Haiyti

Sprung in den Abgrund

Auf ihrem neuen Album "Sui Sui" vereint Haiyti bittere Melancholie, Drogengeschichten und honigsüße Melodien.
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Auf ihrem neuen Album „Sui Sui“ vereint Haiyti bittere Melancholie, Drogengeschichten und honigsüße Melodien.

Große Melancholie und noch größere Melodien: Haiyti implementiert auf ihrem neuen Album „Sui Sui“ hypnotischen Herzschmerz zwischen Drogengeschichten und flirrenden 808-Beats.

Es gibt Künstler, die haben ein klar umrissenes Image. Da weiß man sofort: Das ist der Look, das ist der Sound, das ist die Message. Haiyti indes ist seit jeher das genaue Gegenteil einer konsistenten Künstlerin. Seit ihrem Debütalbum „Havarie“ von 2015 springt sie mit jedem neuen Song, jeder EP, jedem Album wieder aus den unzähligen Schubladen, in die man sie kurz zuvor wieder einmal vergeblich zu packen versucht hat. In einem Moment ist sie selbstbestimmte Gangsterbraut, im anderen liebliche Schmusekatze und im nächsten zugedröhnte Party-Patronin. Wer Haiyti greifen will, muss zuallererst begreifen - nämlich, dass sie ungreifbar, und damit künstlerisch unangreifbar ist. Ihr neues Album „Sui Sui“ ist der bisher gelungenste Beleg dafür.

Das perfide Spiel mit Gegensätzlichkeiten beherrscht Haiyti perfekt, und zwar auf sämtlichen Ebenen: Aus ihren assoziativ wirkenden Wortsalven hämmert sie hypnotische Hooklines, die einem über Tage nicht mehr aus dem Kopf gehen, wie etwa in „Barrio“ (mit Veysel) oder „Paname“. Gleichzeitig schafft sie es jedoch, den unbestrittenen Pop-Appeal ihrer Songs nicht in seichter Oberflächlichkeit aufgehen und dadurch im Nichts verpuffen zu lassen. Ihre honigsüßen Melodien kombiniert sie stets mit einer Mischung aus großspuriger Gangster-Attitüde und bitterer Melancholie, die sie wiederum perfekt auf die trappigen Beatgerüste stapelt.

Und wenn sie nicht gerade ignorant auf die Takte spuckt wie in „Toulouse“ (mit Albi X) oder „Asbach“ (mit Klapse & Capuz), singt Haiyti mit einer Eindringlichkeit, die dem Hörer das pochende Herz aus der Brust zu reißen droht. Bestes Beispiel dafür: das auf einem welkenden Gitarrenriff aufgebaute Stück „Drogenfilm“, mit dem sie sich todessehns��chtig in ihre Seelentiefen stürzt. Auch der letzte Song „Audrey“ schlägt in diese Kerbe: Einsam und düster, zerbrechlich und zärtlich, singt Haiyti von der sterbenden Liebe und der auflebenden Schwermut. Haiyti umschmiegt diese schmerzenden Heartfeels mit größtmöglichem Einfühlungsvermögen, so als würde sie sich dadurch selbst Trost spenden. Abgrund-Pop nennt sie das. Wenn man sie denn um Himmels Willen unbedingt in eine Schublade packen muss, dann sollte es diese sein.

teleschau

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