Max Herre

Persönliches und Politisches in Pop gegossen

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Max Herre liefert mit „Athen“ ein wundervolles Comeback ab.

Sieben Jahre nach seinem letzten Album unternimmt Max Herre eine berauschende musikalische Reise nach „Athen“. Das Comeback des ehemaligen Freundeskreis-Sängers besticht durch abwechslungsreiche Klänge und gesellschaftspolitische Sensibilität.

Kaum zu glauben, dass schon zwei Dekaden ins Land gegangen sind, seit Max Herre mit Freundeskreis eines der beliebtesten deutschen HipHop-Alben überhaupt veröffentlichte. Wenn der einstige Jazz-Revoluzzer nun nach sieben Jahren mit seinem neuen Soloalbum ein Comeback feiert, ist „Esperanto“, jenes berauschende Rap-Soul-Fest voller Empathie und Melancholie, bereits 20 Jahre alt. An einen Zufall mag man angesichts dieses Jubiläums kaum glauben - schließlich wirkt der Neuling „Athen“ wie ein langerwartetes Sequel des gefeierten Klassikers. Oder, wie Herre es ausdrückt: „Es ist im selben Geiste 20 Jahre später gesprochen.“

Auch wenn Herre bereits vorher drei Soloalben veröffentlichte, unter denen vor allem das selbstbetitelte Debüt von 2004 und „Hallo Welt!“ von 2012 gut aufgenommen wurden: Mit „Athen“ gelingt dem 46-jährigen Rapper und Songwriter eine Art Meisterstück. Die Ausgewogenheit der 13 Songs mag der langen Arbeit an der Platte geschuldet sein (Herre verschob den Erscheinungstermin sogar um einige Monate) oder auch dem Versuch eines Album-Konzepts, zu dem Herre sagt: „Es gab nicht von vornherein den Gedanken, eine komplette Platte als Roadtrip nach Athen zu konzipieren. Athen war ein Aufhänger für verschiedene biografische Gedanken und Betrachtungen.“

Es ist jene gekonnte Verschränkung von Persönlichem und Politischem, gegossen in intellektuelle wie tanzbare Popmusik, die „Athen“ aus dem Gros der deutschsprachigen Veröffentlichungen hervorragen lässt. Herres Talent zum souligen emotionalen Einfühlen ebenso wie zum gesellschaftskritischen Kommentar findet auf „Athen“ eine Ausgeglichenheit, die dem jungen und offensiven „Esperanto“ noch abging. Ungezügelte Jazz-Eskapaden und furiose Instrumentals finden sich auf „Athen“ ebenso wie chartträchtige Pop-Kompositionen und hübsch arrangierte Low-Tempo-Stücke.

Warnungen und Liebeserklärungen

In biografisch geprägten Songs wie dem atmosphärischen Opener „Athen“ und dem nostalgischen Titel „17. September“ blitzt eine ewige Sehnsucht nach der griechischen Hauptstadt auf, in der Herres Vater lebte. Daneben weiß gerade ein Max Herre, der einst als eine Art linkes und soziales Gewissen des deutschen Rap galt: „Man kann eine Platte nicht 'Athen' nennen und die politischen Bezüge ausklammern. Das steht für vieles: neben der Krise auch für die Geflüchteten etwa.“ Um letztere geht es im mitreißend-getragenen Song „Sans papier“, der aus Sicht eines Menschen ohne Papiere berichtet: „Bin so müde, kann niemandem trauen“. Thematisiert wird auch der Rechtsruck der Gesellschaft, beispielsweise in dem bedrohlich inszenierten Stück „Dunkles Kapitel“, in dem Herre gemeinsam mit Dirk von Lowtzow und Megaloh mit einer Reminiszenz an seine Großmutter warnt: „Deutschland, Deutschland und so weiter, willkommen in der neuen alten Zeit“.

Ebenfalls als Gäste auf „Athen“ sind OK Kid und Dendemann geladen, mit deren Hilfe in „Die Box“ auch der klassische Rapper Herre aufblitzt, sowie Trettmann, der sich mit Herre auf den trappigen Roadtrip „Villa auf der Klippe“ begibt. Zudem wirkt Max Herres Ehefrau Joy Denalane im hübschen Piano-Liebesstück „Das Wenigste“ mit. Doch „Athen“ hat auch manche Überraschung zu bieten - etwa Herres Liebeserklärung an den Ostrock im Song „Nachts“, der die DDR-Band Panta Rhei sampelt. Der Stuttgarter Musikkenner glaubt, „dass die Bands im Osten in den 70er-Jahren weiter waren, was Musikalität und Technik angeht.“ Und dann ist da auch dieser explizite „Esperanto“-Moment im Stück „Siebzehn“, das Herres Vergangenheit mit der Gegenwart seines Teenager-Sohnes verschränkt: „Meine alten Lügen muss ich dir jetzt glauben“. Schöner kann ein Bogen zwischen damals und heute nicht gespannt werden.

teleschau

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