Paul Weller

Opus magnum mit 62 Jahren

Im Rückspiegel sieht er die Zukunft: Paul Wellers neues Album klingt gleichzeitig jugendlich und nostalgisch.
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Im Rückspiegel sieht er die Zukunft: Paul Wellers neues Album klingt gleichzeitig jugendlich und nostalgisch.

„On Sunset“ von Paul Weller ist ein Soul-Album. Und ein klassisches Pop-Album. Nicht zu vergessen: ein orchestrales und ein experimentierfreudiges Album. Schubladen-Denken wird hier abgestraft, weil Weller Genre-Grenzen im Minutentakt sprengt.

„Ich finde es deprimierend, wenn Menschen in ein gewisses Alter kommen und aufhören, neue Musik zu hören“, erklärt Paul Weller in einem Pressetext zu seinem neuen Album. „Ich wurde in diesem Jahr 62 und suche immer noch jeden Tag nach neuem Zeug.“ Das erklärt, warum der alte Haudegen, der mit The Jam und The Style Council Musikgeschichte schrieb, auf seinem 15. Studioalbum „On Sunset“ jugendlich und reif zugleich klingt. Ohne einen feuchten Dreck auf Genregrenzen zu geben, ehrt er alle Stile, die er ehrenwert findet. So bringt der Godfather of Britpop kraftvollen Soul („Baptiste“) unter einen Hut mit Funk-Flair im 70er-Jahre-Stil („Old Father Tyme“), cineastischer Quentin-Tarantino-Coolness („More“), an den frühen Peter Gabriel erinnernder Experimentierfreude („Equanimity“), gutgelaunten Americana-Hymnen („Walkin'“) und 80er-Jahre-Zeitreisen („Earth Beat“).

Wie eine Rakete geht er ab im „Rockets“ betitelten furiosen Finale dieser mit Streichern und Bläsern auf Pop-Oper-Niveau erhobenen Reise durch die Musikgeschichte. Auch wenn „Rockets“ klingt wie die Wiederauferstehung des heiligen David Bowie, verbietet sich dieser Vergleich, denn Paul Weller ist bereits selbst eine Legende. Dennoch ist die Drama-getränkte Hommage an Bowies „Absolute Beginners“-Phase sicher kein Zufall, ebenso wenig wie die Beatles-Reminiszenzen auf „On Sunset“. Fun fact: Weller nannte seine Kinder John Paul und Bowie.

Besessen von Musik

Was sich liest wie ein heilloses Durcheinander, hört sich in der Praxis überraschend stringent und harmonisch an. Die gemeinsame Klammer: Paul Wellers Liebe zu Musik, die in dem 62-Jährigen noch ebenso leidenschaftlich brennt wie damals in seiner juvenilen Mod-Phase bei The Jam. Musik ist eben ein deutlich effektiveres Anti-Aging-Mittel als alles, was die Kosmetikindustrie zu bieten hat. „Musik ist meine Obsession, meine Erziehung, mein Entertainment, mein Kommunikationsmittel, alles was ich habe.“ Das ist der rote Faden des Albums „On Sunset“, wie Paul Weller selbst erklärt: „Jeder Track auf dem Album ist ein Ausdruck dieser Besessenheit.“

Es ist eine ansteckende Obsession: Wer „On Sunset“ hört, ist schockverliebt. Im fortgeschrittenen Alter und nachdem er schon so viel erlebt und geleistet hat, gelingt dem Dinosaurier des Pop ein spätes Opus magnum. Dass Weller dabei nicht nur in den Rückspiegel eines bewegten Musikerlebens blickt, sondern auch im Hier und Jetzt Vollgas gibt, macht „On Sunset“ zu einem generationenübergreifenden Hörerlebnis. All das verkörpert am besten der von surrealen Synthie-Sphären getragene Opener „Mirror Ball“ (deutsch: Discokugel). „Als ich den Song schrieb, dachte ich an all die Kids in all den Jahrzehnten“, erklärt Weller. „Ob Ballsaal in den 1920er-Jahren, psychedelischer Rave oder Techno Club - auf der Tanzfläche verwandelst du dich in einen glänzenden Stern.“

teleschau

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