Roger Waters

Politik als Konzert

Von Schweinen, Mauern und der dunklen Seite des Mondes: Roger Waters definiert auf "Us + Them", was ein Konzert heute sein kann.
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Von Schweinen, Mauern und der dunklen Seite des Mondes: Roger Waters definiert auf „Us + Them“, was ein Konzert heute sein kann.

Eigentlich wollte Roger Waters in diesem Jahr erneut auf Tournee gehen - Corona machte dem ehemaligen Kopf von Pink Floyd jedoch einen Strich durch die Rechnung. Der atemberaubende Konzertmitschnitt „Us + Them“ entschädigt nun mehr als nur ein bisschen.

Kaum zu glauben, dass all das mit ein paar Dias angefangen hat. Als Pink Floyd noch kaum mehr waren als ein Geheimtipp im Londoner Untergrund, Mitte der 60er-Jahre, reichten der Band ein paar Projektoren, um die Art und Weise, wie eine Bühnenshow aussehen kann, zu revolutionieren. Viele Jahrzehnte später gelang Roger Waters, ehemaliger Kopf und Bassist der Band, dann das Kunststück, einmal mehr neu zu definieren, was ein Konzert sein kann: „Us + Them“ betitelte er seine bahnbrechende Tournee, die ihn von Mitte 2017 bis Ende 2018 für mehr als 150 Shows um die halbe Welt führte. Ein fantastischer Mitschnitt, aufgenommen an vier Abenden in Amsterdam, lässt nun auf CD, DVD, Blu-ray und Vinyl dieses einmalige Musikereignis wiederaufleben.

Waters startet das Konzert mit der Eröffnungssequenz aus „Dark Side Of The Moon“, geht über in eine irre Version von „One Of These Days“ und macht bei „Time“ aus der Halle in Amsterdam einen tickenden Uhrenladen. Begleitet wird er von einer hervorragenden Band (darunter langjährige Weggefährten wie Jon Carin) sowie den Sängerinnen Jess Wolfe and Holly Laessig, die den erotisch aufgeladenen „Great Gig In The Sky“ zur kleinen Sensation machen. Nach nur drei Stücken aus Waters' letztem Soloalbum „Is This The Life We Really Want?“ (2017) kommen die Floyd-Klassiker schlechthin: erst „Wish You Were Here“ und schließlich der Über-Song „Another Brick In The Wall“, bei dem Waters von Schülerinnen und Schülern auf der Bühne unterstützt wird.

Ein Roger-Waters-Konzert ist immer auch eine sehr politische Veranstaltung, ob einem das nun gefällt oder nicht. Es geht um die Flüchtlingskrise, den Staat Israel, Donald Trump. In diesem Kontext sind dann auch „Dogs“ und „Pigs“ zu lesen, die beiden Songs aus dem 1977er-Album „Animals“, mit denen Waters die zweite Hälfte der Show eröffnet. Wer eines dieser „Pigs“ ist, macht Waters mit Bildern von US-Präsident Trump mehr als deutlich. Subtil ist das nicht, aber wirkungsvoll.

Kraftwerke und fliegende Schweine

Die zweite Hälfte des Mitschnitts hat auch in Sachen Show und Inszenierung viel zu bieten. Mitten durch die Halle, über den Köpfen der Zuschauer, erhebt sich plötzlich die Battersea Power Station, jenes Kraftwerk im Zentrum Londons, das auf dem legendären Plattencover von „Animals“ zu sehen ist: eine gigantische Leinwand, über der rauchende Schornsteine thronen. Ein Meisterstück der Technik, das aus der Konzerthalle eine einzige gigantische Bühne macht. Irgendwann fliegt gar ein riesiges, aufblasbares Schwein durch die Gegend - Pink-Floyd-Magie, größenwahnsinnig zwar, aber noch immer beeindruckend.

Am Ende des Konzerts stehen dann die Songs „Brain Damage“ und „Eclipse“, die auch „Dark Side Of The Moon“ beschließen. Waters und Band spielen unter einem riesigen Prisma, das Laserstrahlen in die Halle projiziert. Als Zugabe, auf der Blu-ray im Bonusmaterial versteckt, schließlich das wie immer phänomenale „Comfortably Numb“. Selbstredend sind auch Bild und Klang (Regie führte Sean Evans, der schon Waters' „The Wall“-Tournee für die Nachwelt festhielt) absolut fantastisch.

Dass die Musik von Pink Floyd auch im intimeren Rahmen funktioniert, bewies unlängst Waters' ehemaliger Bandkollege Nick Mason, der die Stücke aus der frühen Schaffensperiode der Band in eher keinen Konzerthallen präsentierte. Nur: Die ganz große Geste, sie steht dieser Musik auch heute noch immer verdammt gut.

teleschau

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