Kanye West

Zwischen Gottesdienst und Wahnsinn

Kanye West hat zu Gott gefunden - und zu verblüffender musikalischer Größe.
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Kanye West hat zu Gott gefunden - und zu verblüffender musikalischer Größe.

Ist es ein wahnhaftes Gospel-Album geworden, oder doch eine musikalische Offenbarung, als Teil einer größeren künstlerischen Idee? Kanye West definiert mit „Jesus Is King“ den Irrsinn der Superstarwelt und lässt viel Raum für Fragen und Vermutungen.

Der Titel ist derart plakativ, dass man das neunte Studioalbum von Kanye West, gemeinsam mit dem gleichnamigen, begleitenden Kurzfilm eigentlich schnell abheften könnte: Der Hiphop-Superstar hat zu Gott gefunden und ein Gospel-Album aufgenommen. Doch „Jesus Is King“ repräsentiert weit mehr als das - zwischen dem Celebrity-Paralleluniversum, gelungenen Songs und Ironie hat West einen Weg gefunden, den Superstar-Alltag zu kanalisieren.

Ohne Mühe könnte man über das neue Album von Kanye West einen informativen und spannenden, längeren Artikel schreiben, ohne auch nur ein Wort über die enthaltene Musik zu verlieren. Denn der Hype innerhalb der Superstar-Welt von Kanye Omari West ist schon vor einigen Jahren implodiert. Spätestens seit nicht nur die Musik und das Produzententum, sondern auch etwas scheinbar Höheres, nicht zwingend Religiöses seine Zuwendung in Beschlag genommen hat. Nach über 60 Millionen verkauften Tonträgern, Platz 84 auf der Liste der größten Songwriter aller Zeiten des „Rolling Stone“, der Arbeit als Produzent des Albums „The Blueprint“ von Jay-Z im Jahre 2001 und nicht zuletzt der Ehe mit Super-Influencerin Kim Kardashian vielleicht eine nachvollziehbare Reaktion. Gleichzeitig der schwierige Versuch, die Glamourwelt, den Kommerz und die künstlerische Integrität als einer der wichtigsten Leute im HipHop-Geschäft unter einen Hut zu bringen.

Und um wirklich zum Album vorzudringen, muss man den begleitenden, 30-minütigen Film „Jesus Is King“ genauso ignorieren wie die mehrmalige Verschiebung der Veröffentlichungstermine von Film und Album, die von West seit Anfang 2019 veranstalteten Gospel-Messen mit 80-köpfigem Chor namens „Sunday Service“ in wechselnden amerikanischen Städten und auch die „Prestige Theory“ des US-Radiomoderators Spencer Wolff, nach der Kanye West nicht verrückt sei, sondern an einem der größten Performance-Art-Stücke unserer Zeit arbeite. Dies nimmt wiederum Bezug auf Kanyes Sympathiebekundungen für Präsident Trump, die Alt-Right-Bewegung und seine fragwürdigen Aussagen zum Thema Sklaverei.

Diese Aspekte sind zwar wichtige Bestandteile des West-Universums, losgelöst davon ist das mit 27 Minuten erstaunlich kurze Album schlicht ein musikalisches Meisterwerk, das diese Gegensätze, Überhöhungen und Erwartungshaltungen genial gegeneinander ausspielt.

Geniales Songwriting oder manischer Größenwahn?

Der fetzige Sunday Service Choir eröffnet mit „Every Hour“ in bester Gospel-Manier, lediglich vom ekstatisch-malträtierten Klavier begleitet, rutscht mit einer majestätischen Hammond-Orgel auf „Selah“ in Wests präzise Raps, die wie angekündigt frei von Fluchen und Beleidigungen sind, nicht jedoch von nachdenklichen Anklagen, die sich nur oberflächlich mit dem scheinbar wiedergefundenen Glauben befassen.

Weitere Höhepunkte sind der tighte HipHop-Track „Follow God“ (über ein souliges Sample von Whole Truths „Can You Lose By Following God“ von 1974), das düstere „Closed on Sunday“, auf dem Kanye mit samtiger Gesangsstimme glänzt und das mit dreieinhalb Minuten längste Stück „Use This Gospel (feat. Clipse & Kenny G)“, das nicht nur fabelhaften Elektropop skizziert, sondern mit einem einsam-kitschigen Saxofonsolo von Kenny G am Ende einmal mehr die Frage aufkommen lässt, ob dahinter nun geniales Songwriting, oder vielleicht doch bloß manischer Größenwahn steckt.

Sicher, das Album erstickt beinahe in platten Phrasen, die Jesus, Gott und dem Christentum huldigen und uneingeschränkte Zugehörigkeit beschwören. Dazwischen findet sich jedoch auch Gesellschaftskritik, klassisches Gangstarap-Geprahle (wie gesagt, ohne Fäkalsprache) und die abschließende Feststellung, dass dieses Album gerade wegen seiner musikalischen Brüche, der stilistischen Ebenen und der offenen Angriffsfläche ein absolutes Ereignis darstellt. Ob Kanye tatsächlich am künstlerischen Masterplan tüftelt, oder ihn der American Dream so langsam in den Wahnsinn treibt, ist dabei nebensächlich. Denn „Jesus Is King“ ist auch ohne diesen Ballast eine musikalische Wucht, die in der Musikgeschichte ihren verdienten wichtigen Platz einnehmen wird.

teleschau

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