Einstürzende Neubauten

Uneindeutig für immer

Lehren uns seit 40 Jahren, dass Musik auch etwas völlig anderes sein kann als das, was wir darunter verstehen: Einstürzende Neubauten veröffentlichen ihr neues Album „Alles in Allem“.
+
Lehren uns seit 40 Jahren, dass Musik auch etwas völlig anderes sein kann als das, was wir darunter verstehen: Einstürzende Neubauten veröffentlichen ihr neues Album „Alles in Allem“.

Die Einstürzenden Neubauten haben den Musik-Begriff 40 Jahre lang konsequent erweitert, bis irgendwann alles Musik wurde. Diesem Weg folgen sie auch auf ihrem grandiosen neuen Album „Alles in Allem“.

Rechtzeitig zum Jubiläum, 40 Jahre nach Bandgründung, kehren die Einstürzenden Neubauten zurück auf die Bildfläche und veröffentlichen nach über zwölf langen Jahren endlich ein neues Studioalbum. Und was soll man sagen: Die Berliner Formation um Frontmann Blixa Bargeld erfüllt sämtliche Erwartungen, indem sie einfach das tut, was sie immer schon getan hat - nämlich allen Erwartungen zu trotzen. Das neue Werk „Alles in Allem“ ist einmal mehr eine nur schwer zu definierende Ansammlung großartiger Songs, die sich in ihrer Gesamtheit kaum in gängige Schubladen pressen lässt.

Ein Stück wie „Am Landwehrkanal“ erinnert mit seinem Hauptstadt-Ethos und der schunkeligen Getragenheit fast ein wenig an Sven Regeners Element of Crime. Der sphärische Titel „Zivilisatorisches Missgeschick“ hingegen wirkt mit seinen unendlichen Klangebenen und den kryptischen, bisweilen gekrächzten Textbausteinen Bargelds wie Musik von einem anderen Stern - und entfaltet dadurch eine ganz eigene Dringlichkeit.

„Ich gehe rückwärts in meinen eigenen Spuren“

Das vielleicht beste Stück des Albums ist der Song „Taschen“, dessen monotoner Rhythmus auf mit Lumpen gefüllten Plastiktaschen geklopft wird - daher der Titel. Das mag erst einmal komisch klingen, doch die simple Melodie, die Perkussionist Rudolf Moser parallel dazu aus verschiedenen Metallobjekten herauskitzelt und die im Verlauf des Stücks mit einem Streicher-Arrangement verschmilzt, ist nichts anderes als instrumentierte Schön- und Vollkommenheit. Dazu streichelt Bargeld mit seinen Lyrics ein leicht melancholisch angehauchtes Gefühl der Zufriedenheit aus den Takten hervor, das den Hörer das gesamte Lied über sanft und zärtlich umgarnt.

„Alles in Allem“ ist nach Meisterwerken wie „Perpetuum Mobile“ (2004) und „Alles wieder offen“ (2007) ein weiterer Ausdruck der maßlosen kreativen Kraft, die den Neubauten auch nach vier Dekaden ihres Daseins ungebrochen innewohnt - und ein Beleg für die verinnerlichten künstlerischen Erfahrungswerte, die sie als einstige „geniale Dilletanten“ (sic!) über die Jahre angesammelt haben. „Ich gehe rückwärts in meinen eigenen Spuren“, säuselt Bargeld in „Seven Screws“, was wie ein wissender Kommentar dazu wirkt. Aus demselben Stück stammt übrigens auch ein Ausspruch, der durchaus als kreativer Leitsatz der Einstürzenden Neubauten durchgeht: „Uneindeutig für immer“.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare