Westlife

Ein zweiter Bissen von der Kirsche

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Westlife gaben 2012 ihre Auflösung bekannt, seit 2018 sind sie wieder aktiv. Von links: Kian Egan, Nick Byrne, Mark Feehily und Shane Filan.

Viel Gesang, wenige Klischees und mehrere Songs aus der Feder von Ed Sheeran: Nachdem sie die Band zuletzt für sechs Jahre auf Eis gelegt hatten, melden Westlife sich mit einem neuen Album zurück.

Sie sehen immer noch blendend aus und singen nach wie vor gefälligen Boyband-Pop, bei dem kein Lied die Vier-Minuten-Grenze überschreitet. Trotzdem merkt man schnell: Es haben sich ein paar Dinge verändert bei Westlife. Nach der Auflösung 2012 gaben die Iren im Oktober 2018 ihre Reunion bekannt. Zunächst waren nur einige Konzerte in Irland und Großbritannien geplant, dann kamen noch einige Termine in Asien hinzu. Man habe anfangs nicht gewusst, „ob die Tour nur ein einmaliges Nostalgie-Ding sein würde“, erklärte Nick Byrne im Interview mit „Smooth Radio“. Was man durchaus glauben darf, da mehrere Bandmitglieder nach dem Westlife-Aus vor sieben Jahren in erfolgreiche Solokarrieren starteten. Zusammen ist's aber eben doch am schönsten, und weil auch die Fans mitspielen, folgt nach der Comeback-Tour nun die Comeback-Platte - laut Byrne „das stärkste Album, das wir jemals gemacht haben“.

Der stärkste Albumtitel, den Westlife jemals hatten, ist es sicher nicht geworden. „Spectrum“ heißt das neue Werk, was dann wohl bedeuten soll: Passt auf, jetzt zeigen wir alles, was wir können! Das ist musikalisch nicht unbedingt mehr als früher (das letzte Studioalbum „Gravity“ erschien 2010), und stilistische Experimente wie zuletzt etwa bei den Kollegen von Take That gibt es auch nicht. Ihre Stärken aber können Nick Byrne, Shane Filan, Kian Egan und Mark Feehily auf „Spectrum“ optimal ausspielen, was auch mit Ed Sheeran zu tun hat.

Sheeran sei Dank

Sheeran, der Singer/Songwriter-Megastar, soll einst zu Westlife-Songs wie „Flying Without Wings“ das Gitarrespielen gelernt haben. Jetzt „bedankt“ er sich: Gleich fünf der insgesamt elf Songs auf dem neuen Westlife-Album stammen aus seiner Feder. Es sind moderne, leichtgängige und klanglich reduzierte Radio-Pleaser wie „Dynamite“ oder „My Blood“, die auf große Effekte verzichten und dafür viel Raum für den Gesang lassen. Ob in einzeln dargebotenen Strophen oder beim harmonischen mehrstimmigen Vortrag: Hier zeigen die erfahrenen und gut ausgebildeten Westlife-Sänger tatsächlich, was sie können.

Der größte Trumpf von „Spectrum“ ist aber vor allem die ausgesprochene Lockerheit, die das gesamte Comeback von der ersten Sekunde an prägte. „Wer bekommt schon einen zweiten Bissen von der Kirsche?“, freute Byrne sich im „Smooth Radio“-Interview über die Chance, noch einmal mit Westlife durchstarten zu dürfen. Viel Gutes kann dabei passieren - aber nichts muss. Zwei von vier Bandmitgliedern haben die 40 inzwischen überschritten, alle vier haben jetzt Kinder, und sie müssen als Boyband-Opas auch keine Teenie-Idole mehr sein.

Auf dieser Grundlage entstanden nun Titel, die zusammen vielleicht kein sehr „starkes Album“ ergeben, die im Einzelnen aber doch unter die Haut gehen. Wenn es etwa um die Liebe geht wie in „Better Man“ oder „Another Life“, dann sind das Lovesongs für Erwachsene, die über jugendliche Schwärmereien weit hinausgehen. Den Titel „My Blood“ wiederum, der von traurigem Nachwuchs und verstorbenen Müttern handelt, schrieb Ed Sheeran der Band auch textlich so geschickt auf den Leib, dass er wahnsinnig persönlich und authentisch wirkt. „Be brave, my little one / I know you can be strong / 'Cause you are just like your mom“: Da könnte manche Träne rollen, wenn Westlife demnächst wieder auf Tour gehen. Die ersten Termine für 2020 wurden bereits bestätigt - eine Rückkehr in deutsche Konzerthallen ist bislang allerdings noch nicht in Sicht.

teleschau

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