Jochen Distelmeyer

Überraschend, aber wortkarg

+
Derzeit ein vorwiegend Zurückblickender: Jochen Distelmeyer, der zwischen 1990 und 2007 mit seiner Band Blumfeld die deutsche Popkultur veränderte, arbeitet gegenwärtig an einer neuen Platte mit eigenen Songs. Auch ein neues Blumfeld-Album ist nicht auszuschließen.

Auf der Compilation-Reihe „Coming Home“ geben einflussreiche Popmusiker ihre eigene Musikgeschichte als Hörer und Fans preis. Tocotronic oder Sven Väth waren schon zu Gast. Nun hat Blumfeld-Brain Jochen Distelmeyer 17 Lieblingslieder ausgesucht.

Wer in den 90-ern jung war und sich als progressiver Popkultur-Teilnehmer fühlte, kam um den Sound von Jochen Distelmeyers Band Blumfeld kaum herum: dynamische Gitarrengewitter zu hochkomplexer Lyrik, später dann die Suche nach dem perfekten Wohlklang und Hits wie „Tausend Tränen tief“. Man hätte sich denken können, dass Distelmeyers eigene „Einflüsse“-Playlist besonders abwechslungsreich sein würde. Dem Fan wird es spätestens nach dem Genuss der stilistisch extrem diversen 17 Titel auf der Compilation „Coming Home“ klar. Es finden sich: klassischer Alternative-Country von Kris Kristofferson und Chris Gentry, deutsche Pop-Antihelden wie S.Y.P.H., Andreas Dorau und Max Müller, R'n'B von Pharrell Williams und Missy Elliott, sogar NuMetal von den Deftones.

Bei weitem nicht alle Songs sind wirklich „Jugenderinnerungen“ des Compilators, sondern Stücke, die Distelmeyer in jüngerer Vergangenheit entdeckte und toll fand, so wie das wundervolle Stück der amerikanischen Frauen-Indieband Chastity Belt, „Different Now“. Dafür fehlen für Distelmeyers Musik tatsächlich extrem einflussreiche Bands wie die Wipers oder The Fall.

Neues Solowerk in Arbeit

Leider, und das darf man durchaus kritisieren, fehlen auf Distelmeyers Compilation-Album auch „Liner Notes“, also Texte zur Musik, die eine entsprechende Einordnung des Gehörten leisten. Distelmeyer selbst erklärt dazu, er wolle die Wirkung der Musik - und ihrer Reihenfolge - nicht durch Worte „verkopfen“. Trotzdem ist diese Entscheidung schade, denn so unterscheidet das Album wenig von einer kuratierten Playlist, wie man sie auch bei diversen Streaming-Anbietern hätte platzieren können.

„Coming Home“ ist ein Album für Menschen, die Jochen Distelmeyer besser verstehen wollen oder jene, die sich auf seinen extrem diversen Musikgeschmack einlassen können. Seit ein paar Jahren ist Distelmeyer, der im Sommer 52 wird, vorwiegend als reflektierender Musikliebhaber unterwegs: jetzt mit der „Coming Home“-Compilation, davor mit dem Album „Songs From The Bottom“, auf dem er einige seiner Lieblingssongs coverte. Und dann wären da noch die Retro-Tourneen mit Blumfeld, auf denen nur altes Material gespielt wird.

Derzeit ist Jochen Distelmeyer als Künstler vorwiegend ein Zurückblickender, doch gegenwärtig arbeitet er an einem neuen Soloalbum. Veröffentlichungszeitraum unbekannt. Das letzte Werk, „Heavy“, liegt schon fast zehn Jahre zurück. Distelmeyer pflegt, sich Zeit zu nehmen. Selbst ein neues Blumfeld-Album scheint nicht unmöglich. Darauf angesprochen verkündet der Künstler im Interview: „Ob es noch mal gemeinsam passiert, ist eine offene Situation für alle.“ Die alten Fans werden das zumindest hoffnungsvoll entgegennehmen.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare