Yung Lean

Aus den Wolken gefallen

Auch wenn das Bild eine andere Sprache spricht: „Starz“ ist die erste Platte, die Yung Lean komplett nüchtern aufnahm.
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Auch wenn das Bild eine andere Sprache spricht: „Starz“ ist die erste Platte, die Yung Lean komplett nüchtern aufnahm.

Das neue Album „Starz“ der schwedischen Internet-Rap-Ikone Yung Lean trägt das Genre, das er selbst einst schuf, final ins Erwachsenenalter. „Starz“ zählt daneben zu den bisher besten Platten seiner Diskografie.

Über Yung Lean zu sprechen bedeutet, über Zeitgeist zu sprechen. Als der schwedische Rapper und Produzent 2013 sein Mixtape „Unknown Death 2002“ veröffentlicht, tut er das, was vermutlich jeder bedeutende Pop-Künstler in seiner Karriere einmal tun muss: Er spaltet. Für die einen ist Jonatan Leandoer Hastad, so ein bürgerlicher Name, der todtraurige Rap-Heiland der Tumblr-Generation. Ein plakatives Internetkunstwerk auf der Schneise zwischen subtiler Dauerironie und offenherziger Gefühlsduselei. Für die anderen ist der Sohn des schwedischen Schriftstellers Kristoffer Leandoer der endgültige Sargnagel bei der Infantilisierung des HipHop. Ein postmoderner DIY-Auswuchs im Zeitalter der Digital Natives, der die Ohnmacht und Lethargie gegenüber der Welt zum Lifestyle erklärt hat. Yung Lean, der Prototyp eines Meme-Rappers.

Die naiven Synthie-Wolken und großspurigen Basslauf-Flächen seiner Produktionen und seine depressiven, drogen-verseuchten Weltschmerz-Raps waren von Beginn an eine Blaupause für das, was unter dem Namen Cloud Rap den HipHop im letzten Jahrzehnt entscheidend veränderte. Auch auf „Starz“, seinem ersten Album seit 2018, schimmert dieser Ansatz durch. Aus dem Kinderzimmer zum Internetstar: Yung Lean verkörpert wie kein anderer den Zeitgeist jener Ära ab 2013, der mit Labels wie Emo-Rap, Cloud Rap oder Soundcloud-Rap um die Welt ging.

Die Internet-affine Fischerhut-Ironie (Leans Markenzeichen) ist inzwischen aber einem ausgeprägten Selbst- und Sendungsbewusstsein gewichen. „Starz“ spielt mit dem Verdienst, Rapper wie Post Malone oder den 2017 verstorbenen Lil Peep inspiriert zu haben („Awful Things“, „Rockstar“). Leandoer ist zur Leitfigur geworden, das weiß er, und er ist willens, diese Rolle - nicht nur für seine Crew Sadboys - anzunehmen, wie er beispielsweise auf „Low“ andeutet: „I'm only 23 but there's like ten?of?me“. Es ist die erste seiner sechs LPs, die Yung Lean nüchtern aufgenommen hat, und daher sehr viel fokussierter als der Rest seiner fragmentarischen Rap-New-Wave-Skizzensammlung von Diskografie. Auf „Violence“ heißt es hierzu sogar: „Everybody around me high, but I stay low“.

Ein Zeichen der Professionalisierung

Doch wer tausendfach kopiert wird, kann sein Alleinstellungsmerkmal an die Plagiatoren verlieren. Aus diesem Grund erweiterten Yung Lean und Produzent Whitearmore auf „Starz“ auch das Soundbild aus melancholischer Internet-Musik um Dream-Pop-Elemente und College-Punk-Motive. Lean macht jetzt auch verspulten Computer-HipHop mit Bezügen zu Industrial-Rock („My Agenda“, „Boylife In EU“), zu waberndem Trance („Dance In The Dark“, „Hellraiser“) oder zu verdampftem Shoegaze („Iceheart“). Es ist das stimmigste Werk seiner Karriere, was angesichts der verspielten Schlafzimmer-Produktionen der frühen Jahre nicht unbedingt eine überraschende Kehrtwende ist, aber ein Zeichen der Professionalisierung. „Starz“ lässt Yung Lean sozusagen aus den Cloud-Rap-Wolken fallen.

„Ich verstehe Rap heute als Job“, sagte Leandoer zuletzt bei der Verleihung des Bram Stokers Awards, mit dem vor ihm unter anderem Oscar Wilde und The Pixies ausgezeichnet wurden. Auch das Vorab-Video zu „Boylife In EU“, in dem Yung Lean als eine Horrorversion von Karlsson vom Dach durch eine Zauberwürfel-Zelle kriecht, und der Clip zu „Violence“ zeugen sehr viel stärker von erwachsener Ambition und kritischem Kunstverständnis als etwa die alten Gif-Collagen im Stile von „Hurt“ (2013). Man habe ihn anfangs als Parodie auf HipHop missverstanden, sagte Lean einmal. Auf „Starz“ gibt es nichts mehr misszuverstehen.

teleschau

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