Hi! Spencer

Punk zwischen Kuchen und Abschlussball

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Hi! Spencer aus Osnabrück galten lange als Geheimtipp. Mit ihrem neuen Album „Nicht raus, aber weiter“ empfehlen sie sich nun für die große Bühne.

Große Gefühle und noch größere Refrains: Die von Gitarren getriebenen Songs von Hi! Spencer finden auf dem zweiten Album der Osnabrücker ihre innere Balance.

Wenn sie auf den Pressefotos so halb lieb, halb melancholisch in die Kamera linsen, könnte man fast meinen, die Osnabrücker von Hi! Spencer wären nur ein paar harmlose Jungs von der nachmittäglichen Film-AG. Doch die Band, die inzwischen mehr als ein Geheimtipp ist, konnte schon mit ihrem Debütalbum „Weiteratmen“ 2015 und der anschließenden EP „In den Wolken“ beweisen: Hier wird ordentlich in die Saiten und auf die Kacke gehauen. Man darf das Buch also auch hier nicht nach dem Umschlag beurteilen. Mit ihrer zweiten Platte „Nicht raus, aber weiter“ steigern Hi! Spencer sich erneut.

Ihre klassische und lineare Interpretation von Deutschrock ist heimlich in den Punk verliebt, was vor allem durch die Reibeisenstimme von Sänger Sven Bensmanns klar wird. Der Albumanfang mit „Weck mich auf“ und „Wo immer du bist“ sing-grölt seine emotionalen Refrains wie in Ekstase. Erst mit dem Titelsong nimmt sich die Band wieder zurück und bittet musikalisch zum Engtanz auf dem Abschlussball. Selten wurde die Flucht nach vorn als Tugend textlich charmanter verpackt („Ich habe geschworen, schöner zu scheitern, hier geht es nicht raus, aber weiter“) als hier. Mit einer Gesangsstimme, die nah bei Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks liegt, bekommt dieses Highlight seinen letzten Schliff.

Reif für den Aufstieg

Danach übernimmt in „Der Küchentisch“ auch mal Gitarrist Malte Thiede den Gesang, was bei Hi! Spencer keine Seltenheit ist, aber immer erfrischend wirkt. Dank Thiedes nicht ganz so voller Stimme wirken die Songs zerbrechlicher und intimer. Ruhig und kumpelhaft singt er: „Ich hab' Kuchen mitgebracht, jetzt erzähl mir, was du hast“. Danach türmen sich „Klippen“ episch auf und lassen die Wellen an sich zerschellen. Gelegentlich bewegen sich Hi! Spencer nah an der Kitschgrenze, aber überschritten wird sie nie. Immer, wenn ein Song vermeintlich durchschaut ist, setzen die Drums an der richtigen Stelle kurz aus und hauen doppelt so stark wieder rein. Wo es nervig werden könnte, nehmen Hi! Spencer sich Zeit, mit einem ruhigen Moment entgegenzuwirken.

„Nicht raus, aber weiter“ ist als Album perfekt austariert und zeigt die ganze Bandbreite der Band. Das Stück „Angst ist ein Magnet“ mit seiner Diskurs-Pop-Gedächtnispassage bildet das Gegengewicht zum Stadionrock von „Schalt mich ab“; die Balladen sind der Widerpart zur Mitgrölgewalt von „Deponie“. Und hinter all dem verstecken Hi! Spencer fast ganz am Ende sogar noch den stärksten Song der bisherigen Bandhistorie. „Richtung Norden“ steht in der Tradition großer norddeutscher Rocksongs über das blaue Nass, steht wacker auf dem Deich und lässt sich von Wellen umspülen. Wer hier nicht das Meer riecht, war wohl noch nie dort. Die Rock-Punk-oder-was-auch-immer-Osnabrücker sind zwar noch nicht in den großen Hallen angekommen, für die ihre größten Songs geschrieben sind. Mit ihrem zweiten Album zeigen sie aber ganz deutlich, dass sie reif sind für den Aufstieg.

teleschau

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