Kinder und Jugendliche im Vollrausch

Alkohol-Alarm: Plötzlich wieder viel mehr Komasäufer unter 15 Jahren in Niedersachsen im Krankenhaus

Saufen bis zum Umfallen: Genau diesem Motto folgen zahlreiche Kinder- und Jugendliche in Niedersachsen. Das Erschreckende: Die Komasäufer werden immer jünger.

  • Zahlreiche Kinder und Jugendliche aus Niedersachsen wurden im Jahr 2018 wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert
  • Besonders erschreckend: Die Komasäufer werden immer jünger
  • Der Anteil der unter 15-Jährigen ist in diesem Jahr gestiegen und das, obwohl der Alkoholkonsum für Minderjährige enorm schädlich ist

Hannover - „Früher“ ging man an den Wochenenden noch ins Kino, genoss dort seine Cola und verabredete sich danach vielleicht noch zu einer Pyjama-Party. Aber seit einigen Jahren liegt der Trend in Niedersachsen ganz woanders: Party machen, Trichtersaufen und ordentlich beschwipst sein - damit wollen Teenager heutzutage anscheinend lieber ihre freie Zeit verbringen, wie kreiszeitung.de berichtet. Jedenfalls weisen darauf die hohen Fallzahlen in Niedersachsen aus dem Jahr 2018 hin, bei denen Kinder und Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingewiesen wurden. Das Schlimme daran: Die sogenannten Komasäufer werden immer jünger.

Rauschtrinken:Form des Alkoholmissbrauchs, wobei sehr viel Alkohol in kurzer Zeit getrunken
definierte konsumierte Menge: fünf oder mehr Standardglas
Krankenhauseinweisungen wegen einer Alkoholvergiftung:rund 2.000 Kinder und Jugendliche in Niedersachsen (2018)
Folgen einer Alkoholkrankheit bei Jugendlichen:Leistungsabfall in der Schule, zentrales Nervensystem wird in Mitleidenschaft gezogen

Jugendliche Komasäufer in Niedersachsen: Anteil der Mädchen steigt - Möglicher Grund ist der vermehrte Umgang mit Älteren

Das Ziel des Komasaufens, auch Rauschtrinken genannt, ist es in einer kurzen Zeit viel Alkohol zu trinken, um einen veränderten Bewusstseinszustand herbeizuführen, um beschwipst oder angeheitert zu sein.  Kinder und Jugendliche können allerdings im Vergleich zu Erwachsenen noch weniger gut mit Alkohol umgehen. Auch die Konsequenzen des Konsums sind ihnen in den meisten Fällen nicht bewusst. Das erklärt womöglich auch die hohe Zahl von 2.000 Kindern und Jugendlichen die 2018 wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Das waren zwar rund 3,2 Prozent weniger als im Jahr zuvor, wie ein Sprecher der Krankenkasse DAK-Gesundheit gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) sagte. Aber die Zahl der Komasäufer unter 15 Jahren ist dabei um knapp 20 Prozent gestiegen. Insgesamt waren es 242 Personen. Die Zahlen gehen aus einer bisher unveröffentlichten Statistik des Landesamts hervor. Im Landkreis Rotenburg in Niedersachsen werden Eltern für den Krankenhausaufenthalt ihres betrunkenen Nachwuchs bereits zur Kasse gebeten.

Bei den unter 15-Jährigen hat das sogenannte Komasaufen deutlich zugenommen.

In Niedersachsen kam es konkret zu 1.917 alkoholbedingten Krankenhauseinweisungen für Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren. Auch dabei ist eine Trendveränderung zu beobachten: Insgesamt betrinken sich zwar immer noch mehr Jungen (1067) bis zum Exzess, doch die Mädchen (850) haben 2018 diesbezüglich aufgeholt - im Vergleich zum Vorjahr nämlich um 2,9 Prozent. Bei den Jungen sanken hingegen die Vergleichszahlen um 3,7 Prozent. Die Mädchen waren bei den 242 Betroffenen unter 15 Jahren mit 132 sogar in der Mehrzahl. 2016 stieg die Zahl der jugendlichen Komasäufer zum ersten Mal seit 2012 wieder.

Warum der Anteil der Mädchen gestiegen ist, lässt sich nicht so leicht beantworten, meint Rainer Lange, Sprecher der DAK-Gesundheit auf Nachfrage. Diese Tendenz sei aber nicht nur niedersachsenweit, sondern auch bundesweit zu beobachten. „Gründe gibt es viele. Die aktuelle Entwicklung ist nicht neu. Mädchen holen seit einigen Jahren auf und haben in manchen Bereichen die Jungs überholt – wenn auch hier im negativen Sinne. Mädchen wollen sich einerseits oft als stark beweisen. Andererseits sind Mädchen in ihrer Entwicklung weiter als Jungen und daher oftmals mit älteren Jungs unterwegs. Das kann unter anderem dazu führen, dass gerade bei den Jüngeren die weiblichen Betroffenen in der Überzahl sind“, sagt Dirk Vennekold, Leiter der DAK-Landesvertretung in Niedersachsen.

Studie zeigt „bunt statt blau“-Aktion sensibilisiert Jugendliche in Niedersachsen für das Thema Rauschtrinken

„So erfreulich der erneute Rückgang insgesamt ist, so sehr sehe ich den Anstieg bei der jüngeren Altersgruppe mit Besorgnis“, sagte Dirk Vennekold, Leiter der DAK-Landesvertretung in Niedersachsen. Besonders im heranwachsenden Alter würde exzessiver Alkoholkonsum zu großen Schäden führen und die Entwicklung stören, fügt Rainer Lange als Erklärung hinzu. Außerdem sei die Gefahr, sich im weiteren Alter an den Alkoholkonsum zu gewöhnen, sehr groß.

Deshalb werde die Präventionskampagne „bunt statt blau - Kunst gegen Komasaufen“ fortgesetzt. 2020 findet die Aktion bereits zum elften Mal statt. Die DAK-Gesundheit sucht dafür Bilder mit klaren Botschaften gegen das Komasaufen von Kindern und Jugendlichen. Mitmachen können Einzelteilnehmer und Teams im Alter von 12 bis 17 Jahren – auch wenn sie nicht bei der DAK-Gesundheit versichert sind. Aufgrund der Corona-Krise wurde der Einsendeschluss vom 31. März auf den 15. September verlängert. Wie Rainer Lange sagte, konzipiere die Einrichtung außerdem Aufklärungsmaterialien, die beispielsweise Schulen zur Verfügung gestellt werden. Auch die Kampagne „bunt statt blau“ könne in den Unterricht integriert werden.

In der Studie „Die Wirkung von selbstgemalten Plakaten zum Thema Rauschtrinken auf alkoholbezogene Einstellungen von Jugendlichender“ des IFT-Nord Institut für Theraphie und Gesundheitsforschung wird die Aktion „bunt statt blau“ evaluiert. Ergebnisse zeigen, dass die von den Teilnehmern selbst hergestellten Plakate ihre Wahrnehmung, dass Alkohol schädlich ist, verstärken. Zudem konnte festgestellt werden, dass die Plakate eine sensibilisierende Wirkung hatten, die sich durch traditionelle, eher an erwachsene gerichtete, Warnhinweise nicht erzielen ließ.

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Rubriklistenbild: © Uwe Anspach/picture alliance

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