Moses Sumney

Das Recht, viele zu sein

Einer der vielversprechendsten Künstler, den die Indie-Szene derzeit zu bieten hat: Nach seinem vielbeachteten Debüt „Aromanticism“ hebt Moses Sumney seine Musik auf „Grae“ nun auf ein neues, noch höheres Niveau.
+
Einer der vielversprechendsten Künstler, den die Indie-Szene derzeit zu bieten hat: Nach seinem vielbeachteten Debüt „Aromanticism“ hebt Moses Sumney seine Musik auf „Grae“ nun auf ein neues, noch höheres Niveau.

Moses Sumneys „Grae“ ist ein herausragendes und schwermütiges Album, das sich sowohl Genre- als auch Identitätsschubladen konsequent entzieht.

Moses Sumney sieht immer aus, als käme er gerade aus einer Kunsthochschule. Der Endzwanziger aus Kalifornien kleidet sich fast ausschließlich im „All-Black-Look“. Zuletzt trug er eine Augenbraue weiß gefärbt, die andere in ihrem natürlichen Schwarz. Das sind die beiden Farben, aus denen sich der Titel seines zweiten Albums mischen lässt. „Grae“ ist ein Statement gegen Binarität und Entweder-Oder-Denken von einem Künstler, der am liebsten zwischen den Stühlen sitzt. In seiner Musik treffen Klassik, Soul und Avantgarde aufeinander, die Musikvideos sehen aus wie abgefilmte Theaterszenen. Seine Stimme beherrscht viele Register, bewegt sich aber am liebsten im Bereich eines zugleich fragil und betörend klingenden Falsetts.

Es hätte anders kommen können: Als Sumney 2013 auf der Bildfläche erschien, war die Musikindustrie gerade auf der Suche nach dem nächsten Frank Ocean. Sumney entschied sich dagegen, mit Leuten zu arbeiten, die in ihm „nur“ einen R'n'B oder Pop-Sänger sahen. Stattdessen veröffentlichte er seine ersten Singles selbst; „Grae“ erscheint wie schon sein Debütalbum („Aromanticism“, 2017) beim Indie-Label Jagjaguwar. Sumney wohnt heute in Asheville, North Carolina, und eben nicht in den Hollywood Hills.

Ein Magnum Opus, das erst einmal verdaut werden will

„Grae“ ist ein durchweg schwermütiges Album, aber Sumney besitzt ein herausragendes Gespür für Dynamik: Zu der bluesigen Bassline, die „Cut Me“ trägt, stoßen Bläser, Synthesizer und Percussions hinzu, nur um dann in der Mitte des Songs wieder auszusetzen und Platz für Klavierakkorde zu machen, während der Gesang in mehrstimmige Harmonien zerfällt. Im Text geht es darum, dass man sich gerade dann besonders lebendig fühlt, wenn man Schmerzen hat. Es ist Moses Sumneys Version einer Soul-Ballade und klingt, als würden Aretha Franklin und Ben E. King zusammen masochistische Performance-Kunst aufführen.

Zwischen den Songs finden sich Interludes, auf denen die Autorin und Fotografin Taiye Selasi identitätspolitische Überlegungen anstellt. Selasi hat ebenso wie Sumney westafrikanische Eltern. „I insist upon my right to be multiple“, sagt sie auf „Also Also Also And And And“. Diese Einforderung des „Rechts, viele zu sein“, vielschichtig zu sein und nicht in Schubladen zu passen, lässt sich auf postmigrantische Identität und Queerness beziehen, aber auch auf Sumneys musikalische Herangehensweise oder seine Position als Independent-Künstler.

Klar ist: Nachdem es auf dem Debütalbum „Aromanticism“ noch um sein Single-Dasein ging, hat Sumney sich mit „Grae“ ganz seinem Innenleben verschrieben. Lediglich auf „Me In 20 Years“ fragt er sich, ob er wohl jemals lernen wird, allein zu sein, ohne sich einsam zu fühlen. „Grae“ erschien in zwei Hälften, mit knapp drei Monaten Abstand, soll aber nun als ein einziges Album rezipiert werden. Sumney wusste wohl, dass man Zeit braucht, um dieses Magnum Opus zu verdauen.

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare