U.D.O. und das Musikkorps der Bundeswehr

Passt „wie Arsch auf Eimer“

Passt "wie Arsch auf Eimer": Christoph Scheibling, Dirigent des Musikkorps der Bundeswehr (links), und die deutsche Rock-Ikone Udo Dirkschneider fanden für ein einzigartiges musikalisches Projekt zusammen.
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Passt „wie Arsch auf Eimer“: Christoph Scheibling, Dirigent des Musikkorps der Bundeswehr (links), und die deutsche Rock-Ikone Udo Dirkschneider fanden für ein einzigartiges musikalisches Projekt zusammen.

Heavy Metal mit Pauken und Trompeten: Udo Dirkschneiders Band U.D.O. und das Musikkorps der Bundeswehr veröffentlichen mit „We Are One“ ein gemeinsames Album.

Es war schon ein ungewöhnlicher Anblick, als auf der riesigen Festivalbühne in Wacken 2015 ein vollständiges Orchester in Bundeswehruniform saß. Gemeinsam mit der Heavy-Metal-Band U.D.O. trat das Musikkorps auf, eine Reihe beinharter Rocksongs erstrahlte dank der originellen Arrangements in neuem Licht. Der Menge und den Mitwirkenden gefiel der Gig, ebenso wie ein späterer Auftritt bei der „Military Metal Night“ 2018. So erscheint es nur folgerichtig, dass nun mit „We Are One“ (erhältlich ab 17. Jui) das erste Album mit gemeinsam erarbeiteten Kompositionen folgt. Beim Treffen in Berlin erzählen Udo Dirkschneider (Frontmann von U.D.O.) und Christoph Scheibling (Dirigent des Musikkorps der Bundeswehr) von einer Zusammenarbeit der etwas anderen Art.

Die beiden Ensemble-Chefs zusammen beim Pressegespräch - mit etwas Pech wäre das nicht möglich gewesen. Udo Dirkschneider reiste vor dem Corona-Lockdown quasi in letzter Minute aus seiner Wahlheimat Ibiza zurück nach Deutschland. Oberstleutnant Christoph Scheibling und das Musikkorps hingegen befanden sich auf Konzertreise, als das öffentliche Leben stillgelegt wurde. „Wir hatten am Vorabend noch ein Konzert in der Liederhalle in Stuttgart gegeben und waren auf dem Weg nach Karlsruhe, als es quasi über Nacht hieß: “Das war es. keine Veranstaltungen mehr„, erinnert sich der Dirigent. Aber wie in vielen Fällen schaffte die schwierige Situation auch Zeit für andere Dinge. So habe man in Ruhe das Album finalisieren können, erklärt Scheibling. Udo Dirkschneider stimmt zu und gibt gleichzeitig zu bedenken: “Die Sache hat unser Business natürlich stark beeinträchtigt. Die ganzen abgesagten Tourneen sind für einige richtig heftig."

Auch der geplante Auftritt von U.D.O. und dem Musikkorps auf dem diesjährigen Wacken-Festival wurde abgesagt. Im Raum steht nun ein Nachholtermin am selben Ort im nächsten Jahr. Das Album „We Are One“ aber erscheint planmäßig. Ein wenig Ironie des Schicksals schwingt mit, wenn es heißt, dass es bei dem Projekt um die „kritische Bestandsaufnahme einer Welt“ geht, „in der wir alle unsere Spuren hinterlassen und in der wir uns alle auf unsere Weise verantworten müssen“. Dirkschneider: „Als wir mit den Texten begannen, war Corona noch gar nicht aktuell. Und plötzlich passt es wie Arsch auf Eimer. Auch in Bezug auf andere Themen, die wir verarbeiten. Klimaveränderung, stille Revolution, Rassismus. Das ist ja alles brandaktuell.“

Dirkschneider wird zum Rapper

Ebenso vielschichtig wie die angesprochenen Themen gestaltet sich die Musik. „Die Vielfarbigkeit macht das Album aus“, so Scheibling, der mit sichtlicher Leidenschaft über das vollbrachte Werk spricht. „Von der Menge her hätten wir auch eine Doppel-CD machen können. Um die 30 Songs waren das schon“, erzählt er von dem höchst produktiven Schaffensprozess. Dieser gestaltete sich aufgrund der vielen Beteiligten aber als echte Herausforderung. Mit Stefan Kaufmann und Peter Baltes waren zusätzlich zum Orchester auch zwei ehemalige Accept-Musiker involviert, mit denen Udo Dirkschneider in den 80-ern deutsche Rockgeschichte schrieb. Während Kaufmann bereits an der „Military Metal Night“ teilgenommen hatte, sah das bei Bassist Baltes anders aus. Es sei eher eine Sache des Zufalls gewesen, gibt Dirkschneider zu: „Wir hatten davor 15 Jahre lang, seit der Accept-Festival-Reunion, nicht miteinander gesprochen. Nicht im bösen Sinne, sondern weil es sich nicht ergeben hat.“

