Marius Müller-Westernhagen

Sein bestes Album seit 41 Jahren?

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Mit 70 Jahren längst fernab kommerzieller Interessen unterwegs: Marius Müller-Westernhagen hat mit einem früheren Mitstreiter Bob Dylans einen Deutschrock-Klassiker im südstaatlichen Blues'n'Country-Modus aufgenommen. Aus „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ (1978) wurde „Das Pfefferminz-Experiment“ (2019).

„Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ von 1978 ist eines der klassischen deutschen Pop-Alben. Zahlreiche Hits für die Ewigkeit finden sich darauf: „Mit 18“ etwa, „Dicke“ und „Johnny W.“. Nun hat der inzwischen 70-jährige Marius Müller-Westernhagen das Werk noch einmal ganz anders und verblüffend eindringlich aufgenommen.

Als der damals knapp 30-jährige Marius Müller-Westernhagen im Oktober 1978 sein viertes Album „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ veröffentlichte, wurde die heute als Großwerk empfundene Aufnahme nur zögerlich gekauft. Erst über die folgenden Jahre avancierten die zehn deutschsprachigen Bluesrock-Songs zum erfolgreichen Standardwerk des Deutsch-Rock. Zu einer Zeit, als dieser gerade noch eine Art Protestsound war.

Auch gut 40 Jahre später kann man den Erfolg des rotzigen Rotblonden nachvollziehen. Kurze Zeit später gelang Müller-Westernagen als Schauspieler mit dem Kinohit „Theo gegen den Rest der Welt“ (1980) ein ähnlicher Coup. Doch das erste Standbein blieb die Musik. Diese riss mit wegen ihrer rohen Energie und unverblümten Texte, die sich offen mit unmoralischen Lebensmodellen („Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, „Johnny W.“), der damals grassierenden RAF-Angst („Grüß mir die Genossen“) oder einfach nur einer Provokation fülliger Menschen („Dicke“) beschäftigten.

Nun könnte man meinen, ein solches Album nach 41 Jahren noch einmal neu aufzunehmen, zumal mit der erwartbaren „altersgerechten“ Unplugged-Methodik, sei nicht besonders originell. Doch auf das Ergebnis kommt es an - und das ist bei „Das Pfefferminz-Experiment“ geglückt. Komplett unbeeindruckt von der Geschichte der Songs dürften die amerikanischen Musiker gewesen sein, die diese neue Version unter dem Kommando von Westernhagens Produzenten und Mitmusiker Larry Campbell, der lange mit Bob Dylan spielte, aufgenommen haben. Einige aussagekräftige Videos zum Album zeigen die Sessions verschiedener Songs, die im legendären Dreamland Studio in Woodstock entstanden. Bei allen zehn Liedern dominieren die ruhigen, schweren Töne. Endlos schwirren die Gitarrensaiten, sanft heulen die Pedal-Steel-Gitarren - doch das Bemerkenswerteste ist wohl Westernhagens Gesang.

Überhöhe jeden Satz, als wäre es dein letzter

Dass er das Exaltierte und Theatralische mit dem rotzigen Sound der Straße zusammengebracht hatte, diese Leistung machte schon das Originalwerk zum Meilenstein deutscher Pop-Ausdruckskunst. Nicht jedem gefiel das Laute, Schreiende, ja Nervende am Gesang Westernhagens, der sich selbst immer in der Tradition der Blues-Shouter sah. Auch mit 70 macht er es seinen Kritikern nun nicht einfach. 41 Jahre später brummt, ächzt, quietscht oder jodelt Westernhagen die Songs, sodass man an manchen Stellen meinen könnte, weniger wäre mehr gewesen.

Doch genau das ist sein Ausdruck: Überhöhe jeden Satz, als wäre es der letzte, den du sagst, und fertig ist die Westernhagen-Energie. In seiner deutlich dunkleren, langsamer gesungenen Art hat dieser Ausdruck etwas von einer Bombe, die gleich hochgeht, oder auch von den Wünschen und Verwünschungen eines alten Magiers. Besonders stechen heraus: der autobiografische Opener „Mit 18“, die berührenden Ballade „Alles in den Wind“ sowie das Trinkerlied „Johnny W.“.

Geändert hat Marius Müller-Westernhagen an den Texten aus den späten 70-ern übrigens kein Wort, auch wenn die Zeilen alles andere als politisch korrekt waren. „Tanzen darf ein jeder Jud'“, „Neger, die sind dunkel. Im Dunkeln lässt sich's munkeln“ und der gesamte „Dicke“-Song sind so wie damals geblieben. Westernhagen, weit weg von rechtem Gedankengut oder Rassismus, sagt dazu, dass er das Werk als Provokation im Kontext der damaligen Zeit so stehen lassen wollte.

Tatsächlich hört man die unbefangen spätpubertären bis revolutionären Texte in den neuen, übrigens fantastisch klingenden Akustikversionen noch einmal neu. Wer auch nur ein bisschen Liebe für gute Country'n'Blues-Musik mitbringt, zum Beispiel auch für die „American Recordings“ Johnny Cashs, sollte dem alten Nervtöter Westernhagen eine Chance geben. „Das Pfefferminz-Experiment“ ist vielleicht sein bestes Album seit 41 Jahren, und das liegt nicht nur am Material.

teleschau

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