Wurst (ehemals Conchita)

Wurst und Wahrheit

Die langen Haare und prunkvollen Kleider sind Geschichte, der Vollbart aber durfte bleiben: Thomas Neuwirth hat sich von der Kunstfigur Conchita verabschiedet und schlägt auch musikalisch neue Wege ein.
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Die langen Haare und prunkvollen Kleider sind Geschichte, der Vollbart aber durfte bleiben: Thomas Neuwirth hat sich von der Kunstfigur Conchita verabschiedet und schlägt auch musikalisch neue Wege ein.

Das dritte Album „Truth Over Magnitude“ von Tom Neuwirth, der als Conchita Wurst international bekannt wurde, ist eine Zäsur. Unter dem neuen, reduzierten Pseudonym Wurst zeigt der Österreicher seine maskuline, ungeschönte Seite.

Auf seinem dritten Album „Truth Over Magnitude“ bricht der österreichische Sänger und Travestiekünstler Thomas „Tom“ Neuwirth mit der Rolle, die ihn einst zum Star machte. Fünf Jahre, nachdem er als Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewann, will Neuwirth, der sich jetzt nur noch Wurst nennt, nicht mehr für große Balladen und prunkvolle Kleider stehen, sondern: für sich selbst und für seine maskuline, trainierte Seite. Schon Anfang 2019 erschien als Vorgeschmack auf das neue Album der Song „Trash All The Glam“, in dem der 30-Jährige zart, aber bestimmt singt: „She is dropping pretence, way more complex / No more sequence / She deletes and trashes all the glam“. Eine Zäsur also.

Hierfür setzte Wurst Albin Janoska vor das Mischpult. Der österreichische Produzent arbeitete in der Vergangenheit unter anderem mit dem britisch-österreichischen Electronica-Projekt Sohn, das nicht erwähnenswert erfolgreich, aber bei Kritikern beliebt ist. Janoskas Sound ist modern, elektronisch und verspielt. Statt großer Dramatik und Orchsterkompositionen wie aus einem Bond-Film werden auf den 13 Songs des neuen Wurst-Albums urbane Elektropop-Klänge um Neuwirths Gesang gesponnen. „Truth Over Magnitude“, auf dem Cover abgekürzt als „T.O.M.“, balanciert mit Beats zwischen pompösem Post-Dubstep und synthetisierten Mash-Ups auf dem Genre-Trapez zeitgenössischer Pop-Entwürfe.

Basierend auf Skizzen, die Wurst in seinen heimischen Laptop murmelte, hat Szenekenner Janoska dem Sänger ein maßgeschneidertes Zeitgeist-Album vorgelegt. Man hört Vocoder-Effekte, langatmige Synthie-Bögen, treibende Drums und R'n'B-Einflüsse - Klänge, die nach Wursts eigener Aussage seinem privaten Musikgeschmack entsprechen. Authentizität soll auf „Truth Over Magnitude“ über Erwartungshaltungen stehen, nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch. Das Ergebnis klingt durchaus ansprechend, ist jedoch nicht besonders einfallsreich. Acts wie Major Lazer, Aurora oder Clavin Harris führten ähnliche Produktionen lange vor Wurst zu Welterfolgen.

Geht's hier um die Wurst? Oder um die Wahrheit?

Die Texte von „T.O.M.“ (ein Verweis auf Neuwirths Spitznamen) entstanden in Zusammenarbeit mit der Songschreiberin Eva Klampfer und handeln von vermeintlicher Wahrhaftigkeit. Fast jeder Song wird mit überkolorierten Zeilen wie „Seeking for the truth“, „Inside and outside“ oder „Under the gun“ aufgeladen, und doch verharrt Wurst oft in massenkompatibler, nichtssagender Mehrdeutigkeit. Statements politischer Natur findet man hier nur chiffriert, und wenn, dann auch nur mit viel Willenskraft. Auch Neuwirths persönlicher Hintergrund als homosexueller Travestiekünstler, der seine HIV-Erkrankung mehr oder weniger unfreiwillig öffentlich machte, um einem Erpresser zuvorzukommen, kann beim Hören nur mitgedacht werden.

Die titelgebende nackte Wahrheit - sie versteckt sich auf „Truth Over Magnitude“ zumeist hinter dem pochenden Weißraum der Kickdrum. Wenn Wurst seine Opern-Performance mit getriebenem Four-to-the-Floor-Beats kombiniert, klingt das alles technisch einwandfrei und emotional. Dazu passen auch die bildgewaltigen Musikvideos dieser neuen Wurst-Ära. Am Ende scheint es aber nicht so, als sei Wurst hier die ganze Wahrheit, sondern als sei die Wahrheit eher wurst.

teleschau

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