Pearl Jam

Still alive ...

Seit rund 30 Jahren stehen Pearl Jam mit Frntmann Eddie Vedder (dritter von links) auf der Bühne.
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Seit rund 30 Jahren stehen Pearl Jam mit Frntmann Eddie Vedder (dritter von links) auf der Bühne.

Hier kommt sie also, die gute Nachricht für all jene um die 50, die in Zeiten wie diesen auf die richtige Stimme gewartet haben: Pearl Jam veröffentlichen ein neues Album. Und: Es ist ein wunderbares geworden.

Lange trugen sie schwer an dieser Last, die so ziemlich Letzten einer ganzen Generation zu sein. Nirvana, Soundgarden, Alice In Chains oder eben Pearl Jam hießen die Götter, die Anfang der 90er-Jahre mit ihrer Musik die Welt veränderten. Ja, damals funktionierte so etwas tatsächlich noch. Manche der Heroen ertrugen die Popularität nicht, andere genossen sie zu sehr. Viele leben nicht mehr. Einige wenige wie Mudhoney machen Musik noch so nebenbei und fahren ansonsten Taxi oder arbeiten fürs gute alte Sub Pop Label. Eigentlich sind nur Pearl Jam mit Frontmann Eddie Vedder geblieben, und so war die Band lange Zeit mit einer geradezu irrsinnigen Erwartungshaltung konfrontiert. Da wurden Wunderwerke erwartet, die beim Hörer alles vereinen sollen - Nostalgie und Moderne, Gefühle von damals und dazu noch die von heute. Es ist schon gut so, dass seit ihrem letzten Album „Lightning Bolt“ nun ganze sieben Jahre vergangen sind.

Sieben Jahre, in denen sich die Welt und die Gesellschaft in ihr wieder einmal verändert haben. Eher, wie es scheint, nicht zum Besseren. Sagen jedenfalls die meisten, die damals - in jenen wilden, ungezügelten und schon auch sorglosen 90-ern - die letzte große Rock-Revolution erleben durften. „Gigaton“ ist ein Album für eben sie, die nun überall in der Welt daheim in der Wohnung sitzen. Die warten, bis der Sturm irgendwie vorüberzieht, und sich darüber verlieren im Gestern, als jeder noch vögeln, saufen, rauchen und feiern durfte, wie er wollte. Also, Ihr alt gewordenen Kinder des Grunge - nehmt Euch diese eine Stunde Musik vor. Home Dreaming statt Home Office. Mobile Thinking statt Mobile Working. Lohnt sich!

Zwölf Songs umfasst das Album, das von Josh Evans produziert wurde, bislang eher lose mit Pearl Jam verbunden, aber einer, der die Tonlage solcher Bands versteht - arbeitete er doch unter anderem schon vorher mit dem Bassisten Jeff Ament und dem Gitarristen Mike McCready zusammen.

Es geht laut und es geht leise

Schon der Opener, „Who Ever Said“, weist den Weg. Das sind Pearl Jam - bester Rock, ein Laut-und-Leise-Mix, variabel innerhalb jedes einzelnen Songs und doch melodiös. Die Vorabauskopplungen „Superblood Wolfmoon“ und „Dance Of The Clairvoyants“ waren nicht unumstritten, weil stellenweise ein bisschen komplex gestrickt. Aber man hört sich rein, was denn auch für das gesamte Album gilt. Die ersten Tracks sind schon eine Hommage an die Wut der 90-er. Kein Grunge im eigentlichen Sinne, weil zu perfekt, zu sauber produziert, aber eben unkommerziell und roh. „Dance Of The Clairvoyants“ spielt mit elektronischen Momenten, „Quick Escape“ ist ein spröder Rocksong, der es seinem Hörer nicht einfach machen will. Die erste Hälfte des Albums ist eine raue Reise in die amerikanische Gegenwart. Donald Trump kriegt selbstverständlich gleich mehrfach sein Fett weg ...

Der letzte Teil des Albums geht indes einen anderen Weg und richtet sich mehrheitlich an all jene, die Eddie Vedders Soloausflüge schätzen. 2007 schrieb er den Soundtrack für Sean Penns Kinofilm „Into the Wild“, vier Jahre später folgte das zweite Soloalbum „Ukulele Songs“, bei dem der Name Programm war. Leise, bedächtige, balladige Alben, über die Wellen getrieben von zahmem Wind. Die Songs „Retrogade“, „River Cross“ und „Comes Then Goes“ funktionieren nach ähnlichen Regeln - mit reduzierter Musik, akustischen Gitarren und eingängigen, aber keineswegs fantasielosen Melodien. Es sind fantastische stille Minuten voller Emotion.

Verzweiflung und Hoffnung

So ist es letzten Endes nur Eddie Vedders einzigartige Stimme, die die Brücke über dieses Album schlägt, das - sicher eine Frage des persönlichen Geschmacks - das beste der Band in diesem Jahrtausend ist. „Gigaton“ ist kein Hit-Album wie einst „Ten“ und auch nicht so epochal wie das künstlerisch wegweisende „Vitalogy“. Es ist, wenn man so will, eine Art von Quintessenz aus Pearl Jams musikalischem Schaffen über die letzten 30 Jahre hinweg. Eine Band, die sich keinerlei Genre-Vorgaben mehr verpflichtet sieht, sondern sich stattdessen jede Freiheit nimmt, die sie sich verdient hat.

Eigentlich wollten Pearl Jam in diesen Tagen durch Nordamerika touren. Aus bekanntem Grund wurden alle Auftritte verschoben. Zwei Gigs in Deutschland (Frankfurt, Main 23. Juni, und Berlin 25. Juni) waren geplant, sind natürlich längst ausverkauft und stehen auf der Kippe. Am Veröffentlichungstermin des Albums hat die Band dennoch festgehalten. Was ein Geschenk ist. Denn trotz aller Verzweiflung und Wut, die seit jeher in Pearl Jams Werken mitschwingt, hat diesmal auch die Hoffnung erstaunlich viel Text bekommen. Als hätten sie es gewusst, dass da draußen viele warten auf ein kleines bisschen Zuversicht ... still alive.

teleschau

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