Moby

Der Zweck heiligt die Mittel

Mehr als ein Musiker: Moby ist eine echte Persönlichkeit und gilt schon seit vielen Jahren als gutes Gewissen der Musik.
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Mehr als ein Musiker: Moby ist eine echte Persönlichkeit und gilt schon seit vielen Jahren als gutes Gewissen der Musik.

Auf seinem 16. Studioalbum nimmt sich der New Yorker Star-DJ Moby in aller Form der Schutzbedürftigkeit an. „All Visible Objects“ will Probleme sichtbar machen, und genau das ist ein Problem.

Techno-Wunderkind, DJ-Legende, Pop-Aktivist: Moby ist nicht bloß Musiker, Moby ist eine Erscheinung. Spätestens seit dem Durchbruchsalbum „Play“ von 1999 mit Welthits wie „Bodyrock“ und „Why Does My Heart Feel So Bad?“ hat sich der Dance-Music-Pionier zum fast schon personifizierten guten Gewissen der Musik produziert. Denn neben seiner musikalischen Vielseitigkeit, die zwischen aggressivem Elektro-Punk, breit-bildlichem Ambient und sinnlichem Electronica pendelt, kann der einstige Philosophie-Student heute auch auf zwei Bücher, einen Fotoband und unzählige karitative Projekte zurückblicken.

Ein neues Album des gebürtigen New Yorkers, der eigentlich Richard Melville Hall heißt und tatsächlich verwandt ist mit dem Moby-Dick-Schöpfer Herman Melville, ist nicht bloß eine musikalische Rückmeldung. Es ist immer ein politisches Statement. Der vegane Tierrechtler will 100 Prozent der Erlöse seiner 16. Platte an insgesamt 22 Organisationen spenden. Vor allem der Umweltschutz sowie Tier- und Menschenrechtsorganisationen, aber auch seine kostenlose Filmmusikseite mobygratis.com sollen monetär unterstützt werden.

Auf „All Visble Objects“ (natürlich ein Zitat aus „Moby Dick“) geht es um Schutz, das größte Thema unserer Zeit. War sein letztes Album „Everything Was Beautiful, And Nothing Hurt“ (2018) noch geprägt von sanftmütigen TripHop- und Broken-Beat-Einflüssen, so stellt schon der Opener „Morningside“ klar, dass „All Visible Objects“ nicht bloß Rückzugsmusik sein will. Das resignierende Antwortalbum auf seine Anti-Trump-Releases „These Systems Are Failing“ (2016) und „More Fast Songs About The Apocalypse“ (2017) wird 2020 abgelöst durch den Fokus auf das große Ganze.

Ein Hoch auf die 90-er

Zu Vocal-Beiträgen von Apollo Jane, die Moby schon auf diversen Vorgängern unterstütze, verwebt der DJ tribalistische Percussions mit unterkühlten Bassläufen, die stark an die Techno-Entwürfe der 90-er erinnern. Es ist ein musikalisches Motiv, das sich auch auf „Refuge“ wiederfindet, in „Power Is Taken“ einen industriellen Polit-Twist bekommt und im Synthesizer-Firmament von „Forever“ gar in spirituelle Ekstase mündet.

Trotzdem beschränkt der mittlerweile 54-Jährige sich nicht nur auf einspurige 4-to-the-floor-Emotionen - vielmer triggert er sich durch die gesamte Gefühlsklaviatur. Da ist etwa das sensitive Stück „My Only Love“, ein verschwommener Dark-Wave-Song über Abschiednahme, oder der New-Age-House-Anstrich in den Titeln „One Last Time“ und „Tecie“, die den Aufbruch im Untergang beschwören. Dass Moby dabei auch noch solche Großtaten vollbringt, wie zum Beispiel den Rapper-Geheimtipp Boogie und Dead-Kenndey-Drummer D.H. Peligro in einem Song zu vereinen, wird da fast zur Randnotiz.

Sound- und produktionstechnisch kann man den unbestreitbaren 90er-Einschlag auf „All Visible Objects“ als kreative Stagnation, aber auch als großspurige Rückbesinnung auslegen. Doch wird Mobys Diskografie oder gar der Pop-Welt mit den teilweise fast zehn Minuten dauernden Stücken voller tausendfach gehörter Polysynth-Referenzen etwas Entscheidendes hinzugefügt? Eher nicht. Das spielt aber auch keine Rolle. Moby nutzt seine Möglichkeiten, also die Musik, um Probleme sichtbar zu machen. Dieser Aktivismus-Electronica-Ansatz verhindert allerdings auch, dass sein Album jenseits von politischen und sozialen Debatten echte Relevanz entwickelt. Der Zweck heiligt die Mittel.

teleschau

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