Kate Tempest

Die Verheißung der Explosion

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Umstrittene britische Rap-Prophetin: Kate Tempest behandelt auf ihrem neuen Album Millenial-Themen zwischen politischem Weltschmerz, wankelmütiger Selbst(ver)achtung und unverbindlichem Sex.

Sie gilt als eine der bedeutendsten und vielseitigsten britischen Künstlerinnen der Gegenwart: Die Rapperin und Schriftstellerin Kate Tempest zelebriert auf ihrem dritten Album „The Book Of Traps And Lessons“ den Zeitgeist der Großstadt-Kids.

Kate Tempest ist eine Geschichtenerzählerin. Ihr Werkzeug ist die Sprache. Mit ihren Rap-Alben, diversen Theaterstücken, Lyrik-Bänden und Romanen wird die britische Rapperin und Schriftstellerin seit ihrem Solodebüt „Everybody Down“ (2014) von Kritikern und Fans gefeiert. Einst mit Slam Poetry ins Rampenlicht getreten, zollt die heute 33-Jährige auf ihrem dritten Album „The Book Of Traps And Lessons“ dem Wort Tribut. Das ist leise, aber brillant.

Doch es gibt ein Problem, zumindest für einige Fans. Tempest unterschrieb 2017 eine Petition der Organisation „Artists for Palestine“. Das ist eine pro-palästinensische Kampagne, die den kulturellen Boykott Israels anstrebt. Tempests Teilnahme an dieser Protestaktion (sie selbst hat jüdische Wurzeln) wurde unter anderem als antisemitisch kritisiert. Seitdem gilt sie als umstritten. Unter anderem wurde ihr herbeigesehnter Auftritt auf der Berliner Volksbühne im September 2017 infolge der Kontroverse abgesagt. „The Book Of Traps And Lessons“ ist ihre erste Veröffentlichung nach diesem Aufschrei. „Von Fallen und Lektionen“, heißt das Werk frei übersetzt.

Vielleicht liegt es an Rick Rubin, dass die LP durch die Membranen tänzelt wie der Rauch einer abgeschossenen Silvesterrakete. Man hätte auch Brandreden auf lodernden Beats erwarten können. Doch die Produzenten-Ikone, gerne barfuß unterwegs, hat schon Adele, Johnny Cash oder Kanye West mit spiritueller Geduld zu großen Werken verholfen. Alle genannten Künstler, die Rubin betreute, befanden sich zum Zeitpunkt der Zusammenarbeit an einem Karriere-Wendepunkt. Symbolisiert also „The Book Of Traps And Lessons“ die Metamorphose von Kate Tempest?

Weltschmerz und Selbst(ver)achtung

Nein. Auch dieses Mal ist es keine olympische Fackel, die hier von der Londonerin durch die dezenten New-Age-HipHop-Beats getragen wird. Behutsam perfromt Tempest über sumpfige Sample-Flächen und verharrende Dancefloor-Momente. Sie sprechsingt über die Untiefen des Internets, wenn sie etwa auf „All Humans Too Late“ feststellt: „The racist is drunk on the internet“. „They're killing for money / They crippling their country / They just doing it all beneath the flag“, sagt sie fast gelangweilt auf „Brown Eyed Man“ über ihr Zuhause, das Empire. Es sind Zeilen mit hohem Aggressionspotenzial, die aber doch mit Contenance vorgetragen werden. Niemals endet ein Song im großen Finale, doch die Verheißung der Explosion wird stets am Lodern gehalten.

„Love is a self made trap“, stellt Kate an anderer Stelle fest. Liebe in Zeiten des Verdrusses, Einsamkeit, Rassismus, Kapitalismus, kein Faß bleibt ungeöffnet in diesen Gedichten. Es sind Millenial-Themen zwischen politischem Weltschmerz, wankelmütiger Selbst(ver)achtung und unverbindlichem Sex, die auf „The Book Of Traps And Lessons“ passieren. Ein Soundtrack für die Großstadt-Jugend, den Tempest vor allem aus Sicht der Prophetin formuliert. Eine Lösung hat sie für all das nicht. Aber sie besitzt die bedeutsame Kraft der Verkündung. Alles wird gut.

teleschau

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