Der Kern von Abba

„Piano“: Die neue Platte vom ABBA-Songwriter Benny Andersson

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Zwischen klassischer Romantik und edlem Barpiano: Abba-Komponist Benny Andersson erinnert sich auf dem Album „Piano“ an seine alten Melodien.

Auf seinem nach „ernsthafter“ Klassik klingenden Piano-only-Album erinnert sich Abba-Komponist Benny Andersson an persönliche Schaffenshöhepunkte.

Knapp 400 Millionen Tonträger soll Benny Andersson allein mit seiner Band Abba verkauft haben. Neben seinem langjährigen Freund Björn Ulvaeus war der bärtige Schwede Hauptsongwriter des größten europäischen Pop-Phänomens der 70er- und frühen 80er-Jahre. Mittlerweile ist Andersson 71 Jahre alt und muss sich um die Finanzierung seines täglichen Smörebröds keine Gedanken mehr machen. Stattdessen ruft das Alter den Pianisten zur Reflexion seines Lebenswerkes. Für das berühmte Klassiklabel Deutsche Grammophon spielte Andersson nun 21 seiner Kompositionen neu ein. Ganz puristisch, nur mit dem titelgebenden „Piano“ und ganz ohne Stimmen. Das Resultat schwankt stilistisch zwischen romantischer Klassik und von Ragtime beeinflusstem Barpiano.

Andersson hätte es sich einfach machen und schlicht die bekanntesten Abba-Melodien in schmissig-schmachtende Klavierversionen übertragen können. Doch tut man das, wenn man zu den erfolgreichsten Pop-Komponisten aller Zeiten zählt? Sowohl in seinem Spiel wie auch bei der Auswahl der Stücke zeigt das ehemalige Abba-Mitglied Geschmack.

Mit „Thank You For The Music“, „I Wonder“, „Happy New Year“ oder „Let The Music Speak“ adaptierte er nur eine Handvoll und noch nicht einmal die bekanntesten der unwiderstehlichen Popmelodien Abbas für sein „klassisches“ Album. Ein Großteil der Stücke entstammt weiteren Arbeiten des Klavier-Autodidakten: Er griff zurück auf Musicals wie „Chess“, klassische Kompositionen und volkstümliches, schwedisches Liedgut, dem Andersson nach den Abba-Jahren immer wieder Zeit widmete.

Neben der Auswahl der Stücke, die unabhängig von ihrem Entstehungsdatum oder ihrem „Einsatzgebiet“ stets wie aus einem Guss klingen, überzeugt auch der ungewöhnliche, angenehm kitschfreie Vortrag Anderssons. Seine Spielweise outet den bekennenden Bach-Fan auch als Kenner und Verehrer des Klavierwerks von Chopin oder Ravel. Zusätzlich mischt sich ein Groove und eine Rhythmik in Anderssons Spiel, die den Hörer an kultivierte Salons amerikanischer Großstädte im frühen 20. Jahrhundert denken lassen.

Spuren von Ragtime und anderer Barpiano-Stile jener frühen Zeit amerikanischer Unterhaltungskultur verschmelzen mit berückenden Melodien, die plötzlich wie aus einem Pop-Nirvana auf dieses maximal zeitlose Album herübergeweht kommen. Klar, das sind Melodien von Abba, denkt man plötzlich und erinnert sich an etwas, das man beim Hören dieses Albums schnell vergisst: Der ältere, freundlich lächelnde Pianist, der einen da in Schwarzweiß vom Cover unter dem gelben Siegel der Deutschen Grammophon anlächelt - er schrieb einst die euphorischste Massen-Popmusik, die von Europa aus den größeren Teil der Welt eroberte.

teleschau

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