White Lies

Die Welle steht noch

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Die White Lies spielen auf ihrem fünften Album erneut mit New-Wave-Elementen, und trotzdem wird die Musik von Harry McVeigh (links), Jack Lawrence-Brown (Mitte) und Charles Cave immer noch nicht langweilig.

Haben die White Lies in 15 Jahren Bandkarriere alles gesagt? Diese Frage könnte zum naheliegenden Albumtitel inspiriert haben: „Five“ ist schlicht und simpel der fünfte Langspieler der Briten. Die musikalischen Ideen sind dann aber doch noch nicht ausgegangen.

Ursprünglich waren die White Lies aus London mal eine flotte Indie-Rock-Band namens Fear of Flying. Weil möglicherweise das Songwriting ähnlich uninspiriert war wie der Bandname, entschied man 2007, an beiden Punkten anzusetzen und fortan ab und zu mit verspulten Synthesizer-Parts oder einer düsteren Gesangseinlage das Tempo rauszunehmen. Eine ähnliche Entwicklung haben auch stil- und herkunftsverwandte Bands wie die Editors oder die Arctic Monkeys durchgemacht. New Wave ist 2019 in Großbritannien definitiv keine neue Welle mehr, aber trotzdem seit über 30 Jahren nicht aus der dortigen Musiklandschaft wegzudenken. Wie man dafür sorgt, dass diese Welle nicht bricht, demonstrieren die White Lies auf ihrem neuen Album „Five“.

Der Opener „Time To Give“ ist mit über sieben Minuten Spielzeit nicht nur der längste Song, den die Band je aufgenommen hat, sondern auch der ambitionierteste. Immer wieder wird Spannung aufgebaut und aufgelöst, dabei munter die Tonart gewechselt, und am Ende schießen spacige Delays und Echos durch die Gegend. „Over fifteen years we've talked about it all“, singt Harry McVeigh und könnte zu einem alten Freund sprechen, mit dem er in der Kneipe sitzt. Wahrscheinlicher ist aber, dass er die Hörerschaft meint, für die er inzwischen seit 15 Jahren Musik macht. Die Frage ist: Was soll man noch erzählen auf seinem fünften Album, zumal in einem Stil, der so viel mit Zitaten arbeitet?

Die Kunst liegt darin, dass die White Lies innerhalb all dieser Synthesizer-getragenen Zitate immer wieder überraschen und dafür dann vor allem Gitarren einsetzen. „Jo“ klingt wie ein Disco-Evergreen von Duran Duran, bis eine sägende Verzerrung einsetzt. Auf der eher generischen Synthpop-Ballade „Denial“ wird ein Solo eingestreut, das aus einer schnörkellosen Hardrock-Nummer stammen könnte. „Finish Line“ beginnt mit einer Akustikgitarre, die dann nach und nach von Orgel-Akkorden überschwemmt wird. Der charismatische Gesang von Harry McVeigh und die sehr klare Produktion von Genre-Spezialist James Brown tragen zusätzlich dazu bei, dass diese collagierte Musik immer kurzweilig klingt. White Lies erfinden auf „Five“ keine neuen Räder, laufen aber so rund wie nur wenige andere zeitgenössische Bands, die nostalgische New-Wave- und Post-Punk-Fans nach Feierabend auf ihre Plattenteller packen könnten.

teleschau

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