFP2-Masken-Verbot bei Amazon: Erholungsphasen werden vom Überstundenkonto abgezogen

Im Logistikzentrum in Leipzig hingegen, erlaubt es Amazon laut dem Bericht wenigstens privat mitgebrachte FFP2-Masken anzulegen. Dort wird den Mitarbeitern laut dem Betriebsrat auch die empfohlene Erholungsphase zugestanden – egal welche Maske getragen wird. Allerdings, so bestätigt es der Betriebsrat, gibt es diese Erholungsphasen nur auf Kosten der Mitarbeiter. Die Phasen sollen laut Aussage vom Überstundenkonto abgezogen werden.

Das führt natürlich auf die Dauer zu Minusstunden und letztendlich auch zu Gehaltseinbußen. Der Betriebsrat fürchtet daher, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heimlich ihre FFP2-Masken absetzen, um einfach einmal durchzuschnaufen. Verständlich! Amazon verweist nur darauf, dass diese Pausen bei medizinischen OP-Masken schlicht nicht notwendig sind und belegt quasi mit dieser Haltung die Vorwürfe selber.

Corona bei Amazon: Mehr als 50 Mitarbeiter in Winsen (Luhe) mit Virus infiziert

Schon seit Beginn der Pandemie stehen die Vorwürfe gegen Amazon im Raum, dass man sich nicht genug um die Gesundheit der Mitarbeiter sorge. Es gab an mehreren Standorten Corona-Ausbrüche. So gab es während der ersten Welle eben genau an dem Standort Winsen (Luhe) einen heftigen Ausbruch bei mehr als 50 Mitarbeitern. Wie viele es genau sind, weiß man nicht. Zu den konkreten Zahlen schweigt Amazon sich aus.

Nach der ersten Welle sei in produzierenden Unternehmen das Geschäft einfach weitergegangen, so der Arbeits- und Industriesoziologe der Universität Jena, Klaus Dörre. Er ist der Meinung, dass dies zu einer Zweiklassengesellschaft unter den Beschäftigten führen könnte. „Die einen sitzen im Homeoffice und die anderen stehen unter dem Zwang, täglich präsent zu sein. Und da würde man erwarten, dass zumindest die den bestmöglichen Schutz genießen“, so der Soziologe zum NDR. * nordbuzz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Peter Steffen/dpa & IMAGO/teutopress

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