Simply Red

Therapeutische Funkbewegungen

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Haben sich dem Funk der 70er-Jahre verschrieben: Mick Hucknall (vierter von links) und seine aktuelle Bandbesetzung von Simply Red.

„Blue Eyed Soul“ ist ein leicht irreführender Titel. Das neue Simply-Red-Album enthält weniger alten Soul denn wilde Funk-Stampfer, die dafür gut sein sollten, mit authentischem, sattem 70er-Groove die Beine vieler Konzertbesucher zu bewegen.

Fürs Tanzen, nicht nur Standard und Latein, sondern auch für die wilden, schüttelnden und zuckenden Varianten, ist es bekanntlich nie zu spät. Zumindest, solange Gleichgewicht und Gelenke mitmachen. Dieser Ansicht war wohl auch Mick Hucknall, bekennender Sportfan und trotz 58 Jahren auf der Lebensuhr gertenschlank. Nach zahlreichen Vergnügungen auf Rockstar-Matratzen lebt der Simply-Red-Frontmann seit knapp anderthalb Dekaden als treusorgender Familienvater. Als seit Langem saturierter Star, der 50 Millionen Tonträger verkaufte, probierte er es in den letzten 25 Jahren mit Ausflügen in den Reggae, Jazz und ins Croonergeschäft. Sogar der Idee, als Retro-Künstler moderne Popsounds unter die Leute zu bringen, hatte Hucknall sich hin und wieder (eher erfolglos) verschrieben. Die aktuelle Bandbesetzung von Simply Red macht Schluss mit dem Herumlavieren, denn sie hat sich dem Zelebrieren des Funk verschrieben. Eine gute Entscheidung! Band und Sänger zeigen auf den zehn Stücken des neuen Albums „Blue Eyed Soul“, von denen keines die Vier-Minuten-Grenze überschreitet und die trotzdem stets eine kleine Funk-Novelle erzählen, dass sie ihr Handwerk beherrschen.

Nach dem noch etwas berechnend funkenden Opener „Thinking Of You“, der förmlich jeden Trick groovender 70er-Jahre-Produktionen von Earth, Wind & Fire geklaut zu haben scheint, wird der Sound auf den folgenden Stücken angenehm organisch: „Sweet Child“ atmet den Geist eines Mid-Tempo-Krachers von Al Green, während „Ring That Bell“, „Bad Bootz“, „Don't Do Down“ und „Riding On A Train“ es mit P-Funk-Groove-Monstern der Marke Funkadelic aufnehmen können. Vor allem die zweite Hälfte des Albums geht in Sachen Party in die Vollen. Das vorletzte, sehr gelungene Stück „Chula“ ist ein gutes Beispiel hierfür. Zwischen James-Brown-Schreien, elegant schwingenden Bläsern und der obligatorischen Funk-Gitarre ergibt sich ein Rhythmus mit vielen Stopps und Pausen, die man gerne mit einem Körper in Bewegung füllen möchte. Sprich: Dieses Album ist zum Tanzen da und aufgrund der sehr ordentlichen Ausführung in strenger Retro-Ästethik auch bestens dafür geeignet.

Dass mit den Balladen „Tonight“, „Sweet Child“, „Complete Love“ und dem fast ein wenig coutryesken Stück „Take A Good Look“ 40 Prozent der Zeit für leichtes Durchatmen angesetzt wurden, ist in diesem Zusammenhang fast ein bisschen schade, wenngleich auch die langsamen Titel ihre Qualität haben. Vielleicht glaubte Mick Hucknall, auch seinem alten Image als Schmusesänger gerecht werden zu müssen. Oder er hatte Angst, dass zu viel Funk vielleicht doch ein wenig zu strapaziös für sein Publikums sein könnte. Man weiß es ja, über 40-Jährige und deutlich Ältere halten es nur in Ausnahmefällen länger als 15 bis 20 Minuten auf der Tanzfläche aus. Vielleicht erarbeiten sie sich mit der zweiten Hälfte von „Blue Eyed Soul“ schon mal die Grundkondition für die anstehenden Konzerte von Simply Red. Für Freunde funkbegeisterter Bewegungstherapie dürfte sich ein Ticket wohl lohnen.

Simply Red auf Tour:

29.10.2020 Hamburg, Barclaycard Arena

30.10.2020 Hannover, TUI Arena

31.10.2020 Leipzig, Arena

02.11.2020 Berlin, Mercedes Benz Arena

03.11.2020 Dortmund, Westfalenhalle

04.11.2020 Köln, Lanxess Arena

06.11.2020 Frankfurt, Festhalle

07.11. Mannheim, SAP Arena

08.11. München, Olympiahalle

18.11. Stuttgart, Schleyerhalle

teleschau

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