Auch von U.D.O. sowie von der Orchesterseite kamen Komponisten und Arrangeure dazu. Es sei eine Art gegenseitiges Zusammenfügen gewesen, so Oberstleutnant Scheibling. Insgesamt dauerte es ein knappes Jahr, bis alles fertig war, und der Klang der Songs wird viele Fans überraschen: „Es ist kein Bild in einem neuen Rahmen, wie bei bestehenden Songs. Sondern von Grund auf etwas Neues.“ Dirkschneider ergänzt: „Wir konnten uns von unserer Seite aus völlig frei bewegen und mussten nicht auf bestimmte Sachen achten, wie es bei U.D.O. aufgrund der Erwartungshaltung natürlich gegeben ist.“

Der Bogen auf dem Album reicht von einem Speed-Metal-Stück wie „We Strike Back“ (Dirkschneider: „Ehrlich gesagt war ich etwas überrascht, dass der Song mit Double-Bass und so genommen wurde“) über das von einem Saxofon veredelte Duett „Neon Diamond“ und hymnische Rocksongs wie den Titeltrack oder „Rebel Town“ bis hin zu instrumentalen Stücken, die im orchestralen Umfeld entstanden. Auch ein Debüt gibt es zu hören: In „Here We Go Again“ singt Dirkschneider zum ersten Mal zusammen mit seinem Sohn Sven, der normalerweise bei U.D.O. am Schlagzeug sitzt. „Das war auch nicht geplant“, erzählt der 68-jährige. „Ich war noch in Ibiza, und ein Demogesang wurde gebraucht. Den konnte ich dort nicht machen.“ Also durfte der Nachwuchs ran. Mit Erfolg. Und nicht nur das: Dirkschneider rappt in dem Song auch. Hat er das zuvor schon einmal gemacht? „Nein“, antwortet der Rock-Veteran wie aus der Pistole geschossen. „Das kam einfach so. Ich habe das aufgenommen und ins Studio geschickt. Da kam die Frage zurück: 'Meinst du das wirklich ernst?' Und ich antwortete: 'Ja, klar!“

„Viele Leute sehen das mit dem Militär ein bisschen kritisch“

So liegt es nun vor: das erste gemeinsame Album einer Heavy-Metal-Band mit dem symphonischen Blasorchester der Bundeswehr. Und wenn irgendein Rockmusiker der richtige für diese Kombination ist, dann Dirkscnheider. Manch einer erinnert sich vielleicht daran, dass Accept und Udo Dirkschneider einst mit Tarnkleidung auf die Bühne traten. „Andere Bands liefen in Spandexhöschen herum, wir in Militärkluft. Das kam durch den 'Rambo'-Film. Und wir hatten Karnevalsorden an der Uniform, das hat auch keiner kapiert. Aber: Eine deutsche Band in Militär in den 80-ern, das war schon heiß.“ Nun gut, es hat definitiv funktioniert, das Markenzeichen steht bis heute: „Aus dem Tarnanzug komme ich gar nicht mehr heraus“, lacht Dirkschneider. „Ich habe es mal probiert, aber er taucht immer wieder auf. Das ist einfach ein Image, mit dem mich die Leute verbinden.“

Aber wäre auch ein Projekt wie „We Are One“ in den 80-ern möglich gewesen? Dirkschneider und Scheibling zeigen sich skeptisch: „Ich glaube, dafür war die Protesthaltung zu hoch“, erörtert Scheibling. „Innerhalb der Bundeswehr war man darauf bedacht, auf anderen Kanälen das Image zu halten oder zu verbessern. Das war international, die Friedensbewegung war auf dem Höhepunkt. Nach der Wende und der Ost-West-Entspannung hat sich das geändert“, rekapituliert er die damalige Zeit. Und fügt hinzu, dass das Orchester heute viel besser ausgebildet sei: „Diese Kompetenz hätten wir so in den 80-er nicht abbilden können.“

Hätte ihm damals jemand so eine Zusammenarbeit prophezeit, hätte er denjenigen wohl für verrückt gehalten, schmunzelt Scheibling. Dann zeigt auf das Kanzleramt, das gegenüber dem Restaurant liegt, in welchem das Gespräch stattfindet. „Wir treten zum Beispiel dort drüben oft auf.“ Allerdings müsse man mit den Klischees zum Thema Militärmusik endlich mal aufräumen. „Wir haben keine Berührungsängste. Und wenn eines alle können, in der gleichen Art und Weise, dann ist es die Musik.“ Udo Dirkschneider nickt. „Viele Leute sehen das mit dem Militär ein bisschen kritisch. Aber Kinder, wir machen Musik. Da muss ich nicht über irgendwelche militärischen Sachen nachdenken.“

teleschau

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