Ghostpoet

Vogelgezwitscher im Betondschungel

Ghostpoet erweist sich auch auf seinem neuen Album als ein Meister darin, in die menschliche Psyche einzutauchen. Auch diesmal bringt er dabei viel Unbehagliches ans Tageslicht.
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Ghostpoet erweist sich auch auf seinem neuen Album als ein Meister darin, in die menschliche Psyche einzutauchen. Auch diesmal bringt er dabei viel Unbehagliches ans Tageslicht.

Die Coronakrise und die Bekämpfung des Virus brachten und bringen viel Unschönes mit sich. Das neue Album von Ghostpoet erinnert daran, dass es aber auch der Welt vor Corona wahrlich nicht an Schrecken mangelte.

Obaro Ejimiwe, wie der britische Sänger und Musiker Ghostpoet bürgerlich heißt, wohnt in London, wuchs aber in Coventry auf, dessen Tristesse es ein bisschen zum verregneten Hannover von England macht. 2011 trat Ghostpoet mit seinem Debüt „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ erstmals öffentlichkeitswirksam in Erscheinung. Seine Musik ist gekennzeichnet durch scheinbar lethargischen Sprechgesang und detailreiche Elektro-Produktionen, auf denen Ghostpoet die Ansätze der britischen Elektro-Szene der 90-er mit dem schrägen Leftfield-Sound von The Streets aus den frühen 2000-ern verknüpft. Indie? Industrial? HipHop? Die Grenzen verschwimmen bei Ghostpoet. Auf den Schultern der britischen Trip-Hop- und Downbeat-Tradition um Acts wie Portishead oder Nightmares on Wax sprechsingt der Musiker mit ghanaischen Wurzeln über Themen wie Dystopie, Depressionen und Desillusionierung. Dafür wurde Ghostpoet bereits zweimal für den renommierten Mercury Prize nominiert. 2017 erschien sein letztes Album, jetzt meldet er sich mit einer neuen Platte zurück.

Seine Referenzen sind weder HipHop noch irgendwelche Rapper, auch wenn er sein mittlerweile fünftes Album „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ (zu Deutsch: „Ich werde müde, aber wage es nicht, einzuschlafen“) vor allem wieder mit Spoken-Word-Performances bestreitet. Wenn er wie ein Rapper klinge, dann läge das nur daran, dass er „ein beschissener Sänger“ sei, erklärte er einmal im „NZZ“-Interview. Ejimiwe bezieht sich lieber auf Joe Strummer, PJ Harvey oder Nick Cave, die allesamt ebenfalls schlechte Vokalisten, aber gute Performer seien. Der Einfluss von Cave etwa wird dann deutlich, wenn Ghostpoet schlacksig und benommen durch Industrial-Collagen wie „Rats In A Sack“ oder „When Mouths Collide“ watet.

Er wird müde, aber er traut sich nicht, einzuschlafen

„Hung-over boy“, schnoddert der 37-Jährige da, verkaterter Typ. Fragmentarisch blitzen Synthie-Skizzen auf, Field Recordings wie Vogelgezwitscher konterkarieren die durchgehend beklemmende Patina seiner Beats. Zuweilen fühlt sich „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ wie eine unwirkliche Albtraumreise an. Ein auditiver Horrortrip durch die Untiefen der menschlichen Psyche, wo sogar das Lesen („Seeking answers from a good book“) in die Dystopie einbetoniert wird und eine Kampfparole wie „Let's get out“ vom musikalischen Betondschungel verschluckt wird wie das Licht von einem schwarzen Loch.

Es wäre ein Leichtes, Ghostpoets neues Album als Soundtrack zur Coronakrise zu lesen. Er formuliert Sehnsüchte nach dem vermeintlichen Normalzustand wie in „Humana Second Hand“ („Home alone, not a film, but I'm lost“) oder auch Fluchtgedanken wie im Titelsong („Get me out, I'm heading to Ecuador“) so treffsicher wie kaum ein anderer vergleichbarer Musiker. Doch natürlich ist „I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep“ ein Produkt der Welt vor Corona. Es ist ein Album voller Unbehagen, entstanden in einer Welt, in der Likes auf Instagram wertvoller sind als echte Zuneigung, wo kapitalistische Verwert- und Verfügbarkeit vor persönliche Bedürfnisse gestellt werden und wo rechtspopulistische Politiker Regierungen bilden. Eine in vielerlei Hinsicht erschreckende Welt, in der ganz gewiss nicht alles besser war.

teleschau

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