Anna Depenbusch

Zurück zur Echtzeit

Anna Depenbusch setzt mit ihren Songs auf „Echtzeit“ ein lyrisch wie musikalisch starkes Zeichen gegen Optimierungswahn, ungesunde Geschwindigkeit und Leistungswahn.
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Anna Depenbusch setzt mit ihren Songs auf „Echtzeit“ ein lyrisch wie musikalisch starkes Zeichen gegen Optimierungswahn, ungesunde Geschwindigkeit und Leistungswahn.

15 Jahre nach ihrem Debütalbum ist Immer-mal-wieder-Pop-Hoffnung Anna Depenbusch mit 42 Jahren bei ihrer bislang stärksten Song-Kollektion angekommen. Ihre neuen Lieder hat sie „live“ vor Publikum als analoge Vinyl-Direktaufnahme ins Mikrofon gesungen.

Die Hamburgerin Anna Depenbusch, manche nennen sie Deutschlands beste Liedermacherin, hat in der angenommenen Mitte ihres Lebens schon einige künstlerische Suchprozesse und Stolpersteine hinter sich. Nach dem Debüt „Ins Gesicht“ (2005) kam die passionierte Klavierspielerin mit großer Stimme 2011 dann so richtig groß raus. „Die Mathematik der Anna Depenbusch“ erreichte zwar „nur“ Platz 25 der deutschen Albumcharts, doch das mediale Feedback zur eleganten Performerin klang eher nach Platz eins: Depenbusch wurde gefeiert für ihre herrlich verdrehte Lyrik („Tim liebt Tina“) und die Melodiosität ihres Songwritings, das irgendwo zwischen Edith Piaf, Hildegard Knef und Björk einen deutschen Pop-Weg der frischen Zehnerjahre suchte. So etwas wie Anna Depenbusch gab es im längst erwachten teutonischen Popkosmos jener Zeit nicht. Ihre Texte waren schlauer als die der meisten anderen Songschreiber und -schreiberinnen, Depenbuschs Songs meist ziemlich oder sogar sehr stark.

Unglücklicherweise wusste man auf Dauer dann aber doch nicht so recht wohin mit der eigenwilligen Künstlerin. War da zu viel Chanson? Hörten sich die Lieder ein bisschen altmodisch und zu wenig Pop-affin an? Fehlte vielleicht die klassische Band als Backup und wusste Depenbusch mit ihren häufigen Styling-Wechseln eigentlich selbst, was sie wollte?

Auf den Folgealben zu „Die Mathematik der Anna Depenbusch“ versuchte sie sich mit diversen Stilwechseln, auch die Partner bei den Plattenfirmen wurden ausgetauscht. Depenbuschs Karriere pendelte sich in der Nische ein, worüber man sich heute künstlerisch freuen darf: Ihr neues Werk „Echtzeit“ zeugt mit radikalem Ansatz - die elf Titel wurden Ende Januar in tatsächlicher Echtzeit nur mit Klavier und Stimme vor Publikum aufgenommen - nun wieder von höchster Qualität, die im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen lässt. Dabei findet schon das Eröffnungsstück „Echtzeit“ den richtigen Ton, denn viele weitere Lieder handeln ebenfalls vom viel beschworenen Leben im Moment, das heute mehr und mehr verlorenzugehen droht: „Ich träume virtuos / in Slow Motion Videos / für meine kleine Freiheit / in Echtzeit“, heißt es darin in wunderschön verschwurbelter Depenbusch-Lyrik.

Depenbuschs Figuren sind in der Midlife Crisis angekommen

Auch in vielen der Folgesongs bleibt das Thema erhalten. In „Tim 2.0“, einer Art Midlife-Crisis-Update ihres Beziehungskarussell-Hits „Tim liebt Tina“, wird der mittlerweile 45-jährige Tim als unglücklicher, Marathon laufender Manager enttarnt, der bei seiner in den Tag hinein lebenden, Zumba tanzenden Ex-Freundin endlich das erhoffte Echtzeit-Leben findet. Mit den eher witzigen expliziten Lebensbeobachtungen hat es sich mit „Tim 2.0“ dann aber auch erledigt, denn die meisten anderen von Depenbusch live geschmetterten und doch so sensibel gesungenen Lieder sind klassische Liebes- und Weltschmerzlieder. Der weibliche Torch-Song „Nimm mich zurück“ beispielsweise oder das zerbrechlich-schöne Stück „Bin dabei“, bei dem eine imaginierte Träne auf Depenbuschs 100 Jahre alten Flügel tropft. Ebenfalls programmatisch für dieses Old School Klavieralbum ist der Song „Alte Schule“, auf dem Depenbusch gesteht, mit Modernismen wenig anfangen zu können: „Die neuen Spiele / der Liebesprofile / verfehlen meiner Meinung nach / sämtliche Ziele“.

Auch „Eisvogelfrau (für Emmy)“ und die Selbstoffenbarung „5 Meter“ sind herausragende Klavierballaden, wobei letzterer Titel akkordisch ein bisschen an Joni Mitchells modernem Weihnachtsklassiker „River“ erinnert. Anna Depenbusch ist mit „Echtzeit“ ein herausragend starkes Album mit einem mutig abseitigen Aufnahme-Konzept gelungen. Bei der Tournee, die logischerweise ebenfalls solo mit Flügel stattfindet, darf man sich auf intensive Momente freuen.

Anna Depenbusch auf Tour:

12.03. Fulda, Orangerie

13.03. Ravensburg, Konzerthaus

14.03. Karlsruhe, Tollhaus

20.03. Halle, Händel Halle

21.03. München, Prinzregententheater

22.03. Freiburg, Jazzhaus

24.03. Ludwigsburg, Scala

25.03. Essen, Lichtburg

26.03. Oldenburg, Kulturetage

27.03. Oldenburg, Kulturetage

28.03. Wolfsburg, Hallenbad

02.04. Hannover, Pavillon

03.04. Berlin, Admiralspalast

04.04. Jena, Volkshaus

05.04. Augsburg, Parktheater

06.04. Reutlingen, Franz.K

07.04. Darmstadt, Staatstheater

24.04. Hamburg, Laeiszhalle

25.04. Lübeck, Kulturwerft Gollan

21.05. Elmau, Schloss Elmau

21.06. Kiel, Krusenkoppel

10.06. Sylt Rantum, Meerkabarett

11.09. Dresden, Konzertplatz Weisser Hirsch

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