Hannah Diamond

Verliebtsein im Digitalzeitalter

Anfangs hielten manche Journalisten Hannah Diamond für nicht real. Inzwischen weiß man, dass sie durchaus ein Bewusstsein hat und ihre Musik ernst meint.
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Anfangs hielten manche Journalisten Hannah Diamond für nicht real. Inzwischen weiß man, dass sie durchaus ein Bewusstsein hat und ihre Musik ernst meint.

PC-Music-Popstar Hannah Diamond hat ihr erstes Album „Reflections“ veröffentlicht. Darauf erzählt sie eine Trennungsgeschichte und vermittelt Gefühle über digitale Effekte.

Die Produzentenriege des Londoner Kollektivs PC Music hat den Pop-Mainstream erfolgreich infiltriert, seit 2013 die ersten Songs auf Soundcloud erschienen: AG Cook ist federführend im Team von Charli XCX, Danny L Harle hat mit Carly Rae Jepsen gearbeitet, Sophie mit Madonna. Nur der Popstar aus den eigenen Reihen, könnte man meinen, ist dabei ein bisschen auf der Strecke geblieben. 2013 vermuten Musikjournalisten noch, Hannah Diamond sei „nicht real“, eine Parodie eines Popstars oder nur eine weibliche Schablone für die Ideen männlicher Produzenten. Inzwischen hat sie die Verantwortung für ihre Musik zurückgewonnen - man weiß jetzt, dass sie ihre Musik ernst meint. Mit „Reflections“ ist nun endlich ein Debütalbum von Hannah Diamond erschienen.

Woher die Idee vom Irrealen kommt: Die Technik, die Diamonds Gesang moduliert, wirkt beim Hören genauso präsent und lebendig wie der Körper, aus dem der Gesang ursprünglich kommt. Der Gesang an sich ist ausdruckslos, und die Melodien ihrer Songs sind so simpel wie die von Abzählreimen. Wie die Technik aber den Gesang verzerrt, loopt, die Töne in dramatischen Bögen hoch- und wieder runterzieht: Das hat Charisma, das drückt Gefühle aus. Und das ist wichtig: Hannah Diamond erzählt auf „Reflections“ eine Trennungsgeschichte.

Echte Gefühle

Auf dem Titelsong zweifelt sie an ihrem Partner, auf „Never Again“ kann sie loslassen, und „Make Believe“ ist schließlich eine Liebeserklärung, die eher an ein Bild im Kopf als an eine reale Person gerichtet zu sein scheint. Flüchtiges und Irreales sind nämlich auch in Diamonds Texten wiederkehrende Motive. Vielleicht sind das Verweise auf diese Musikjournalisten, die ihr 2013 ein Bewusstsein absprachen, vielleicht ist es die Meta-Ebene zur digitalen Musikproduktion, die Musikjournalisten immer im PC-Music-Sound sehen. Wenn Diamond auf „Invisible“ vom Ex-Partner ignoriert wird, scheint sie sich körperlich aufzulösen. Auf „Fade Away“ ist es der Partner, der sich auflöst. Die Zeile „I always thought I'd be / The picture on your screen“ beschreibt wunderbar nüchtern und wertfrei das Verliebtsein im Digitalzeitalter.

Bahnbrechend klingt der Hannah-Diamond-Sound sechs Jahre nach der ersten Single „Pink And Blue“ nicht mehr. Das liegt daran, dass ihre Kolleginnen und Kollegen diesen Sound in der Zwischenzeit in den Mainstream getragen haben und er auf „Reflections“ im Gegensatz zu beispielsweise Sophies Album „Oil Of Every Pearl's Un-Insides“ kaum weiterentwickelt wird. Man kann trotzdem etwas von diesem Album lernen: Die Filter auf der Gesangsspur sind ebenso wie die Filter auf den Instagram-Fotos keine Mittel zum Verfremden oder Verstecken von Hannah Diamonds menschlichen Gefühlen. Sie sind Ausdruck dieser Gefühle.

teleschau

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