Diplo

Vom Saloon auf die Schaumparty

Ein Cowboyhut macht noch keinen Cowboy: Diplo präsentiert mit „Chapter 1: Snake Oil“ sein erstes Country-Album, setzt dabei aber zu sehr auf abgedroschene Klischees.
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Ein Cowboyhut macht noch keinen Cowboy: Diplo präsentiert mit „Chapter 1: Snake Oil“ sein erstes Country-Album, setzt dabei aber zu sehr auf abgedroschene Klischees.

Der US-amerikanische Electro-Produzent und DJ-König Diplo, unter anderem bekannt durch das Projekt Major Lazer, hat ein Country-Album aufgenommen. Doch abgesehen von ein paar Country-Stars und Genre-Klischees handelt es sich bei „Chapter 1: Snake Oil“ eher um EDM-Etikettenschwindel.

Ein guter Witz muss den Schein des Unabsichtlichen haben. „Old Town Road“ von Lil Nas X war so ein guter Witz. Ein damals unbekannter Rapper aus Georgia nahm Ende 2018 einen Song auf, auf dem er Country-Elemente mit aktuellem Trap-Sound verband. Das Internet stand deswegen eine Weile Kopf, und ein paar Monate später hatte Lil Nas auf dem gesamten Globus etliche Gold-, Platin- und sogar zwei Diamant-Auszeichnungen eingesammelt. Ein Pop-Märchen, entstanden aus dem albernen Gag, mit Cowboyhut auf dem Kopf darüber zu rappen, dass man als Rapper lieber sein Pferd sattelt als Porsche zu fahren.

Auftritt Thomas Wesley Pentz, der unter dem Namen Diplo in den letzten 15 Jahren reihenweise Dancefloor-Kracher wie „Where Are Ü Now“ (mit Dubstep-Ikone Skrillex) oder „Lean On“ (mit seiner Band Major Lazer) auf die Schaumpartys dieser Welt kredenzte. Diplo war einmal eines der coolen Kids, damals, als er Avant-Pop-Lieblingen wie Santigold, Das Racist oder M.I.A. unvorhersehbare House- und Electro-Beats zurechtschnitt - eingängig, aber keinesfalls einfältig. Als er im letzten Jahr das unschuldige Stück „Old Town Road“ als tanzbares Remix-Ungetüm nach Ibiza trug, war das nicht mehr ganz so cool. Aber Diplo möchte mehr davon: Sein neues Album „Chapter 1: Snake Oil“, das er unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlicht, ist nämlich ein Country-Album. Oder so etwas in der Art.

Mit Country nichts am Hut

Man muss dem in Tupelo geborenen (ja, genau, Elvis Presleys Heimat) Musiker nicht vorwerfen, dass er in Florida aufgewachsen ist und seine Wurzeln eher im HipHop liegen als im Bluegrass. Man muss ihm auch nicht ankreiden, dass er trotz Krempe, Stiefel und Country-Stargästen (Thomas Rhett, Morgan Wallen, Noah Cyrus) massig EDM-Beats in die Trackliste programmiert hat. Was man ihm aber ankreiden kann, ist, dass er seinem Witz das Unabsichtliche stiehlt. Was „Chapter 1: Snake Oil“ bietet, sind in erster Linie Wild-West-Klischees, die augenscheinlich den Erfolg von „Old Town Road“ wiederholen wollen. Die Single „Do Si Do“ etwa kommt mit Mundharmonika-Akustikgitarren-Beat, Pfiffen und vermeintlichen Country-Signalwörtern wie „Honky Tonk“ oder „Daisy Dukes“ daher. Das Video mit Country-Rapper (ja, das gibt es) Blanco Brown ist „stilecht“ im Steckbrief-Look gehalten. Das ist so abgedroschen und kalkuliert, dass nicht einmal Rednex-Fans ein „Yeehaw“ zu entlocken wäre.

Am Ende ist „Chapter 1: Snake Oil“ ein klassischer Fall von Etikettenschwindel. Man hat drei, vier lumpige Western-Konzept-Songs, und zu denen gesellen sich reihenweise herkömmliche Four-to-the-floor-Pleaser wie „Dance With Me“ oder „Heartless“, die auch ohne Cowboystiefel zum Square Dance bitten. Es geht vom Saloon also wieder zurück auf die Schaumparty. Den Abschluss dieses seltsamen Albums bildet ironischerweise Diplos Remix zum eingangs erwähnten Song „Old Town Road“, und man wird unweigerlich daran erinnert, dass der überzogene Cowboy-Habitus mal witzig gemeint war. Nach ein paar Gläsern Feuerwasser lassen sich diese 30 Minuten vielleicht auf den Karl-May-Festspielen in die Stereoanlage schummeln - mit echtem Country hat dieses Album allerdings nichts am, äh, Hut.

teleschau

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