Klaus Doldinger's Passport

Schüttel dich, als wär's 1969

Auf „Motherhood“ interpretiert Klaus Doldinger die Musik seiner funky Jazzrock-Erweckungsphase um 1970 herum noch einmal neu. Die Vocals stammen unter anderem von Max Mutzke und einem gewissen Udo Lindenberg.
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Auf „Motherhood“ interpretiert Klaus Doldinger die Musik seiner funky Jazzrock-Erweckungsphase um 1970 herum noch einmal neu. Die Vocals stammen unter anderem von Max Mutzke und einem gewissen Udo Lindenberg.

Das ins Saxofon blasende Jazz-Energiewunder Klaus Doldinger, Erfinder deutscher Ewig-Melodien für „Tatort“ und „Das Boot“, veröffentlicht mit knapp 84 Jahren noch einmal ein atemloses Dance-Album. Respekt!

Viele Menschen fortgeschrittenen Alters wären wohl schon mit dem breitbeinig wippenden Power-Stand des „Motherhood“- Albumcovers überfordert. Darauf zeigt sich der Komponist, Bandleader und Saxofonist Klaus Doldinger, der am 12. Mai seinen 84. Geburtstag feiert, nämlich höchstpersönlich im Porträt: das Saxofon lässig am Körper schwingend, Tiger-auf-dem-Sprung-Pose und einen Psst-Finger mahnend vor den Lippen platziert. Selbst Ironie hat der Komponist der Melodien zu „Tatort“, „Das Boot“, „Ein Fall für Zwei“ und „Die unendliche Geschichte“ noch drauf - denn leise geht es auf „Motherhood“ keineswegs zu. Vielmehr reichen die elf Titel des im guten Sinne ziemlich retromäßig klingenden Albums bis in die Zeit zurück, in der Jazz-Rock erfunden wurde. Nicht immer, aber recht oft wurde er damals „funky“ interpretiert. So auch von einer Formation namens Motherhood, mit der Doldinger damals arbeitete.

Es war eine Zeit großer Veränderungen für den 1936 in Berlin geborenen Musiker, der in Düsseldorf ausgebildet wurde und mittlerweile schon lange im Bayerischen lebt. Schaut man sich Doldingers Biografie an, erkennt man ihn als lebenden Zeitzeugen mehrerer populär-musikalischer Übergänge. Bereits in den 50-ern spielte er öffentlich Dixieland. Ab 1963 dann Modern Jazz. Sein erstes Album hieß großdenkerisch provokant „Doldinger - Jazz Made In Germany“. Bevor der Saxofon-Energetiker seine bis heute existierende Band Passport gründete, nahm er um 1970 herum zwei Alben mit Motherhood auf, auf die er nun mit seiner neuen Veröffentlichung zurückkommt. Für „Motherhood“ (2020) spielte er einige seiner Lieblingstitel von damals noch einmal neu ein. Sozusagen als Rückreise in eine Zeit, in der der Jazz rockte wie Hund - und groovte wie Sau. Mit Sicherheit waren jene Jahre eine der prägendsten Phasen für Doldinger, der sich abseits seiner episch-melodischen Filmmusiken eigentlich immer als Power-Generator auf der Bühne verstand.

Mit dem Gesicht zu Kniedel-Soli der 70-er tanzen

Der Name „Motherhood“ entstand 1969 übrigens, weil Doldinger damals zum ersten Mal Vater wurde und sich tief beeindruckt von der Weiblichkeit unseres Kosmos zeigte. Interessant ist nun, wie der Altvordere künstlerisch in die Zeit vor gut 50 Jahren zurückreist. Um es kurz zu machen: Sein Ansatz besteht darin, Jazz-Funk, aber auch Kraut- und Progressive-Rock, ja des Öfteren sogar zappaeske Klänge von damals mit zeitgemäßem Klang zu verwirklichen - und dabei viele der Vocals noch einmal neu einsingen zu lassen. So assistieren etwa die schönen Stimmen von Max Mutzke und China Moses bei einigen Titeln.

Sogar ein erstaunlich jung klingender und auf Englisch singender Udo Lindenberg ist mit dabei, allerdings - das erklärt die jugendliche Energie - mit einer Vocal-Aufnahme von 1970. Lindenberg, damals übrigens Schlagzeuger bei Doldinger, singt den Titel „Devil Don't Get Me“, der noch sehr deutlich den frühen, an endlosen Schlagzeugbreaks reichen Jazzrock der 60-er atmet. Wenn Max Mutzke danach das todessehnsüchtige Stück „Song Of Dying“ singt, weiß man, wo der Geist einer Komposition wie des Grunge-Klassikers „Black Hole Sun“ von Soundgarden herkommt. Insofern ist diese Heimreise des alten Doldinger auch ein bisschen musikalische Spurensuche.

Doch, keine Sorge, die Themen und Grooves des Albums spinnen sich nicht derart morbide fort. Noch eine goldene 70er-Jahre Power-Jazz-Ballade („Yesterday's Song“), danach wird das Album deutlich funkiger. Ab „Women's Quarrel“ (mit China Moses) springt Doldingers Jazz-Funk-Motor an und schnurrt furios bis zum Ende der elf Stücke von vor 50 Jahren durch. Das Ganze lässt sich prima hören, wenn man Lust darauf hat, sich mal wieder wie damals zu schütteln oder das Gesicht zu gekniedelten Gitarren- und Mini-Moog-Synthesizer-Soli („Yesterday's Song“) zu verziehen. Von einer über 80-jährigen Musiklegende zu erwarten, dass sie neue musikalische Formen entwickelt, wäre wohl etwas viel verlangt. In erster Linie ist „Motherhood“ ein prima Albumprojekt, das Lust auf eine Zeit und ihre Ästhetik macht, die immer wieder mal eine Rückreise lohnt.

teleschau

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