Avril Lavigne

Nackt und ohne Nietengürtel

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Avril Lavigne, inzwischen 34 Jahre alt, meldet sich nach ihrer schweren Borreliose-Erkrankung mit dem neuen Album „Head Above Water“ zurück.

Anfang der 2000-er war Avril Lavigne eine freche Teenie-Ikone. Dass sie sich bis 2019 im Pop-Geschäft halten würde, kann damals kaum jemand erahnt haben. Das neue Album „Head Above Water“ versucht sich an modernen Pop-Hits und erzählt von Lavignes Kampf mit einer schweren Erkrankung.

Die Avril Lavigne, an die man sich unwillkürlich erinnert, wenn man die frühen 2000-er auf Schulhöfen verbracht hat, gibt es nicht mehr. Als sie mit ihren ersten Alben Umsätze machte, bei denen man sich heute fragen würde, ob ein Komma verrutscht ist („Let Go“, 2002, 20 Millionen verkaufte Exemplare), waren Nietengürtel und bunte Haare ihre Markenzeichen. Avril Lavigne sprach Teenager an, die Chucks trugen, ein Skateboard hatten (und vielleicht auch fahren konnten) und Blink 182 hörten.

Mit „Head Above Water“ ist die kanadisch-französische Musikerin 2019 plötzlich in den oberen Rängen der Christian Billboard Charts zu finden. Diese Hitparade ermittelt das Airplay und die Verkaufszahlen von Pop-Musik mit christlichen Inhalten. „God, keep my head above water“, singt die 34-Jährige auf dem vorab veröffentlichten Titelsong, und „I'll meet you there, at the altar / as I fall down to my knees“. Auch wenn die freche Inszenierung von früher natürlich unter der Oberfläche noch sehr bürgerlich war, ist das eine weit geöffnete Schere.

Dieser und ähnliche Spiritual-Momente auf dem neuen Langspieler beziehen sich wohl auf Lavignes Borreliose-Erkrankung, die 2014 kurz nach der Veröffentlichung ihres bis dato letzten Albums („Avril Lavigne“, 2013) diagnostiziert wurde, und auf den langen Genesungsprozess. Auf dem Cover sitzt Avril Lavigne nackt in einem umschatteten Gewässer, nur bedeckt von einer Akustikgitarre. So klischeebeladen wie diese Bildkomposition ist, so klar ist auch, was sie uns vermitteln will: Es geht um Songwriting, und es geht um eine besondere Offenheit und Ehrlichkeit. Dass bei männlichen Pop-Künstlern seltener auf Nacktheit gesetzt wird, um Offenheit und Ehrlichkeit zu suggerieren, sei hier nur eine Randnotiz.

Introspektion und magere Pop-Versuche

Zwischen persönlichen und religiösen Momenten findet sich auf „Head Above Water“ aber auch ein Song wie „Dumb Blonde“, der klingt, als käme er aus dem Soundtrack zu „Mean Girls“ oder einer ähnlichen Teenie-Komödie. Das soll wohl für ein obligatorisches bisschen 2000er-Nostalgie sorgen. Ähnlich fehl am Platz wirken die Titel „Souvenir“ und „Bigger Wow“, auf denen sehr offensichtlich versucht wird, Country-inspirierte Pop-Hits à la Taylor Swift oder Miley Cyrus zu erzeugen. Es gelingt Lavigne nicht, sich diesen modernen Pop-Stil in irgendeiner Weise zu eigen zu machen, und die Alleinstellungsmerkmale der frühen Avril Lavigne, diese görenhaften und lebenslustigen Pop-Momente, sucht man vergebens.

„Head Above Water“ ist deshalb ein sehr zweigeteiltes Album. Da sind zum einen introspektive Songs, die Lavignes stimmliche Fähigkeiten in den Vordergrund stellen und Fans der Sängerin ein berührendes Hörerlebnis bieten dürften. Demgegenüber stehen aber viele Pop-Hit-Versuche, die keinerlei Identifikationspotenzial bieten. Wie die Persona Avril Lavigne in Zukunft im Pop-Geschäft herausstechen will, bleibt vorerst offen.

teleschau

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