Charli XCX

Quarantäne-Pop 2.0

Wer wissen will, wie hochmoderner elektronischer Pop klingt, hält sich weiterhin an Charli XCX.
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Wer wissen will, wie hochmoderner elektronischer Pop klingt, hält sich weiterhin an Charli XCX.

Pop-Musik-Reformerin Charli XCX hat innerhalb von nur sechs Wochen ein Album produziert. „How I'm Feeling Now“ verbindet einen experimentellen elektronischen Sound mit Texten aus der sozialen Isolation.

Dass sie nur acht Monate nach dem Vorgänger „Charli“ erneut ein neues Album veröffentlichen würde, verkündete Charli XCX in einer Zoom-Videokonferenz vor 1.000 ihrer treuesten „Angels“ - so nennt die britische Pop-Sängerin und Songwriterin ihre Fans. Diese Art der digitalen Kommunikation, wie sie während der Coronakrise Basis allen Soziallebens geworden ist, sollte ein elementarer Teil der Albumproduktion sein. Schon wenige Tage nach der Ankündigung von „How I'm Feeling Now“ konnte man in Charli XCX' Instagram-Feed eine Demoversion der ersten Single „Forever“ hören. Während einer Instagram-Live-Session spielte sie dann einen Remix vor, der in den C-Part des finalen Songs einfloss. Dann schrieb sie live den Text - gemeinsam mit den Fans, die per Kommentarfunktion fleißig Vorschläge machten.

Man kann diese ungewöhnliche Methodik als eine Mischung aus Playlist-Album und Crowdsourcing beschreiben. Das Konzept des Playlist-Albums, das sich vom ersten Song an wie ein Puzzle zusammensetzt, anstatt in einem Stück veröffentlicht zu werden, hatte nach Kanye Wests 2016er-Platte „Life Of Pablo“ einen kurzen Hype, konnte sich aber nicht wirklich durchsetzen. Mit dem Begriff „Crowdsourcing“ meint man die Auslagerung bestimmter Aufgaben an freiwillige Mitarbeiter im Internet - in diesem Fall Charlis „Angels“, die eingeladen waren, nicht nur Textzeilen, sondern auch Artworks und Remixe einzusenden.

Das Leben unter Social-Distancing-Gebot

So ist ein Album entstanden, das Popstar-typische Melodik und Wortwahl mit experimenteller elektronischer Musik verbindet. Diesen Stil vertritt Charli XCX schon seit 2016, als sie begann, mit A.G. Cook und dessen Kollektiv und Label PC Music zu arbeiten. Es sind Produktionen mit futuristischer Ästhetik, welche die EDM- und Trance-Musik der Jahrtausendwende durch gurgelnde Störgeräusche und bis zum Anschlag aufgedrehte Effekte verfremden. „Pop 2“ wurde der Stil mit einem gleichnamigen Mixtape getauft - ein neuer Pop-Musik-Entwurf.

Auf dem neuen Album klingen diese Produktionen weniger aufpoliert und weniger ausufernd als zuletzt. „Visions“ arbeitet zwar mit einem überraschenden Techno-Part, wie er sich auf vielen PC-Music-Veröffentlichungen findet. Songs wie „7 Years“ oder „I Finally Understand“ hingegen sind pointierte Zwei- bis Dreiminüter, die keine abrupten Rhythmuswechsel brauchen, um progressiv zu klingen. Mit Breakbeats und rau produzierten, knarzenden Basslinien erinnern diese Songs an Shygirl oder Zebra Katz - Vertreter einer neuen Generation der experimentellen elektronischen Pop-Musik aus Großbritannien.

Die Texte des Albums thematisieren das Leben unter Social-Distancing-Gebot: „Anthems“ ist ein treibender Clubsong, beginnt aber mit der Zeile „I'm so bored“. Auf „C2.0“ vermisst Charli XCX ihre Clique. „I Finally Understand“ erzählt davon, wie die Quarantäne die Beziehung zu ihrem Freund verändert hat. „How I'm Feeling Now“ ist also ein Album, das nicht nur mit seinen Produktionsmethoden neuen Boden betritt, sondern auch den „Pop 2“ musikalisch updatet und ganz nebenbei noch die Stimmung der Zeit einfängt - eine beeindruckende Leistung.

teleschau

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